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TV-Kritik

TNeuer Wind im Alten Land: Die Altländer Zeitung im Realitätscheck

Der Journalisten-Nachwuchs beim TAGEBLATT nimmt die ZDF-Serie „Neuer Wind im Alten Land“ kritisch unter die Lupe: Thies Meyer und Rebecca Haardt.

Der Journalisten-Nachwuchs beim TAGEBLATT nimmt die ZDF-Serie „Neuer Wind im Alten Land“ kritisch unter die Lupe: Thies Meyer und Rebecca Haardt. Foto: Buchmann

Arbeiten Redakteure wirklich so wie Beke, Norbert & Co - oder tischt uns das ZDF kitschige Fernseh-Fantasie auf? Die TAGEBLATT-Volontäre Rebecca Haardt und Thies Meyer haben eine Meinung.

Von Rebecca Haardt und Thies Meyer Donnerstag, 14.05.2026, 17:50 Uhr

Ist Beke Rieper eine vorbildliche Redakteurin?

Beke Rieper (Felicitas Woll), die Karla Kolumna des Alten Landes, nimmt sich den Küstenblatt-Reporter vor, der ihre Schwester Heide erpressen will. Er droht, mit einem Beweisfoto die Affäre von Heide und Elmar, den beiden Bürgermeisterkandidaten, öffentlich zu machen. Beke reagiert vorbildlich: Wilde Spekulationen sind schlechter journalistischer Stil und „Rufmord“, sagt Beke dem Reporter, denn auch Personen des öffentlichen Lebens hätten eine Privatsphäre.

Wermutstropfen: Dabei geht es schließlich um Bekes Schwester. Beke scheitert immer mal wieder dabei, Privates und Berufliches zu trennen. Sie will Verkaufsqueen Rosie porträtieren, mischt sich aber in ihr Liebesleben ein und verletzt dabei die journalistische Berufsethik. Beke will etwas über Rosies Online-Lover Toni herausfinden und fotografiert am Arbeitsplatz seiner Kollegin geheime Dokumente von ihm.

Beke verletzt Persönlichkeitsrechte und beschafft sich unbefugt vertrauliche Daten: Vielleicht sollte sie nochmal zur Nachschulung für Journalisten in Berufsethik gehen.

Beke Rieper liebt es, Essays zu schreiben und investigativ zu berichten - wie in der Folge „Der Wolf“. Mit der journalistischen Distanz hält sie es nicht ganz so streng.

Beke Rieper liebt es, Essays zu schreiben und investigativ zu berichten - wie in der Folge „Der Wolf“. Mit der journalistischen Distanz hält sie es nicht ganz so streng. Foto: ZDF/Georges Pauly

Ist Norbert Heuer ein guter Chefredakteur?

Der Wolf reißt Norbert (Christoph Glaubacker) emotional hin- und her. Im Gespräch mit Beke setzt sich der unbekümmerte Chefredakteur der Altländer Zeitung (AZ) die „Sachlichkeitsmütze“ auf: „Ich bin jetzt wieder eiskalter neutraler Journalist.“ Als feststeht, dass die Altländer für den Wolf ihre Flinte aus dem Schrank holen dürfen, applaudiert Redakteur Ralf und Volontärin Zarah tötet ihn mit ihrem Blick. Norbert wird ungewohnt laut: „Leute, wir schreiben hier ohne hitzige Gefühle, wir bringen ganz nüchtern die News.“

Norbert legt in seiner Redaktion wert auf neutrale Berichterstattung, gibt aber immer nach, wenn Beke wieder einen Essay veröffentlichen will.

Norbert legt in seiner Redaktion wert auf neutrale Berichterstattung, gibt aber immer nach, wenn Beke wieder einen Essay veröffentlichen will. Foto: ZDF und Georges Pauly

Einerseits ist Norbert ein pflichtbewusster Chef, der bei der AZ vorlebt, was guten Journalismus ausmachen sollte. Andererseits hat der Prinzipientreue keine Chef-Aura und lässt es gerne locker angehen, auch bei seiner Durchsetzungsfähigkeit. Norbert ist bockig, dass Beke die fehlenden 120 Zeilen für die druckfertige Tagesausgabe „schon wieder“ mit einem Essay füllen will - beim TAGEBLATT gab es in den letzten 30 Jahren keinen einzigen Essay. Kein Wunder: Die eher abgehobene Textgattung kommt in einer echten Lokalzeitung kaum vor. Norbert lässt Beke machen, ihm sind flache Hierarchien wichtig. Das gefällt uns Volontären.

Ist die Altländer Zeitung wettbewerbsfähig?

