TBabyboom auf Krautsand und ein besonderer Hollywood-Filmtipp
Krautsand, Dienstag, 6. Juli 2026. Foto: Richter
An ihrem dritten Tag auf Krautsand geht Anping Richter auf Fahrradtour. Ihre Begleitung, Hermann „Olli“ Oltmann, kennt sich sehr gut aus. Das ermöglicht verblüffende Einblicke.
Krautsand. Eine Sache, die mich seit dem ersten Tag beschäftigt, ist der Krautsander Babyboom. Die Männer von der Catharina haben erzählt, die Insel erlebe zurzeit eine regelrechte Babyschwemme. „Wenn du bei uns in der Süderstraße die kleinen Kinder zählst, hörst du gar nicht wieder auf“, sagt Hermann Oltmann, der hier „Olli“ genannt wird, was ich jetzt auch darf.
Auch Jonas Kötz hat mir gesagt, dass es zurzeit viele Babys auf der Insel gibt. Eines davon in seinem Haus: Sein Sohn ist mit Partnerin und Enkelkind auf dem Kötz-Hof eingezogen, während er in Stade an seinem Haus baut.
Häuser und Bauplätze sind Mangelware
Wer auf Krautsand bauen oder wohnen will, hat es nicht leicht, sagen die Männer von der Catharina. Wenn mal von einem Bauvorhaben die Rede ist - wie kürzlich in der Krautsander Hafenstraße - horchen sie sofort auf. Einige von ihnen haben Kinder, die sich gerne auf der Insel ansiedeln würden. Doch für junge Leute gebe es nur ganz wenige, vereinzelte Möglichkeiten. Es fehlt das Baurecht. Ein neuer Flächennutzungsplan müsse her, sagen sie.
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Wohnen auf Krautsand ist inzwischen auch teuer geworden, weiß Olli. Noch ist Krautsand nicht Sylt, wo Menschen, die im Service arbeiten, sich keine Unterkunft mehr leisten können. Doch ein Trend zeigt sich schon.
Eine junge Familie hat Glück gehabt
Christian Pape und seine kleine Familie haben offenbar Glück gehabt. Der junge Vater lädt gerade eine Ladung Pflastersteine für seinen Hof ab. Olli stellt ihn mir als Altländer vor. „Ich komme aus Bachenbrock. Dort ist es auch sehr schön“, antwortet er auf meine neugierige Nachfrage. Aber seine Frau arbeitet als Lehrerin in Cuxhaven, und von Krautsand ist ihr Arbeitsweg nicht so weit.
Christian Pape kümmert sich zurzeit in Vollzeit um die gemeinsame Tochter - und um das Haus, das ein richtiges Schmuckstück wird. Die schöne Kassetten-Flügeltür mit dem Bogenfenster darüber, die jetzt auf die Terrasse führt, haben sie erst entdecken müssen. Die Vorbesitzer hatten sie zugemauert.
„Hier müssen früher die Schulkinder ins Haus gegangen sein“, erklärt Christian Pape. Der Weg, an dem das Haus liegt, heißt Schulstieg, weil er früher zur Krautsander Schule führte, erklärt Olli. Papes Haus ist aber das einstige Organistenhaus. Es lag gleich daneben, doch weil es auf Krautsand so viele Kinder gab, durfte die Schule irgendwann auch zwei Räume im Organistenhaus mitbenutzen.
Bekommt Krautsand wieder eine Schule?
„Jetzt, wo es hier so viele Kinder gibt, bekommen wir ja vielleicht wieder eine Schule“, hofft Olli. Im Jahr 1900 gab es auf Krautsand 184 Schüler. Das steht auf der Infotafel vor dem alten Gebäude - eine von vielen, die an historisch interessanten Orten auf Krautsand zu finden sind. Die Inhalte hat Olli recherchiert, das Redigat hat Anne Buhrfeind übernommen, eine Krautsander Journalistin.

