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Fruchtsaftkonzentrat

TChemie vor Apfelsaft: Neue Brisanz bei Tanktransporten nach Neuenkirchen

Ein Tanklastwagen auf der Autobahn: Im Fokus von Untersuchungen stehen mögliche Hygienemängel beim Transport von Lebensmitteln und Chemikalien.

Ein Tanklastwagen auf der Autobahn: Im Fokus von Untersuchungen stehen mögliche Hygienemängel beim Transport von Lebensmitteln und Chemikalien. Foto: Hollemann/dpa

Es gibt weitere Erkenntnisse zu den Hygienemängeln bei Tanktransporten im Umfeld der Fruchtsaftkonzentrat-Firma Döhler in Neuenkirchen.

Von Christian Mangels Sonntag, 19.04.2026, 04:55 Uhr

Landkreis Cuxhaven. Klar erkennbar ist, dass einzelne Fahrzeuge wiederholt für völlig verschiedene Ladungen verwendet wurden. So transportierte der Tanklastzug BC6718XF der Firma „Tank Trans“ Anfang Februar 2026 Apfelsaftkonzentrat zum Werk in Neuenkirchen. Nur zwei Wochen später wurde derselbe Tank mit Ammoniumthiosulfat-Lösung beladen - einer chemischen Verbindung, die unter anderem in der Industrie und Landwirtschaft eingesetzt wird.

Auf Apfelsaftkonzentrat folgt Ammoniumthiosulfat

Ein nahezu identisches Muster zeigt das Fahrzeug BC8593XF desselben Transportunternehmens: Am 7. Februar lieferte es Apfelsaftkonzentrat, am 18. Februar folgte die Beladung mit Ammoniumthiosulfat. Diese kurzen Zeitabstände werfen Fragen auf: Wurden die Tanks zwischen den Transporten ausreichend gereinigt? Entsprechen solche Abläufe den strengen EU-Vorgaben, wonach Lebensmittel grundsätzlich nur in dafür vorgesehenen und gekennzeichneten Tanks transportiert werden dürfen?

Neue Transportdokumente zeigen bedenkliche Wechsel zwischen Chemikalien und Lebensmitteln.

Neue Transportdokumente zeigen bedenkliche Wechsel zwischen Chemikalien und Lebensmitteln. Foto: Mangels

Noch deutlicher wird die Problematik bei Fahrzeugen der Spedition „MV Stellar“. Der Tanklastzug BO9210EI zeigt eine regelrechte Kette kritischer Stoffe:

  • Mitte Januar: Beladung mit Basisöl
  • Ende Januar: Formaldehydharz
  • Anfang Februar: Lieferung von Apfelsaftkonzentrat
  • Mitte Februar: Polyol (Industriechemikalie)
  • Ende Februar: erneut Apfelsaft
  • Kurz darauf: wieder Formaldehydharz

Besonders alarmierend erscheinen Fälle mit eindeutig gefährlichen Substanzen. So wurde der Tanklastwagen KA8791IC des Transportunternehmens „MV Stellar“ Anfang Februar mit Schwefelsäure beladen, einer stark ätzenden Chemikalie. Nur wenige Tage später lieferte derselbe Tank Apfelsaftkonzentrat. Anschließend transportierte er Methanol - einen hochgiftigen Alkohol. Methanol kann bereits in kleinen Mengen schwere Vergiftungen verursachen. Dass Tanks nach solchen Transporten wieder im Lebensmittelbereich eingesetzt werden, gilt unter Fachleuten als äußerst kritisch.

