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TDie Glücklichmacherin schließt: Der Flohmarkt in Jork war ihr Leben

Julia Eberle weiß genau, in welchem Regal die Spiele in ihrem Flohmarkt liegen.

Julia Eberle weiß genau, in welchem Regal die Spiele in ihrem Flohmarkt liegen. Foto: Vasel

Julia Eberle ist Flohmarkthändlerin mit Leib und Seele. Doch die Tage ihres Kultladens in der alten Mühle in Jorkerfelde sind gezählt.

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Von Björn Vasel
Donnerstag, 16.04.2026, 06:00 Uhr

Jork. Wenn Julia Eberle aus Jork im Fernsehen beim Zappen beim zweiteiligen Fernsehfilm „Altes Land“ mit Iris Berben hängen bleibt, schwelgt die Altländerin in Erinnerungen. Bevor das Filmteam den Roman von Dörte Hansen im Jahr 2020 für das ZDF verfilmte, deckten sich die Requisiteure in ihrem Flohmarkt in der alten Mühle in Jorkerfelde ein: Kleider, Besen und ein Gameboy, all das stammte aus ihrem Geschäft.

Leidenschaftliche Flohmarkthändlerin seit Kindheitstagen

Inmitten von Spielen, Spielzeug, Geschirr, Kleidern, Büchern und Bildern sitzt die 37-Jährige am Eingang. Wehmütig. Der Flohmarkt ist ihr Leben. Gleich nach dem Schulabschluss hatte sie sich im Jahr 2012 in dem Ladengeschäft selbstständig gemacht - unterstützt von ihrer Mutter Christina. Doch aktuell läuft der Räumungsverkauf. Spätestens im März 2027 ist Schluss.

Sie könnte ganze Wohnungen komplett ausstatten.

Sie könnte ganze Wohnungen komplett ausstatten. Foto: Vasel

Julia Eberle war bereits als Schülerin auf Flohmärkten unterwegs. Ihr Spezialgebiet: Bücher. Ihre Mutter organisierte Flohmärkte, unter anderem in der Gaststätte Op‘n Diek in Mittelnkirchen. Dass ihre Tochter heute ihre Leidenschaft teilt, „das hat einen Grund“, sagt die Mutter. Und der liege in ihrer Kindheit. Ihre Eltern hätten ihre geliebte Schildkröt-Puppe Manuela einfach weggeworfen.

„Das hat mich sehr tief getroffen“, sagt Christina Eberle. Der Verlust schmerzte. Als Erwachsene machte sie sich auf die Suche nach ihrem Hawaii-Mädchen. Letztlich wurde sie fündig - natürlich auf einem Flohmarkt. Ihr Ruf eilte ihr voraus, auch auf dem Roten Sofa des NDR nahm sie Platz.

Eigentlich hätten sie 2012 lediglich eine Garage als Lager mieten wollen. Doch der Altländer Jeans-Shop der legendären Alma Opitz - ein Blick genügte ihr für die Größenbestimmung - war frei. Also zog der Flohmarkt mit Kitsch, Krimskrams, Kleidung und Trödel auf zwei Geschossen ein. Dieser ist heute eine Mischung aus Antiquitätengeschäft, Secondhandladen und Sozialkaufhaus. „Viele kommen zum Klönen“, sagt Julia Eberle.

Flohmarktfans aus Neuseeland reisten an

Wie groß ihr Warenbestand ist, weiß die 37-Jährige nicht genau. „Mit den Lego-Steinen vielleicht im Millionenbereich“, schätzt Eberle. Für sie hat das Chaos eine Ordnung. Eberle weiß genau, in welchem der Regale der Spieleklassiker Mensch ärgere dich nicht, der Schleich-Ritter oder das Kaffeeservice im Wedgwood-Stil liegt. Ihre Kunden seien bunt gemischt, Stammkunden reisen aus ganz Deutschland an. Sogar Neuseeländer wollten bei ihrer Visite im Alten Land unbedingt in den Flohmarkt. Der habe bei vielen Kultstatus.

Julia Eberle in der Gläser- und Geschirrabteilung ihres Flohmarktes.

