TVom Leben der Sinti in Stade: Eine Urgroßmutter erzählt
Luise Winter mit einem Foto, auf dem auch ihr Großvater und ihr Schwieger-Großvater zu sehen sind. Beide überlebten in der Nazizeit das Konzentrationslager. Foto: Anping Richter
„Wir sind Deutsche, aber eben anders“, sagt Luise Winter. Die 63-jährige Urgroßmutter spricht für die Sinti-Familien, die nach der Verfolgung in der Nazizeit nach Stade kamen. Sie wollen ihre Kultur weitergeben. Doch das ist heutzutage nicht einfach.
Stade. Im Frühjahr 1948 wurden die ersten Sinti mit ihren Wohnwagen von der Militärregierung auf einen Platz an der Harburger Straße eingewiesen. Luise Winters Schwieger-Großvater war dabei. Ein altes Foto zeigt ihn neben ihrem eigenen Großvater in einer Gruppe von Verwandten und Freunden.
„Mein Onkel ist im KZ Mauthausen gestorben“, sagt sie, während sie das Bild betrachtet. Ihr Großvater sei davongekommen. Ihre Großmutter auch, doch sie wurde zwangssterilisiert. „Zum Glück hatten sie da schon Kinder, auch meine Mutter.“
Erbärmliche Zustände im Stader Sinti-Lager
Luise Winter selbst ist in Bremerhaven aufgewachsen. Wie das Leben der Sinti in Stade früher war, weiß sie, weil sie als Kind oft Verwandte besuchte und hier auch ihren Mann kennenlernte. Damals war das Lager an der Harburger Straße draußen vor der Stadt. Heute treffen sich dort der Kreisverkehr der B73 und die A26. Es gab ein nahes Wäldchen, Wiesen und einen Bach, der wichtig war, denn fließendes Wasser und Kanalisation gab es nicht. Erst Ende der 1960er Jahre begann die Stadt, nach einem anderen Ort für die Sinti zu suchen.
Das TAGEBLATT nannte die Zustände 1969 „erbärmlich“ und berichtete von „armseligen Wohnwagen, Baracken oder Holzverschlägen unter unglaublichen hygienischen Verhältnissen“. In einer Zwölf-Quadratmeter-Holzhütte lebte eine Familie mit vier Kindern und einem Neugeborenen. Luise Winter hat die alten Zeitungsberichte aufbewahrt.

Sinti-Kinder in der Nachkriegszeit auf dem Platz des Lagers an der Harburger Straße. Foto: Tageblatt-Archiv
Die Menschen waren Stader Bürger. Das Wort „Zigeuner“ will Luise Winter nicht hören: „Das hat man uns angehängt.“ Sie seien Sinti. „Wir wurden immer verfolgt und haben das Überleben gelernt“, sagt Luise Winter. Ihr selbst wurde als Kind und Jugendliche noch geraten, sich in der Schule lieber nicht zu erkennen zu geben. Heute ist sie Urgroßmutter. Sie will, dass ihre Kinder die Sinti-Kultur kennen und stolz auf sich sind.
Was diese Kultur ausmacht? Sie hebt die Hände, setzt an und seufzt. Mit wenigen Worten sei das nicht zu erklären. Sie versucht es trotzdem: „Wir sind füreinander da. Wenn es einem von uns schlecht geht, kümmern wir uns, egal, um welche Uhrzeit, auch spät nachts. Bei uns kommt keiner ins Altersheim. Und Sinti ohne Kinder - das gibt es eigentlich nicht.“
Sinti haben jetzt Roma-Nachbarn aus der Ukraine
Wie viele Sinti es in Stade gibt, weiß Luise Winter nicht genau. 1969 wurden 33 Familien mit 149 Personen gezählt. Heute kommen manchmal 200 zusammen, wenn eine Hochzeit gefeiert wird. Oft am Bullenhof, wo die Stadt 1973/74 nach langen Bemühungen 14 Reihenhäuser für Sinti-Familien errichtete. Andere zogen in Wohnungen. In einem der Häuschen wohnt Luise Winter mit ihrem Mann und einem Enkel, der zurzeit eine Ausbildung macht. Insgesamt leben aktuell zehn Kinder unter 15 Jahren in den 14 Reihenhäusern.
Schräg gegenüber wohnen jetzt ukrainische Roma. Die Kinder begegnen sich, es gibt Kontakt. „Wir sind gastfreundlich“, sagt Luise Winter, die sich wie alle Angehörigen der Minderheit, die seit dem ausgehenden Mittelalter in Mitteleuropa beheimatet ist, Sinti nennt. Roma nennen sich die aus Ost- und Südosteuropa. Sinti und Roma sprechen Romanes, in dem sich die Herkunftssprachen niedergeschlagen haben.

Auch dieses Bild zeigt das Lager an der Harburger Straße. Foto: Tageblatt-Archiv
„Ich spreche das nur wenig“, sagt Luise Winter. Von außen machen die Häuser am Bullenhof nicht viel her: Matschige Wege, tiefe Lunken, so dass man nur vorsichtig vom Grundstück fahren sollte. Doch innen ist Winters Haus ein Schmuckstück. Im Wohnzimmer mit den Goldfischen auf der schimmernden Tapete kommen alle gerne zusammen - Familie, Verwandte, Freunde. Luise Winter liebt das. Und manchmal wird es ihr zu viel. Nebenan, auf einem leerstehenden städtischen Grundstück, hatten sie einen Schuppen gebaut, wo sie sich treffen konnten. Allerdings ohne Baugenehmigung, weshalb sie ihn nach Auseinandersetzungen mit der Stadt wieder abreißen mussten.
Luise Winter spricht für mehrere Stader Sinti-Frauen, wenn sie sagt, dass sie sich einen Raum wünschen. Vielleicht einen Container, der den Bauvorschriften entspricht, den sie unterhalten und dessen Anschaffung sie bei der Stadt abstottern könnten. Nicht nur für Treffen, sondern, um den Kindern etwas über ihre Geschichte und Kultur beizubringen: „Sie sollen wissen, wie man uns behandelt hat, was aus ihren Menschen geworden ist. Sie sollen wissen, dass sie Rechte haben.“ Dass eine Enkelin Jura studiert, macht sie stolz. Das Aufwachsen für junge Sinti sei auch heute nicht einfach. Die Mütter hätten gern einen Ort, an dem sie sein können, ohne in Schwierigkeiten zu kommen: „Wir wollen einfach wissen, wo sie sind.“

Bild des Lagers der Sinti an der Harburger Straße Ende der 60er Jahre. Foto: Tageblatt-Archiv