TBei Wind und Wetter auf der Suche: Wie Peter zum Pfandsammler wurde
Peter ist in Lehe auf der Suche nach Flaschenpfand. Foto: ls
Ob Winter oder Sommer: Peter bessert mit dem Sammeln von Pfanddosen sein Budget auf. Doch wie kommt es, dass ein 58-Jähriger zum Pfandjäger durch die Straßen Bremerhavens wird? Lohnt sich das?
Bremerhaven. Meistens nimmt Peter seinen Rolli mit. Doch heute hat er eine blaue Textiltasche dabei. Der 58-jährige Bremerhavener ist an diesem verschneiten Tag in Lehe unterwegs und sammelt Pfandgut – entweder Dosen oder Flaschen. Er nimmt nur das, was draußen herumliegt. In Mülltonnen greift er nicht: „Das ist mir zu schmutzig“, sagt er.
Flaschen lässt er meistens liegen. „Die sind schwerer als Dosen oder Plastik und bringen nur acht Cent ein.“ Doch wie kommt es, dass ein älterer Mann in Bremerhaven Pfandgut sammeln muss? Peter erhält Unterstützung vom Jobcenter Bremerhaven. Strom und Miete werden übernommen. Mit dem, was er als Pfandsammler aufsammelt, bessert er sein Budget auf. Einen erlernten Beruf hat er nicht. Wie es dazu kam, ist eine lange und schwierige Geschichte.
Kindheit ohne Halt: Der schwierige Start ins Leben in Bremerhaven
Manche werden in eine behütete Familie hineingeboren und erhalten viel Unterstützung auf ihrem Weg ins Leben. Natürlich kann nicht alles mit dem Umfeld erklärt werden, Menschen treffen Entscheidungen. Aber diese Entscheidungen entstehen stets im jeweiligen sozialen Umfeld und mit dem, was die Menschen vorfinden.

Peter steckt eine Plastikflasche in seine blaue Textiltasche: An manchen Tagen wie heute in Lehe kommt nicht viel zusammen. Foto: ls
Peter wird 1968 in Bremerhaven geboren. Sein Vater stammt ursprünglich aus Mannheim, die Arbeit bei einer Baufirma führt ihn in den Norden. Die Mutter arbeitet als Animierdame und betreibt mit einer Freundin in Hamburg zwei Amüsierbetriebe für Erwachsene – „einen Puff“, wie Peter sagt. Er lebt zeitweilig in der norddeutschen Metropole.
Jugend hinter Mauern: Gefängnis prägt Peters Leben und Chancen
Finanziell scheint es ihm gutzugehen. „Schon mit vierzehn bekam ich 400 Mark Taschengeld“, erzählt er. Auch viele Schläge bekommt er. Liebe, Nähe und Fürsorge aber fehlen, daran mangelt es in seinem Umfeld.
Glück im Unglück
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Er kommt in eine Pflegefamilie, besucht die Schule – doch das Leben gerät zusehends aus dem Ruder. Er fliegt von der Schule, als er mit einer Schreckschusspistole erscheint. Mit 16 oder 17 Jahren erhält er eine Gefängnisstrafe auf Bewährung. Mit der Volljährigkeit verliert er endgültig die Freiheit. Vom 18. bis zum 24. Lebensjahr sitzt er im Gefängnis, zunächst in Hameln, später in Vechta.
Für eine Ausbildung hat die Biografie keinen Platz mehr
Nach der Entlassung versucht er, die Schule nachzuholen, und absolviert an einer Abendschule den Hauptschulabschluss. Den angestrebten Realschulabschluss erreicht er jedoch nicht mehr. Eine weitere Gefängnisstrafe kommt hinzu. Insgesamt verbringt er zehn Jahre hinter Gittern.

Gute Idee im Sinne der Sammler: Bauhofleiter Lars Steenken am neu installierten Pfandring auf dem Bahnhofsvorplatz in Nordenham. Foto: Stadt Nordenham
Die Folge: Eine Ausbildung ist mit solch einem Leben kaum vereinbar, eine eigene Familie gleichermaßen schwierig. 1993 heiratet er zwar eine Afrikanerin – es ist jedoch nur eine Scheinehe, um ihr ein Visum für Deutschland zu ermöglichen. Ein wenig Zufriedenheit klingt an, als er berichtet, dass die Tochter der Frau ihren Weg gemacht hat: Sie erreicht das Abitur, wird Versicherungskauffrau – und trägt seinen Nachnamen.
Pfandflaschensammeln bringt bis zu hundert Euro im Monat
Peter sammelt nun seit Jahren Pfandgut in ganz Bremerhaven. Er kennt die Orte, an denen Pfanddosen und Plastikflaschen zu finden sind. Das sind bestimmte Parkbänke, Einkaufszentren oder Straßen. Doch rechnet sich das überhaupt? „Im Monat komme ich so schon auf 50 bis 100 Euro“, berichtet er. Früher hat er auch in Bremen gesammelt.
Derzeit bedrückt ihn vor allem der Tod seiner französischen Bulldogge „Onni“. Er holt sein Handy aus der Tasche und zeigt das Foto der Hündin. Sie habe auch bei ihm im Bett geschlafen, erzählt er. Sie sei aber krank gewesen – Krebs – und musste eingeschläfert werden. Ganze neun Jahre lang hatte sie Peter im Leben begleitet.
Hoffnung bleibt: Ein Bremerhavener richtet den Blick nach vorn
Pläne für die Zukunft? Peter scheint sich mit seinem Leben arrangiert zu haben. Er ist optimistisch. Irgendeine Beschäftigung wird sich schon zu finden. Vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit für eine Nachbarschaftshilfe. Auch kann er mit Maschinen gut umgehen, erzählt er selbstbewusst.

Peter ist in Lehe auf der Suche nach Flaschenpfand. Foto: ls
Und die Tätigkeit als Jäger und Sammler nach und von Pfanddosen in Bremerhaven? Im Winter bei Minusgraden durch die Straßen zu laufen, ist für ihn schon beschwerlich. „Im Frühling ist es angenehmer“, sagt er. Doch bessere Zeiten werden kommen. Es dauert nicht mehr lange, die Tage werden dann auch wieder wärmer.
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