Zähl Pixel
Ehejubiläum

T25.567 gemeinsame Tage: Wie Waldemar im Stader Tanzlokal seine Senta umwarb

Waldemar und Senta Wiebcke sind seit 70 Jahren verheiratet.

Waldemar und Senta Wiebcke sind seit 70 Jahren verheiratet. Foto: Thumann

Als Senta singt, schlägt Waldemars Herz höher. Das war vor über 70 Jahren. Jetzt feiern die beiden Gnadenhochzeit. Das Geheimnis ihrer Ehe ist simpel.

Von Rainer Thumann 20.10.2026, 10:00 Uhr

Stade. Von der Altländer Straße bis an den Stadtrand nach Hahle ist es in Stade ein gutes Stück zu gehen. Waldemar Wiebcke nahm diese Strecke gern zu Fuß auf sich, denn dort gab es in den 1950er-Jahren das Lokal „Grüner Wald“. Und da war jeden Sonntagnachmittag Tanz mit einer Live-Kapelle angesagt.

„Auf der einen Seite saßen die Jungs und auf der anderen die Mädchen“, erinnert sich der heute 93-Jährige noch an die Szenerie, als wäre es gestern gewesen. Sein Augenmerk galt aber nur dem Star des Nachmittags: Senta begleitete mit ihren Gesangseinlagen die Band und ließ so manches Männerherz höherschlagen.

Waldemar setzt sich gegen die Verehrer durch

Vor allem das Herz von Waldemar, wenn Senta ein Lied von Siegfried Ulbrich intonierte: „Ich hab‘ ein Pi-Pa-Paddelboot, doch leider keinen Kapitän.“ Da war es um den jungen Mann geschehen. Doch es gab große Konkurrenz um Sentas Herz.

Senta Wiebcke hatte einige Verehrer. Waldemar hat schließlich ihr Herz erobert.

Senta Wiebcke hatte einige Verehrer. Waldemar hat schließlich ihr Herz erobert. Foto: Privat

Sie war bei den jungen Männern begehrt und hatte offenbar mehrere Verehrer. Waldemar ließ sich davon jedoch nicht abschrecken und blieb hartnäckig. Mit Erfolg. Am Dienstag sind Waldemar und Senta Wiebcke 70 Jahre miteinander verheiratet. 25.568 gemeinsame Tage und Nächte liegen dann hinter ihnen.

Dieses äußerst seltene Jubiläum feiert das Ehepaar im Familienkreis mit den beiden mittlerweile ebenfalls im Rentenalter befindlichen Kindern Gunda und Olaf, den fünf Enkelkindern und acht Urenkeln in der Riensförder Heidesiedlung. Als Gast hat sich die stellvertretende Stader Bürgermeisterin Daniela Oswald angekündigt. Selbst der Bundespräsident lässt es sich nicht nehmen, postalisch zu gratulieren.

Getrennte Zimmer im Hotel: „Andere Zeiten“

Gute Wünsche zu einem bisher vollauf zufriedenen Leben. Eine gemeinsame Wohnung zu finden, war 1956 nicht einfach. Als Waldemars Schwester nach Duisburg zog, übernahm das junge Paar die Wohnung am Hügelweg. Dass unverheiratete Paare bei einer Übernachtung noch getrennte Hotelzimmer nehmen mussten, erlebten die beiden bei einer Motorradtour nach Hannover am eigenen Leib. „Das waren andere Zeiten“, sagt Waldemar heute.

Beruflich führte Waldemars Weg zunächst über die Ausbildung zum Kfz-Schlosser bei Koppelmann am Stader Hafen und die Post 1963 zur Stadtsparkasse neben dem Zeughaus. Mit einer großen Dienstwohnung in der obersten Etage. „Da konnte man bis zur Elbe gucken“, erinnert sich die jetzt 91-jährige Senta. Gleich nach dem Schulabschluss machte sie eine kaufmännische Ausbildung. Ihr Ehemann kümmerte sich um die technischen Aufgaben und war bisweilen auch als Fahrer des Sparkassendirektors Lohmann unterwegs. Zuletzt arbeitete die Jubilarin als Chefsekretärin.

Sport und Reisen gehören zum erfüllten Leben

Lange gehörte ein eigenes Haus am Querweg zu ihrem Leben. Der Garten war ein gemeinsames Stück Freiheit, in dem beide pflanzten und sich gern aufhielten. Waldemar blieb bis ins hohe Alter sportlich aktiv. Er boxte, stemmte Gewichte, machte das Sportabzeichen und war viel mit dem Fahrrad unterwegs. Heute steht ein kleines Elektromobil vor der Haustür für den Einkauf bei Famila um die Ecke.

Auch das Reisen kam nicht zu kurz. „Zweimal waren wir in den USA. In Florida besuchten wir einen Freund. Eine Bus-Rundreise ging nach San Francisco und Las Vegas“, schwärmt das unzertrennliche Duo immer noch von ihren Touren. Besonders lebhaft erinnert sich Waldemar an Thailand. Die Freundlichkeit der Menschen dort habe ihn beeindruckt.

Seit 2018 wohnen die beiden in einer Senioren-Wohnanlage der Ernst und Claere Jung Stiftung. Sie gehörten zu den frühen Bewohnern der Einrichtung. „Wir sind hier von sehr viel Grün umgeben“, so Senta. Frühstück und Abendessen bereiten sie noch selbst zu, mittags gehen sie meist eine Etage runter zum gemeinsamen Essen. Unterstützung durch den Pflegedienst gehört inzwischen zum Alltag. Doch so viel Selbstständigkeit wie möglich möchten sich beide bewahren.

Geheimnis: Nach dem Gewitter wieder vertragen

Und was ist nun das Geheimnis einer Ehe, die sieben Jahrzehnte überdauert hat? Waldemar überlegt kurz, blickt zu seiner lächelnden Senta rüber und sagt: „Man muss sich vertragen können. Auch wenn es mal Gewitter gibt, kommt es darauf an, wieder zueinanderzufinden.“ Senta nickt zustimmend.

Vermutlich ist es genau diese schlichte Erkenntnis, die nach 70 Jahren mehr sagt als jedes große Eheversprechen. Aus dem Tanz im „Grünen Wald“ ist ein gemeinsames Leben geworden, mit Kindern, Enkeln und Urenkeln, mit Arbeit, Reisen und Abschieden. Und mit der Erinnerung an jenen Sonntagnachmittag, an dem Waldemar wusste, für wen er künftig gern den weiten Weg nach Hahle auf sich nehmen würde.

Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel

T Hilfe nach Gewalttat: Was Betroffene wissen sollten

Opfer und Hinterbliebene von Straftaten, beispielsweise bei den sechs Morden in Stade, müssen nicht nur seelische Folgen bewältigen, sondern sich oft auch durch komplizierte Anträge kämpfen. Hier gibt es Hilfe.