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Bürgerprotest

T200 gegen einen: Hat Deinste gute Argumente gegen das Sparkassen-Aus?

Andreas Neumann, Corinna Lange, Gerhard Dammann und Jörg Müller stehen vor der Sparkassen-Filiale in Deinste.

Vier von circa 200 Unterschreibern, die Forderungen an die Kreissparkasse Stade haben: Andreas Neumann, Corinna Lange, Gerhard Dammann und Jörg Müller. Foto: Meyer

„Die Filiale schließt 2027“, sagt die Sparkasse. 200 Deinster protestieren: „Sie muss bleiben.“ So argumentieren die Befürworter und die Gegner - und so geht es weiter.

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Von Thies Meyer
Donnerstag, 19.03.2026, 13:00 Uhr

Deinste. Etwa 200 Petitionsunterschreiber aus Deinste und einige aus Helmste und Fredenbeck sind empört: Die Kreissparkasse macht die Filiale Im Mühlenfeld zum 1. Januar 2027 dicht. Jede Unterschrift soll ein Signal sein und helfen, die Sparkasse umzustimmen oder einen Mittelweg zu finden.

Welche Argumente haben sie? Wie verteidigt die Sparkasse ihre Entscheidung? Und wie geht es weiter?

Pro Filiale: Deinste verliert „Lebensqualität“

Wie argumentiert der Protest? Die Protestierenden kämpfen besonders für die über 80-Jährigen. Aus dieser Generation war keiner bereit, mit dem TAGEBLATT zu sprechen, aber Deinstes Bürgermeister Jörg Müller berichtet stellvertretend für sie und die 200 Unterzeichner: Die Älteren seien auf Gespräche mit den zwei Mitarbeiterinnen am Schalter und Bargeld im Alltag angewiesen.

Ein Beispiel: Auf der anderen Straßenseite der Sparkasse können sie Brötchen und Kuchen bei Bäcker Heinbokel nur bar zahlen. „Wenn ich mein Geld als älterer Mensch nicht mehr in Deinste holen kann, verschwindet ein Stück Lebensqualität“, sagt Müller. Die Deinsterin Corinna Lange ergänzt: „Die Menschen haben das Gefühl, dass ihnen immer mehr weggenommen wird.“

Bargeld sei auch für die jüngere Generation wichtig, sagt Lange. Die Sparkasse im Wohnort helfe ihren Kindern, mit Geld umzugehen. Dieser Lerneffekt und die frühe Eigenverantwortung für die eigenen Finanzen falle mit der Schließung weg.

Wenig Bus und Bahn durch Deinste?

Viele der Unterschreiber seien nicht mehr fahrtüchtig und ohne Auto, so Müller. „Wir sind abgehängt vom ÖPNV.“ Nicht-mobile Deinster müssen mit dem Bus zum nächsten Geldautomaten nach Fredenbeck fahren, etwa mit der Buslinie 2370 zwischen den Bahnhöfen Stade und Kutenholz.

Beispielsweise sind von Deinste An der Bahn werktags zwischen 6.33 Uhr und 20.25 Uhr zwölf und samstags zwischen 9.40 Uhr und 20.22 Uhr vier Busse bis zur fünf Minuten entfernten Haltestelle Fredenbeck Hauptstraße unterwegs. Bahnfahren soll in Zukunft wieder möglich sein: Die Bahn zwischen Bremervörde und Stade soll reaktiviert werden und in Deinste halten.

Deinste pocht auf Kompromiss - und hat einen Vorschlag

Die Vertreter des Protests verstehen, warum die Bank digitale Angebote forciert. Gerhard Dammanns Einwände: „Das Online-Problem ist ein Generationen-Problem“, denn nicht alle Altersgruppen kämen gut mit App und Online-Chat klar. „Uns ist wichtig, dass wir einen Kompromiss finden“, sagt Lange und diskutiert eine Lösung.

Sie könne sich einen Automaten-Container vorstellen, damit die Deinster wie die Freiburger, Kutenholzer oder Oldendorfer in ihrem Dorf an Bargeld kommen.

200 gegen einen: 200 Deinster gegen Matthias Lühmann, der als Kreissparkassen-Vorsitzender die Interessen der Bank vertritt. Er hat Verständnis für das Unverständnis der Protestierenden und liefert Argumente für die Schließung.

Contra Filiale: Warum Kunden „mit den Füßen“ abstimmen

Wie argumentiert die Sparkasse? Ob Bäcker oder Supermarkt: Für andere Dienstleistungen müssten die Deinster auch ihr Dorf verlassen, kontert Lühmann und weist auf die kurze Anfahrt - „nur drei Kilometer“ - nach Fredenbeck hin. Er untermauert die Entscheidung der Kreisparkasse: „Wir werden die Leute nicht mehr in die Filiale locken können. Die Leute sind bequem - und das meine ich nicht negativ.“ Das konkretisiert er.

Das Kundenverhalten hat sich gewandelt. „Die Kunden stimmen mit den Füßen ab“, betont Lühmann und füttert sein Argument mit der Zählung in den Filialen. „Sie schauen 24/7 in der App oder nutzen 53 Stunden in der Woche das Kunden-Service-Center.“

Die Sparkassen-Filiale in Deinste von innen mit Geldautomat.

Physisch Geld abheben oder überweisen geht in der circa 2400-Einwohner-Gemeinde Deinste bald nicht mehr. Für Deinster ist die dichteste Filiale in Fredenbeck fünf Autominuten entfernt, für Helmster verdoppelt sich die Fahrtzeit auf zehn Minuten. Foto: Meyer

Beide Seiten kämpfen für ihre Zielgruppen: Deinste für die, die mit den digitalen Angeboten fremdeln. Die Sparkasse für die, die Finanzen am Smartphone statt am Schalter erledigen.

Ausblick: Wie Protestierende und Sparkasse an einer Lösung arbeiten

Kann der Protest etwas erreichen? Keine falschen Hoffnungen wolle Matthias Lühmann machen: Die Sparkasse wird das Filial-Aus nicht überdenken. Einigen sich beide Seiten auf einen Kompromiss?

Lühmann meint, ein Automaten-Container sei nicht umsetzbar. Die Kosten für Sicherheitsvorkehrungen inklusive Schutz vor Sprengungen hätten sich verdreifacht. Der Vorstandsvorsitzende hat Ideen, das Problem in Teilen zu lösen.

Er wolle sich einsetzen, Kartenzahlung bei Heinbokel möglich zu machen und für den Defibrillator in der Filiale werde ein Alternativstandort gesucht. Wie nach dem Filial-Aus in Mulsum könnte das Gerät, das Leben retten kann, für das Gemeindehaus gespendet werden.

Der Bürgerprotest gibt nicht auf. „Dafür haben wir viel zu viel Zuspruch“, sagt Corinna Lange. Im April wolle sie mit Jörg Müller die Unterschriftensammlung übergeben. „Wir gucken weiter, wie ein Kompromiss aussehen kann“, sagt sie.

Deinste wird seine Sparkasse verlieren. Es kämpft dafür, das Gebäude weiter für das Dorfleben zu gewinnen.

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