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Schulreform

TAssel hat den Ganztag simuliert: So sieht der neue Schulalltag aus

Die Natur-Gruppe lernt neue Gerüche kennen.

Die Natur-Gruppe lernt neue Gerüche kennen. Foto: Wertgen

Nach den Sommerferien startet der Ganztag. Schüler, Lehrer und Eltern der Grundschule Assel bekamen schon jetzt einen Vorgeschmack. Das TAGEBLATT hat den Tag begleitet.

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Von Lars Wertgen
Sonntag, 19.04.2026, 21:07 Uhr

Drochtersen. Die Grundschule Assel simuliert schon jetzt, was nach den Sommerferien Normalität wird: die teilgebundene Ganztagsschule. Alle acht Klassen lernen vorab den neuen Rhythmus kennen.

Das Konzept mit maritimer Handschrift - die Schifffahrtstradition der Region aufgreifend - haben Schulleiterin Ines Grotheer-Prott und ihr Team zwei Jahre lang entwickelt: in schulinternen Fortbildungen, bei Hospitationsreisen und in Abstimmung mit Eltern und Schülern.

Ines Grotheer-Prott leitet die Grundschule Assel.

Ines Grotheer-Prott leitet die Grundschule Assel. Foto: Wertgen

Anlegezeit: Gemeinsam starten

Bisher begann der Unterricht für Dritt- und Viertklässler um 7.30 Uhr und für die Jüngeren um 8.20 Uhr. Künftig legen alle gemeinsam um 8 Uhr an - so heißt der Einstieg wörtlich: „Anlegezeit“. 15 Minuten, in denen die Kinder Aufgaben herauslegen, Klassendienste erledigen und leise spielen können.

Die Tagesstruktur stellen die Schüler einander selbst vor. „Damit die Kinder eine gute Orientierung haben, was sie erwartet“, sagt Grotheer-Prott. Nach einer Übergangspause startet um 8.20 Uhr der erste Unterrichtsblock.

Erster Block: 100 Minuten, Frühstück inklusive

Der Unterricht dauert 100 Minuten, einschließlich eines 15-minütigen Frühstücks, und wird fächerübergreifend gestaltet. „Man hat Zeit, um entspannter in ein Thema reinzugleiten“, so Referendarin Rieke von Bargen nach den Einheiten. Schüler und Lehrkräfte können sich Inhalten mit weniger Stress widmen.

Grotheer-Prott hat im Mathematikunterricht Geld als Thema: Die Kinder wählen Produkte aus einem fiktiven Supermarktsortiment und addieren deren Werte - spielerisch, praxisnah, ohne Zeitdruck. In diesem Umfang war das bislang unmöglich.

Nicht alle empfinden den längeren Block als Erleichterung - zumindest nicht bei zähen Themen. Ein Junge hat in seiner Stunde die Division mit Zahlen bis 10.000 durchgearbeitet. „Das hat sich gezogen“, urteilt er. Zu den längeren Blöcken gibt er sich aber pragmatisch: „Daran werden wir uns gewöhnen.“

Aktive Pause: 40 Minuten am Stück

Ab 10 Uhr haben alle Kinder Pause - 40 Minuten am Stück. Als ein Kind von der ersten XXL-Pause erzählt, leuchten seine Augen.

Auf dem naturnahen Schulhof können die Kinder buddeln oder Fußball spielen; wer drinnen bleibt, findet unter anderem eine Leseecke, einen Bastelraum oder Legosteine vor. Das Angebot ist bewusst breit: Jedes Kind kann auf seine eigene Art entspannen - ob mit Ruhe oder Action.

Zweiter Block und Schiffzeit

Nach der Pause folgt der zweite - und am Demotag letzte - Unterrichtsblock über 90 Minuten. Für die Klassen 3 und 4 schließt sich nach den Ferien danach noch ein dritter Block von 45 Minuten an. Die Eingangsstufe hat diesen dritten Block mittwochs und freitags ebenfalls - an den anderen Wochentagen weicht er einem Nachmittagsprogramm.

„Es gibt nicht mehr Unterricht als früher und auch nicht weniger“, sagt Grotheer-Prott. Manche Kinder und Eltern hatten das erwartet. Der Ganztag schafft aber Raum, nicht mehr Stoff.

Am Ende des zweiten Blocks steht die „Schiffzeit“ - eine täglich eingeplante Lern- und Übungszeit, begleitet von Lehrkräften. Sie ersetzt auch die klassischen Hausaufgaben: Was Kinder früher alleine zu Hause erarbeiten mussten, findet jetzt selbstständig im Klassenraum statt.

Für jeden Jahrgang steht ein Rollcontainer bereit, aus dem die Kinder selbst Lernmaterialien wählen. Grotheer-Prott beobachtet begeistert, wie sich die Kinder auf die Materialien stürzen.

