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Partnergewalt

TAnwältin: „Es geht nicht um Liebe, sondern um Kontrolle“

Mitleid mit dem Täter, Zweifel am Opfer: Psychische Gewalt bleibt oft unentdeckt.

Mitleid mit dem Täter, Zweifel am Opfer: Psychische Gewalt bleibt oft unentdeckt. Foto: Jonas Walzberg/dpa

Psychische Gewalt in Partnerschaften bleibt oft im Verborgenen. Anwältin Helen Wienands erklärt, warum Opfer an sich zweifeln, Täter selten belangt werden – und wie Betroffene Hilfe finden können.

Von Pia Willing Samstag, 25.04.2026, 10:50 Uhr

Landkreis Rotenburg. Sie wirken nach außen charmant, erfolgreich, fürsorglich – und kontrollieren hinter verschlossenen Türen. Psychische Gewalt beginnt oft leise, schleichend und bleibt lange unsichtbar. Die aktuelle Dunkelfeldstudie LeSuBiA zeigt, wie verbreitet sie ist: Fast jede zweite Frau und 40 Prozent der Männer haben mindestens einmal psychische Gewalt erlebt, 18 Prozent der Frauen berichten von körperlicher Gewalt. Dennoch wird nur ein Bruchteil der Fälle angezeigt. Opferanwältin Helen Wienands aus Göttingen im Interview mit der Zevener Zeitung.

Frau Wienands, die Zahlen der Dunkelfeldstudie sind hoch. Aber was versteht das Recht unter psychischer Gewalt?

Psychische Gewalt kann auf vielfältige Weise ausgeübt werden. Sie kann schon im Anschreien, Herabwürdigen oder massiven Unter-Druck-Setzen liegen. Strafrechtlich relevant wird sie zum Beispiel dann, wenn eine Bedrohung oder Beleidigung vorliegt oder jemand gegen seinen Willen eingesperrt wird. In bestehenden Partnerschaften ist die Situation für Betroffene oft schwer einzuordnen und wird ihnen erst nach einer Trennung vollständig bewusst, insbesondere wenn die Macht- und Kontrollausübung sich weiterhin fortsetzt und in eine strafbare Nachstellung ausartet. Ansonsten sind die Hürden für eine strafrechtliche Verfolgung bei psychischer Gewalt hoch, meist sind messbare gesundheitliche Schäden erforderlich.

Welche Dynamiken sehen Sie häufig in solchen toxischen Beziehungen?

Es gibt ein klassisches Muster. Am Anfang sind die Täter extrem charmant, hilfsbereit, wertschätzend – viele zeigen erst später narzisstische Züge. In meiner Praxis sind die Täter zu etwa 95 Prozent Männer. Sie geben den Frauen ein sehr gutes Gefühl und wissen genau, wie sie sich verkaufen müssen. Dann beginnt die schrittweise Isolation: Freunde und Familie werden schlechtgemacht, Verabredungen führen zu Streit, die Frauen ziehen sich zurück. Es geht den Tätern um Kontrolle, nicht um Liebe.

Wie zeigt sich diese Kontrolle konkret?

Grenzüberschreitungen passieren schleichend: erst Herabwürdigungen, Einschränkungen im Alltag, dann Drohungen, später vielleicht körperliche Gewalt. Danach folgen Entschuldigungen und Schuldzuweisungen. Irgendwann zweifeln manche Frauen an sich selbst. Viele sagen: „Wenn mich jemand schlägt, würde ich sofort gehen.“ Aber es passiert Stück für Stück.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich hatte ein Verfahren, in dem es innerhalb der Beziehung und auch danach immer wieder zu erzwungenem Geschlechtsverkehr kam. Die Frau hatte gesagt, sie will nicht. Trotzdem geschah es. Hinterher hieß es: „Wir haben doch schon tausendmal miteinander geschlafen.“ Und sie hat selbst gezweifelt, ob sie das Vergewaltigung nennen darf. Viele verbinden damit den Überfall durch einen Fremden, nicht den eigenen Partner. Viele glauben lange nicht, dass sie selbst in so einer Situation sind. Man denkt: Das passiert nur anderen.

Einige Betroffene fassen den Mut, sich an Sie zu wenden. Was ist wichtig, damit Sie ihnen helfen können?

Dokumentationen, Chats, Zeugen oder ärztliche Befunde zum Beispiel. Aber bei psychischer Gewalt ist es oft die Summe, die zerstört – und die ist schwer nachweisbar. Oft höre ich: „Wenn ich ihn anzeige, mache ich ihn nur noch wütender.“ Diese Sorge ist verständlich, aber meist trügerisch. Wenn Grenzen konsequent gesetzt und durchgesetzt werden, bewirkt das etwas. Auch sehr selbstbewusste Frauen – Polizistinnen, Soldatinnen – geraten in solche Dynamiken. Das hat nichts mit mangelnder Stärke zu tun.

Wie sind die Erfolgsaussichten?

Grundsätzlich gut, wenn man bereit ist, den Weg aus der Beziehung konsequent zu gehen. Gerade bei beharrlichen Tätern braucht man einen langen Atem und muss Verstöße gegen Kontaktverbote anzeigen und dranbleiben. Viele schaffen es aus der Spirale, aber es ist kein leichter Ausstieg. Wer lange solche psychische Manipulation erlebt hat, weiß irgendwann selbst nicht mehr, was er sich eigentlich wert ist.

Sie engagieren sich auch im Weißen Ring. Gibt es Ihrer Meinung nach genug Hilfsangebote?

Es gibt mehr als früher, aber immer noch zu wenig – vor allem, wenn schnell gehandelt werden muss. Frauenhäuser haben begrenzte Plätze. Die meisten Betroffenen haben nicht die finanziellen Möglichkeiten, sich über einen längeren Zeitraum in ein Hotel oder eine Ferienwohnung einzumieten. Und oft gibt es nur ein kleines Zeitfenster, in dem Betroffene den Mut fassen, Hilfe zu suchen. Dann brauchen sie umgehende Unterstützung und Begleitung durch die bürokratischen Schritte. Emotional sind viele so belastet, dass sie das allein kaum schaffen.

Was kann die Gesellschaft tun?

Man sollte nicht von außen urteilen, warum jemand bleibt oder wie es so weit kommen konnte. Damit macht man es den Betroffenen nur schwerer, sich zu lösen. Besser ist es, zuzuhören und die Schilderungen ernst zu nehmen.

Gewalt in der Partnerschaft

Häusliche Gewalt ist kein Tabuthema. Frauen, die in Gefahr sind, können Hilfe erhalten und Wege aus der Gewalt finden. Im Landkreis Stade bietet das Frauenhaus Schutz und Zufluchtsmöglichkeiten – der genaue Standort wird aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich genannt.

Telefonische Beratung ist jederzeit über die BISS‑Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt erreichbar. Dort erhalten Betroffene auch anonym Unterstützung zu rechtlichen, sozialen und psychosozialen Fragen. Außerdem können sie dort Informationen zu Selbsthilfegruppen und regionalen Netzwerken bekommen. Weitere Informationen unter: https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/organisation/biss-beratungs-und-interventionsstelle-bei-haeuslicher-gewalt-stade.html.

Darüber hinaus steht das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ rund um die Uhr unter 08000 116 016 zur Verfügung – kostenfrei, vertraulich und mehrsprachig. Hier können Betroffene erste Beratungsgespräche führen und bei Bedarf an passende lokale Stellen weitervermittelt werden.

In akuten Gefahrensituationen kann die Polizei unter 110 sofort Schutz und Vermittlung zu Hilfsangeboten einleiten – auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten der Beratungsstellen.

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