Die AZ hat ein großes Problem: Wie wird die tägliche Printausgabe eigentlich voll? Beke jedenfalls schreibt maximal einen Artikel pro Folge. Statt ihren Job zu machen, widmet sie sich lieber dem Apfelkuchen ihrer Freundin. Ihre drei Kollegen sieht man oft im Redaktionsbüro, aber selten bei der Arbeit.

Stattdessen kabbeln die sich über veganen Joghurt und Artenschutz. Der Verdacht erhärtet sich: Die AZ leidet unter chronischem Artikelmangel und dürfte deutlich weniger Seiten haben als eine echte Tageszeitung.

Zu viert in der Redaktion: Wer füllt eigentlich die Seiten der Altländer Zeitung?

Zu viert in der Redaktion: Wer füllt eigentlich die Seiten der Altländer Zeitung? Foto: ZDF/Georges Pauly

Gefüllt werden diese Seiten dann entweder mit Texten über Banalitäten wie Bingoabende oder aber mit Bekes bereits erwähnten Essays. Darin schwadroniert sie gar nicht mal so tiefgründig über Feminismus, Einsamkeit oder Umweltschutz. Über Phrasendrescherei kommt die angebliche Starjournalistin jedoch nie hinaus. Ihre Erkenntnisse würden sich gut in einem esoterischen Wandkalender machen, nicht aber in einer Tageszeitung. Und schon gar nicht in der Online-Berichterstattung einer Lokalzeitung. Die AZ mag als romantisierte Fernseh-Version einer Tageszeitung funktionieren. Würde eine echte Zeitungsredaktion so arbeiten, wäre der Verlag schon lange pleite.

Wird der Volontärsalltag realistisch dargestellt?

Volontärin Zarah verschwindet nach der zweiten Folge der aktuellen Staffel aus der Redaktion und wird ausgetauscht gegen Kira. Warum Zarah die Redaktion verlässt, wird nie erklärt. Wir hoffen, sie hat ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.

Vielleicht hatte sie aber auch die ewigen Streitereien mit ihrem Kollegen Ralf satt. Der alteingesessene Redakteur beauftragt die Volontärin erstmal mit Kaffeekochen und wettert gegen ihre vegane Ernährung. Zum Glück sieht die Realität beim TAGEBLATT etwas anders aus. Kaffee kocht derjenige, der gerade Zeit hat. Liebevolle Sticheleien zum veganen Mittagessen gibt es aber durchaus von Kollegen.

Die neue Volontärin ist bei ihrem ersten Einsatz ganz dicht am Geschehen - und muss den Dorfpolizisten emotional aufbauen.

Die neue Volontärin ist bei ihrem ersten Einsatz ganz dicht am Geschehen - und muss den Dorfpolizisten emotional aufbauen. Foto: ZDF und Georges Pauly

Im Gegensatz zu Zarah darf Kira zeigen, was journalistisch in ihr steckt. Während eines Stromausfalls begleitet sie den Dorfpolizisten Kalle im Einsatz. Hier zeigt die Serie, dass Volontärinnen nicht nur in der Redaktion Däumchen drehen, sondern sich mitten ins Geschehen stürzen dürfen. Auch wir sind regelmäßig auf Außenterminen im Einsatz. Deshalb machen wir Lokaljournalismus.

Was Kira und ihre Vorgängerin Zarah allerdings nie machen, ist Texte zu schreiben - und das sollte ihre Hauptaufgabe sein. Statt an ihren Schreibkünsten zu feilen, haben sie Zeit, Demonstrationen zu organisieren und Hochsitze anzuzünden. Das treibt zwar die Handlung der Serie voran, eine realistische Darstellung des Volontärs-Alltag wie wir ihn kennen ist das aber nicht.

Realität oder Fernseh-Fantasie?

Das ZDF verliert sich in kitschigen Journalismusträumen, statt die Tageszeitung realistisch darzustellen. Vielleicht ist das auch nicht so quotenwirksam. Sollte das ZDF noch einmal die Volontärinnen in der AZ auswechseln, sind wir nicht am Start. Als fachliche Berater stehen wir aber gerne zur Verfügung.

Der Journalisten-Nachwuchs beim TAGEBLATT nimmt die ZDF-Serie „Neuer Wind im Alten Land“ kritisch unter die Lupe: Thies Meyer und Rebecca Haardt.

Der Journalisten-Nachwuchs beim TAGEBLATT nimmt die ZDF-Serie „Neuer Wind im Alten Land“ kritisch unter die Lupe: Thies Meyer und Rebecca Haardt. Foto: Buchmann

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