Module: Zeit sinnvoll nutzen

An den teilgebundenen Tagen - dienstags und donnerstags - nehmen alle Kinder verpflichtend an Modulen und außerunterrichtlichen Ganztagsangeboten teil. An den drei anderen Wochentagen können sich Familien für den offenen Ganztag anmelden.

Die Mahlzeiten sind auf zwei Zeitfenster verteilt: Während die Dritt- und Viertklässler rund 50 Minuten im Modul arbeiten, isst die Eingangsstufe gemeinsam im Speisesaal. Das Mittagessen liefert Caterer Alsterfood.

Die Eingangsstufe ist etwas früher fertig und kann kurz spielen, danach beginnt ihr Modul, und die älteren Jahrgänge kommen zum Essen.

Am Projekttag essen die Kinder erstmals zusammen zu Mittag.

Am Projekttag essen die Kinder erstmals zusammen zu Mittag. Foto: Wertgen

Module sind keine Nachholzeit für den Vormittag, sondern bieten Raum für Projekte und musisch-kulturelle Themen, so die Schulleitung. Nebenbei schulen sie demokratisches Mitgestalten und Selbstreflexion.

Am Demotag erarbeiten einige Kinder Regeln für die Schulbücherei oder sammeln Ideen für die aktive Pause. Eine vierte Klasse macht ein Brainstorming, wie sie ihren Abschied feiern möchte.

Eine Gruppe übernimmt die Rolle von Reportern. Sie befragen Mitschüler und Lehrkräfte, machen Fotos und bereiten eine Präsentation für die Eltern vor.

Die Kinder können bewerten, wie sie die einzelnen Stationen finden.

Die Kinder können bewerten, wie sie die einzelnen Stationen finden. Foto: Wertgen

Vor dem Speisesaal können die Kinder eine Bewertung abgeben - Essen, Schiffzeit, aktive Pause. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Die lange Pause findet fast durchweg Anklang. Das überrascht nicht. Aber die Schiffzeit schneidet genauso gut ab.

„Super“ und „Toll“ schreiben die Kinder auf die Karten. Auf einer zweiten Tafel äußern sie Ideen für künftige Angebote: Modellbau, Bodenturnen - und ein Kind wünscht sich einen Aufzug für Rollstuhlfahrer, der tatsächlich in den Sommerferien eingebaut wird.

Außerunterrichtliche Angebote: 120 Minuten extra

Am Nachmittag zeigt das Konzept seine ganze Breite. Eine Gruppe macht gemeinsam Sport in der Halle, andere haben Fußballtraining oder fahren auf Inlinern. Ein Kind sagt, statt mit der Gruppe zu spielen, würde es jetzt alleine vor dem Fernseher sitzen.

Eine andere Gruppe zieht ins Grüne. Sie riechen Düfte wie Pfefferminze, sammeln Wildkräuter und stellen Kräuterbutter her.

Nach dem Mittagessen ist Fütterungszeit für die Schildkröten.

Nach dem Mittagessen ist Fütterungszeit für die Schildkröten. Foto: Wertgen

Yvonne Neumann vom Tierschutzhof Neumann in Drochtersen hat eine Schlange und Schildkröten mitgebracht. Die langsamen Bewegungen der Schildkröten lassen die Kinder zur Ruhe kommen - die Entschleunigung ist bei der Tierfütterung fast greifbar.

Die Inliner-Gruppe übt, vor einem Hindernis zu bremsen.

Die Inliner-Gruppe übt, vor einem Hindernis zu bremsen. Foto: Wertgen

Neumann gehört zu den künftigen Kooperationspartnern, die ihr Interesse bereits signalisiert haben. Formale Verträge mit dem Land stehen noch aus. Neumann sieht das gelassen: „Das Finanzielle steht sowieso nicht im Vordergrund. Ich möchte das Projekt unterstützen.“

In mehreren Gruppen werden die Grundschüler kreativ.

In mehreren Gruppen werden die Grundschüler kreativ. Foto: Wertgen

Im Kunstraum steht Lisa Adami-Wagner vom Malerbetrieb Adami in Drochtersen - ihre Tochter geht in Assel zur Schule. Ehrenamtlich leitet sie einen Kunstkurs, die Kinder lernen eine Risstechnik kennen.

Einige Kinder ziehen sich am Nachmittag in die Bücherei zurück.

Einige Kinder ziehen sich am Nachmittag in die Bücherei zurück. Foto: Wertgen

Nebenan hat sich eine Lesegruppe in der Bibliothek verkrümelt: Manche stöbern in Wissenstexten, andere schauen sich Bilderbücher an, ein Junge liest „Die drei Fragezeichen“.

Ein Tag, der Schule neu definiert

Am Ende des Tages ist Grotheer-Prott glücklich: „Jedes Kind hatte immer seinen Platz.“ Den Abschluss um kurz vor 16 Uhr machen die Reporterkinder mit ihrer Präsentation - und liefern damit den passenden Schlusspunkt für einen Tag, der zeigen sollte, was gut geplanter Ganztag bedeutet: nicht mehr Schule, sondern andere Schule.

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