TAbschied von St. Michael: Katholische Kirche in Harsefeld wird abgerissen
Maria und Martin Schimmöller vor der Kirche St. Michael. Foto: P. Meyer
Jahrelang war die Kirche St. Michael in Harsefeld ein Ort des Glaubens und diente Pilgern als Übernachtungsmöglichkeit. Jetzt wird sie abgerissen. Was kommt danach?
Harsefeld. Noch einmal wird Musik durch die Räume von St. Michael klingen. Bevor das katholische Gotteshaus in Harsefeld samt Pilgerherberge nach 59 Jahren entwidmet und abgerissen wird, lädt die Kirchengemeinde zu einem letzten Orgelkonzert am Sonntag, 25. Januar, um 17 Uhr.
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Die Samtgemeinde Harsefeld zählt rund 1000 Katholikinnen und Katholiken. Doch die Kirchengemeinde St. Michael ist klein geworden, ein eigener Priester ist seit den 1980er Jahren nicht mehr vor Ort. St. Michael ist seit langem schon Filialkirche der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Buxtehude.

Die katholische Kirche St. Michael: 1974 gab es noch keinen Anbau. Foto: Samtgemeindearchiv Harsefeld
Warum die Kirche jetzt abgerissen wird, hat strukturelle Gründe. Das Bistum Hildesheim reagiert auf sinkende Mitgliederzahlen mit Strukturreformen. Nun trifft es auch Harsefeld. Engagierte Gemeindemitglieder hatten sich für den Erhalt des Kirchengebäudes eingesetzt, darunter auch Martin Schimmöller. „Das Interesse der Gemeinde war da“, sagt er, „doch letztlich stellte sich die Kirche quer.“
Eine knapp 60 Jahre lange Geschichte geht zu Ende
Bevor das Gotteshaus 1967 gebaut wurde, fanden katholische Gottesdienste in Harsefeld in einer kleinen Kapelle statt, die kaum 35 Gläubigen Platz bot. Der neue Bau, zunächst als einfache Übergangslösung gedacht, wurde schließlich zur Heimat der katholischen Gemeinde in Harsefeld.

Maria Schimmöller kümmert sich seit über zehn Jahren um die Pilgerherberge. Foto: P. Meyer
Maria und Martin Schimmöller engagierten sich über Jahrzehnte in der Kirchengemeinde. „Es ist eine große Enttäuschung“, sagt Maria Schimmöller. „Manche unserer Kirchenmitglieder wurden hier getauft, andere haben ihre Kommunion gefeiert. Wir selbst haben hier unsere silberne Hochzeit begangen.“
Wichtig sei ihnen, dass zumindest Teile des Gemeindelebens erhalten bleiben: etwa der Martinszug, die Sternsingeraktion oder der Pfingstgottesdienst. Auch Gespräche mit der evangelischen Kirche über eine mögliche Mitnutzung von Räumen habe es bereits gegeben. „Es kann auch eine Chance sein, weiter zusammenzurücken“, sagt Martin Schimmöller.
Ein Ort zum Beten, Innehalten und Rasten
Ein besonderer Teil von St. Michael war über viele Jahre die Pilgerherberge, die sich in den Räumen der Kirche befand und ebenfalls vom Abriss betroffen sein wird. Seit 2008 fanden hier jedes Jahr rund 80 bis 100 Pilger einen Schlafplatz. Viele von ihnen pilgerten den Jakobsweg Via Baltica.

Die Pilgerherberge in der Kirche St. Michael bot über die Jahre Hunderten Pilgern ein Dach über dem Kopf. Foto: P. Meyer
Zunächst übernachteten die Gäste provisorisch im Pfarrsaal; später, nach dem Wegzug der Steyler Missionsschwestern, in eigens umgebauten Räumen innerhalb der Kirche. „Viele waren überrascht, dass sie quasi in der Kirche übernachten konnten“, erinnert sich Maria Schimmöller, die sich seit rund zehn Jahren um die Herberge kümmert. Die Tür zur Kirche stand den Pilgern offen, viele nutzten die Stille des Raumes zum Beten, Ausruhen und Innehalten.
Die Pilger kamen aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Harsefeld: Einige waren auf der Suche nach Ruhe, andere wollten nach einschneidenden Ereignissen Abstand gewinnen. Alleine, in Gruppen oder mit dem Fahrrad.
„Es gab Begegnungen, die vergisst man nicht“, sagt Maria Schimmöller. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihr eine Frau, die gemeinsam mit Hund und Pferd unterwegs war. Letzteres durfte die Nacht über im Kirchgarten grasen.
Abends nahm sich Maria Schimmöller oft Zeit für Gespräche, erklärte den Pilgern die Herberge, zeigte ihnen Dusche und Küche und hörte ihre Geschichten.

Bevor die katholische Kirche St. Michael abgerissen wird, erklingt die Orgel ein letztes Mal am 25. Januar. Foto: P. Meyer
Wie wohl sich viele in St. Michael fühlten, zeigen die zahlreichen Einträge im Pilger-Gästebuch, das Schimmöller bis heute aufbewahrt. Hunderte handschriftliche Nachrichten berichten von Dankbarkeit, Ruhe und besonderen Momenten.
„Mir blutet das Herz, wenn ich daran denke, dass dieser Ort verschwindet“, sagt sie. Umso größer ist ihre Hoffnung, dass die Pilgerherberge auch ohne Kirche in anderer Form weiterbestehen kann.
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Nach der Profanierung am 31. Januar wird das Kirchengebäude abgerissen. Der 2004 errichtete Anbau bleibt bestehen und soll von den Rotenburger Werken, die das Gelände übernehmen, weiter genutzt werden. Dort könnten wieder Übernachtungsplätze entstehen, die Rotenburger Werke haben dafür Bereitschaft signalisiert. Das Grundstück ist im Bebauungsplan bereits als Fläche für soziales Wohnen festgelegt worden.
Wenn die Orgel zum letzten Mal spielt
Ein letzter Höhepunkt steht der Kirche noch bevor: Am 25. Januar gibt Kreiskantor Timo Corleis ein Abschiedskonzert an der Lobback-Orgel. Das Instrument wurde 1995 eingeweiht und prägte mit seinem charakteristischen Klang die Kirchenmusik in St. Michael.

Maria und Martin Schimmöller freuen sich auf ein letztes Orgelkonzert in der Kirche St. Michael. Foto: P. Meyer
„Diese Orgel ist ein Unikat“, sagt Martin Schimmöller, der sich damals für die Anschaffung der Orgel einsetzte. „Sie ist genau auf diesen Raum zugeschnitten.“ Die Orgel - damals kostete sie rund 200.000 D-Mark - wird an den Erbauer zurückgehen. Ob sie einen neuen Platz findet, ist ungewiss.
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Im Jahre 1967 wurde das Richtfest der katholischen Kirche St. Michael gefeiert. Foto: Samtgemeindearchiv Harsefeld