Hermann Oltmann vor einer der Krautsander Infotafeln, deren Inhalte von ihm stammen. Foto: Richter
Heute hat Krautsand etwa 500 Einwohner. Früher hatte die Insel natürlich auch einen eigenen Pastor und einen Organisten. Als wir vor der Kirche ankommen, erklärt Olli, dass der Parkplatz daneben „Pastorenweide“ heißt. Dort durfte der Pastor sein Vieh grasen lassen.
Von innen können wir uns die Krautsander Kirche nicht ansehen. Sie ist geschlossen, und der Pastor - aus Drochtersen - kommt nur sonntags. Früher, als Krautsand noch nicht mit dem Festland verbunden war, gab es zuerst keine eigene Kirche. Aber als bei Eisgang oder Sturmfluten Sterbende ohne Abendmahl und Neugeborene wochenlang ungetauft blieben, wurde ab 1670 eine gebaut.
Während des Baus war Krautsand zuerst schwedisch und wurde dann von Dänemark besetzt. Nach der Einweihung stiftete der dänische König Christian 1684 die große Glocke, die heute noch zu hören ist. Die jetzige Kirche ist allerdings von 1845 und bereits der dritte Bau - die davor hatte durch eine Überflutung stark gelitten. Sie hat eine Furtwänglerorgel, die, wie Olli sagt, fantastisch klingt.
Schiffer durften früher nicht mit Bauern singen
Früher hatte Krautsand übrigens auch zwei Männergesangvereine: einen für Bauern und einen für Schiffer, weil die bei den wohlhabenden Bauern nicht mitsingen durften. Der Schifferverein nannte sich „Wohlfahrt“ und hat bis vor wenigen Jahren existiert. Sowohl Jonas Kötz als auch Günther Grotheer von der Catharina-Crew bedauern sehr, dass es ihn nicht mehr gibt - und vermissen den „genialen Chorleiter“ Dieter Knötsch, der mit ihnen ein Repertoire einstudierte, das weit über Shantys hinausging.
Dieter Knötsch ist übrigens auch der Autor des Krautsand-Buches, das ich am ersten Tag erwähnte, korrigiert mich Olli, dem ich es irrtümlich zugeschrieben hatte. Es heißt „Dat Crudsand in de Elve - Die Geschichte der Elbinsel“, hat 272 Seiten und viele Illustrationen, und ich darf es mir von Olli ausleihen.
Freifall-Rettungsboote am Elbufer
Unsere Tour führt uns auch zum Ruthenstrom und zur Hatecke-Werft. Mit dem Rad dürfen wir über das Werksgelände fahren. Am Elbufer bestaune ich eine Anlage für Seeleute, die den Umgang mit Freifall-Rettungsbooten lernen müssen. Ollis Tochter hat das auch schon getan, als sie im Rahmen ihres Studiums bei Hatecke ein Praktikum absolvierte.
Die orangefarbenen Freefall Lifeboats gehören zu den vielen Hightech-Produkten der Krautsander Werft mit 300 Mitarbeitern. Auf der Insel gibt es gute Arbeit - Arbeitskräfte scheinen aber knapp zu sein: „Komm an Bord“, wirbt ein großes Transparent am Parkplatz.

Am Elbufer steht eine Anlage für Seeleute, die den Umgang mit Freifall-Rettungsbooten lernen müssen. Foto: Richter
Auf dem Werksgelände gibt es eine Deichdurchfahrt. Weil Hatecke eine neue benötigte, wurde der Deich hier schon einmal nacherhöht, erklärt Olli. So ist gut zu sehen, wie sich das Profil dadurch verändert: Mit mehr Höhe braucht auch der Deichfuß mehr Platz. Das wird auch auf Krautsand wohl einige Grundstücksverhandlungen erfordern. Der Deichverteidigungsweg wird vielerorts in Richtung der Grundstücke verschoben werden müssen.

An der Deichdurchfahrt auf dem Gelände der Hatecke-Werft ist zu sehen, wie hoch der Elbdeich später durchgehend werden soll. Foto: Richter
Krautsand und das Leben vor dem Deich
Beim Elbstrand Resort wird das wohl nicht passieren, sagt Olli. Dort, wo jetzt die Treppe über den Elbdeich führt, war früher übrigens ein Spielplatz, der beim Deichbau demontiert wurde. Die alten Walnussbäume auf dem Weg zum Anleger boten im Sommer schattige Plätze für Außengastronomie.
Früher verlief die Deichlinie entlang der Wischhafener Süderelbe. Krautsand war nicht eingedeicht, die Häuser standen zum Schutz vor dem Wasser auf Wurten. Olli zeigt mir im Vorbeiradeln auch Wurten für die Kühe.
Nach der großen Flut 1962 wurde ein Schutzdeich am Elbufer geplant. Die Sturmflut von 1976 kam leider vorher. Erst danach wurde der heutige Deich gebaut. Welche Häuser danach gebaut wurden, ist heute leicht zu sehen: Sie haben keine Wurten.
Wir haben auch noch die Brückenbaustelle bei Dornbusch und die Leuchttürme besucht. Dann hatte ich mein Treffen mit Beatrice Claus vom WWF-Naturschutzprojekt. Doch davon muss ich morgen berichten. Ein Treffen mit dem neuen Schäfer steht auch noch an.
Nasses Wetter: Filmabend in der Hütte
Das Wetter ist übrigens nach wie vor nass. Aber am Dienstagabend bleibe ich sowieso in der Hütte. Ich habe mir vorgenommen, einem Filmtipp von Olli zu folgen: In „Captain Philips“ mit Tom Hanks spielen Hateckes Freifall-Rettungsboote eine wichtige Rolle. Mal sehen, ob ich es schaffe, mir das auf meinem Laptop auf dem Campingplatz anzugucken.
TAGEBLATT-Serie: Richter auf Krautsand
Tag 1: Bier am Vormittag und die Frage: Ist Krautsand überhaupt eine Insel?
Tag 2: Jonas Kötz und die Kunst des Lebens mit der Elbe
Tag 3: Babyboom auf Krautsand und ein besonderer Hollywood-Filmtipp
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