Julia Eberle in der Gläser- und Geschirrabteilung ihres Flohmarktes. Foto: Vasel

Im Sommer kämen die Urlauber, um bei Schlechtwetter ein Spiel oder Spielzeug zu kaufen. Die Gesellschaftsspiele sind bei Einheimischen vor allem ab Herbst gefragt. Heiligabend machten sie extra am Vormittag auf - für Last-Minute-Geschenke. Sie erfüllen (fast) jeden Wunsch: „Für eine Hochzeitsfeier haben wir als Deko rund 200 Kaffeekannen auf einen Schlag verkauft.“

Während der stationäre Handel unter Ebay und Amazon leidet, nutzt sie die Online-Riesen aus: zur Preisbestimmung. „Ich bin immer etwas günstiger als das Internet“, sagt Eberle. Secondhand sei für sie eine super Sache. Es stimme sie traurig, dass heute viele Sachen, insbesondere bei Spielzeug, schon nach einem Jahr ausgedient hätten. Eltern und Kinder könnten bei ihnen viel Geld sparen, vieles sei nahezu neuwertig.

Ein echter Rembrandt? Kunst gibt es im Flohmarkt von Julia Eberle auch.

Ein echter Rembrandt? Kunst gibt es im Flohmarkt von Julia Eberle auch. Foto: Vasel

HSV-Wimpel erinnern an eine Zeit, als die Hamburger noch international spielten. 2 Euro, die Erinnerung gibt es zum Tiefstpreis. Zwischen den unzähligen Gemälden fällt den Besuchern das weltbekannte Werk „Der Mann mit dem Goldhelm“ in einem prachtvollen Goldrahmen sofort ins Auge. Es ist, wie das Original in der Berliner Gemäldegalerie, kein Rembrandt. Im Internet kostet es als Replik knapp 300 Euro. Und bei ihr? „Verhandlungssache“, sagt Eberle. Bei ihr könne sich jeder Kunst für kleines Geld leisten.

Räumungsverkauf in Jorkerfelde läuft

Sogar die Wrangler- und Levis-Werbeplakate an der Wand fänden noch ihre Liebhaber. Ihre Ware bekamen sie über Flohmärkte und Haushaltsauflösungen. Weil ihr Sortiment sehr groß ist, decken sich Händler bei ihnen ein. Für den Räumungsverkauf wird auch eine Lagerhalle genutzt. Sie haben montags bis sonnabends von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Von Mai bis Oktober wollen sie zusätzlich sonntags von 14 bis 17 Uhr öffnen. „Bei schnellem Abverkauf könnten wir Heizkosten im Winter sparen“, sagt die Flohmarktbetreiberin.

Blick auf die Umkleide des Altländer Jeans-Shops von Alma Opitz.

Blick auf die Umkleide des Altländer Jeans-Shops von Alma Opitz. Foto: Vasel

Im kommenden Jahr wolle die Eigentümerin einige Anbauten abreißen, so Eberle. Der Stumpf der ortsbildprägenden, nicht denkmalgeschützten Windmühle von Jork, diese hatte 1909 nach einem Feuer den Achtkant und die Flügel verloren, mit den Wohnungen bleibe stehen. Das freut sie. „Es ist ein Stück Geschichte“, betont die Enkelin des Spätimpressionisten und berühmtesten Malers des Alten Landes, Richard Eggers (1905 - 1995).

Die Windmühle in Jorkerfelde vor dem großen Brand von 1909.

Die Windmühle in Jorkerfelde vor dem großen Brand von 1909. Foto: Altländer Archiv

Alles habe seine Zeit. Ungewiss sei, ob sich das Geschäft in den nächsten Jahren noch getragen hätte. Was sie freue, sei, dass sie viele Menschen glücklich gemacht hätten - etwa Kinder, die sich für wenig Taschengeld ihre Playmobil-Träume erfüllen konnten.

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Stöbern lohnt sich immer: Noch hängt das Flohmarkt-Schild an der Jorker Mühle in Jorkerfelde.

Stöbern lohnt sich immer: Noch hängt das Flohmarkt-Schild an der Jorker Mühle in Jorkerfelde. Foto: Vasel

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