T81-Jährige frisiert immer noch - und hat einen Neben- im Hauptberuf
Heike Hain macht seit 1967 Freiburgern die Haare schön. Foto: Meyer
Sie stylt in ihrem Salon in Freiburg die, „die noch von der Dauerwelle leben“: Mit 81 Jahren hätte Heike Hain längst aufhören können. Was hält sie davon ab?
Freiburg. Es braucht noch ein Foto. Heike Hain (81) sitzt auf einem Friseurstuhl und schaut in den Spiegel. „Nee, das machen wir nicht“, sagt sie. Ungewohnte Perspektive. Die Szene gefällt ihr nicht. Sie hat Recht. Denn sie ist die Friseurin und steht immer.
Hain steht an einem Waschbecken in ihrem Friseursalon in Freiburg. Im Hintergrund hängen Spiegel an der Wand, Föhn und Nackenpinsel liegen in einem Regal, Rasierer und Haarspray stehen auf einer Ablage. Sie lächelt in die Kamera. Das ist die treffendere Perspektive.
Staderin zieht es nach Freiburg
Heike Hain gehört zu den Oldies, die Freiburg am Laufen halten. Das TAGEBLATT stellt in den kommenden Tagen alte, aber unverzichtbare Menschen vor, die mit ihrem Einzelhandel oder Handwerksbetrieben das Freiburger Dorfleben prägen.

Willkommen in Heike Hains Friseursalon. Foto: Meyer
Die gebürtige Staderin ist gelernte Zahntechnikerin. Ihr Mann war Friseurmeister, hatte in Stade einen eigenen Salon und auch viele Kunden aus Freiburg. 1967 verließen die Hains Stade für Freiburg und eröffneten dort ihren Friseursalon. Als ihr Mann vor 30 Jahren starb, übernahm sie den Laden - „weil ich von Anfang an dabei war“.
Die Zeiten haben sich geändert, Freiburg auch. Hain versetzt sich in das Jahr 1967. „Als wir hierherkamen, hatte Freiburg noch 3.800 Einwohner. Jetzt haben wir, glaube ich, noch 1.500“, sagt sie. Und Freiburg hatte: ein Gericht, ein Krankenhaus, vier Bäcker. „Wir haben ja alle gut gelebt.“ Hain zählt auf, was mal war. Öffentliche Einrichtungen und der Einzelhandel belebten das Dorf. „Nun wird es hier immer ruhiger.“ Vor fast einem Jahr schloss auch die Apotheke. Damit wurde die Stille in Freiburg noch stiller.
Heike Hain liebt nicht nur das Haareschneiden
Der Gedanke treibt sie manchmal um: Aufhören? „Ich könnte mal aufhören“, sagt Hain, „aber ich habe so viele liebe, nette, alte Kunden, die keine Kinder haben, die keinen Fahrer haben. Die wissen nicht, wie sie zum Friseur kommen sollen.“ Diese Kunden - „ein Schlag für sich, aber alle top“ - baten Hain zu bleiben. Ihre Tür ist drei mal die Woche offen, für Damen und Herren.
Geschäftsaufgabe
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Sohn Klaus Hain sitzt neben ihr in Relax-Pose, er lehnt sich weit zurück in seinem Friseurstuhl und schlägt die Hände am Hinterkopf zusammen. Hain schaut seine Mutter an. „Also ich möchte eigentlich, dass meine Mutter seit 20 Jahren in Rente ist.“ Mit Mitte 60 habe sie „auch mal genug geleistet“.
Die Gelegenheit, aufzuhören, war da, als ihre Angestellte am 31. Dezember 2025 in Rente ging. „Aber was hier an Bitten von den Kunden kam ...“, sagt der Sohn. „Bleib doch bitte“, imitiert seine Mutter den unbedingten Wunsch der Freiburger.
Hains besonderer Nebenberuf als Friseurin
„Ich habe noch Lust, mich ein bisschen zu quälen.“ Und vor allem: ein bisschen schnacken mit den Kunden. Ihre Kunden sind die, „die noch von der Dauerwelle leben“. Kunden mit roten, grünen oder blauen Strähnen-Wünschen hat sie nicht. „Alles ordentlich, natürlich“, beschreibt die 81-Jährige die Haare ihrer Gäste.
Für die ist sie wie eine Seelsorgerin. So manches musste sie sich schon anhören. Das tue aber gut, so Hain. Was im Salon geredet wird, bleibt im Salon. Viel Reden war früher nicht.

Das ist der Charme von Heike Hains Friseursalon in Freiburg. An guten Tagen sei jeder Stuhl besetzt. Foto: Meyer
Denn jeder Platz hatte eine Kabine, erinnert sich Klaus Hain an den Salon vor etwa 40 Jahren. Die eine durfte nicht sehen, ob die andere Nachbarin weiße Strähnen oder eine Welle bekommt. „Das sah aus wie ein Massagesalon“, lacht der Junior. Seitdem die geheime Kabinen-Atmosphäre Geschichte ist, ist die Stimmung eine andere im Salon. Es werde mehr gegackert. Die Gespräche sparten keinen Sitzplatz aus. Nur zu einer Jahreszeit: Wenn Apfelernte war.
In der Corona-Zeit durfte Hain für die Dauerwellen-Dauergäste keine Zeitung auslegen. Die Kunden seien ihr unter der Haube eingeschlafen, erzählt Hain und muss kichern. „Das war eigentlich ganz niedlich.“
Mobilen und gesunden Freiburgern geht es gut
Wenn eines Tages eine Nachfolge vor der Tür stünde, wäre Heike Hain sofort bereit, abzugeben. Es wäre alles da: Ein uriger Salon, voll funktionsfähig und mit eigenem Charme. Und die Stammkunden. Schon „morgen“ könnte eine Nachfolge übernehmen. Doch es meldete sich kein Interessierter. Hain schrieb die Handwerkskammer an. „Keiner da, der Interesse hat“, sagt sie. Warum?

Heike Hain bringt's: Die 81-Jährige will ihren Stammkunden zuliebe Kamm, Schere und Spiegel noch nicht weglegen. Foto: Meyer
Die Freiburgerin glaubt, viel Geld könne man als Friseur nicht verdienen. Aber vor allem wolle niemand Verantwortung auf sich nehmen. Der Job als selbstständige Friseurin verlangt nicht nur Haareschneiden. Es verlangt auch Gespräche bei der Bank und beim Steuerberater.
Das Aussterben des Einzelhandels in ihrem Dorf stimmt Hain traurig. Wer alt und nicht mobil sei, habe Probleme. Ein Beispiel: Der nahegelegenste Augenarzt ist in Stade. Die Reise dorthin sei für Senioren eine „Riesen-Tortur“, sagt Klaus Hain - mit dem Bus ein Tagesausflug.
Aber es ist nicht alles schlecht. „Wenn man gesund ist und einigermaßen Auskommen hat, ist das Leben hier wunderbar“, sagt Heike Hain. Die Dauerwelle ist Schuld, dass sie weitermacht.
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