Listen verdeutlichen wiederkehrendes System

Die neuen Transportlisten zeigen kein vereinzeltes Fehlverhalten, sondern ein wiederkehrendes System. Zahlreiche Fahrzeuge tauchen mehrfach in Kombination mit Lebensmittel- und Chemikalientransporten auf:

  • BO4532EO: Formaldehydharz → Apfelsaft → Lösungsmittel → erneut Apfelsaft
  • BO4756XF: Harze → Apfelsaft → Alkohole
  • BC8586XF: Mineraldünger → Apfelsaft
  • KA8793IC: Tensid-/Säureverbindung → Apfelsaft

Auffällig ist dabei nicht nur die Art der Stoffe, sondern auch die Frequenz: Oft liegen zwischen chemischer Beladung und Lebensmitteltransport nur wenige Tage. Die dokumentierten Abläufe stehen im klaren Spannungsfeld zu den geltenden Hygienevorschriften. Laut EU-Recht müssen Tanks für den Transport von Lebensmitteln grundsätzlich ausschließlich dafür verwendet oder entsprechend strikt getrennt und gereinigt werden.

Entsprechen die Transporte den geltenden Vorschriften?

Die Cuxhavener Nachrichten haben die osteuropäischen Transportunternehmen „MV Stellar“ und „Tank Trans“ mit den Vorwürfen konfrontiert und um Stellungnahme gebeten. Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gingen jedoch keine Antworten ein. Ob die dokumentierten Transporte den geltenden Vorschriften entsprechen oder mögliche Verstöße vorliegen, bleibt vorerst ungeklärt. Zuständige Kontrollbehörden haben, wie unsere Redaktion recherchiert hat, mittlerweile europaweite Untersuchungen initiiert.

Hans-Dieter Philipowski, Präsident des Internationalen Tankreinigungs-Verbands (ENFIT), kennt die Problembereiche der Transport- und Tankreinigungsbranche genau.

Hans-Dieter Philipowski, Präsident des Internationalen Tankreinigungs-Verbands (ENFIT), kennt die Problembereiche der Transport- und Tankreinigungsbranche genau. Foto: Philipowski

Hans-Dieter Philipowski, Präsident des Internationalen Tankreinigungs-Verbands (ENFIT), kennt die Problembereiche der Branche genau. Trotz klarer gesetzlicher Vorgaben zur Reinigung von Tankfahrzeugen im Lebensmitteltransport bestehen in der Praxis offenkundig erhebliche Defizite bei deren Überwachung und konsequenter Durchsetzung, erklärt er im Gespräch mit den Cuxhavener Nachrichten.

Chemikalien in Behältern für Lebensmittel transportieren?

Grundlage für entsprechende Anforderungen und Kontrollen seien die EU-Verordnungen zum Lebensmittelrecht und zur Hygiene, die sicherstellen sollen, dass Transportbehälter keine Gefahr für die Lebensmittelsicherheit darstellen. „Grundsätzlich gilt: Transportbehälter für Lebensmittel dürfen nicht für Chemikalien eingesetzt werden“, betont Philipowski. Ausnahmen seien nur in engen Grenzen zulässig, etwa bei Stoffen, die selbst in der Lebensmittelproduktion verwendet werden.

In der Praxis werde jedoch häufig fälschlich angenommen, eine bloße Kennzeichnung wie „Foodstuff only“ („Nur für Lebensmittel“) sei ausreichend. Tatsächlich seien wegen Verschleißes und Materialveränderungen regelmäßige unabhängige Prüfungen notwendig, wie sie etwa in der DIN 10502-1 vorgesehen sind - „doch diese werden bislang kaum konsequent umgesetzt“.

Das hebt der ENFIT-Präsident sehr klar hervor

Besonders deutlich wird Philipowski beim Thema Tankwechsel: Der Transport von Chemikalien in Tanks, die anschließend für Lebensmittel genutzt werden, sei grundsätzlich nicht zulässig. Entsprechend gebe es auch „keine standardisierten Verfahren“, um eine solche Nutzung sicher abzusichern. Bestimmte Stoffgruppen schlössen eine spätere Verwendung für Lebensmittel grundsätzlich aus, insbesondere klassische Gefahrstoffe.

Für die Praxis besonders relevant ist die Dokumentation der Reinigung. Hier werde das sogenannte EFTCO Cleaning Document (ECD) häufig missverstanden. „Das ECD ist kein Zertifikat und kein Nachweis einer definierten Reinigungsqualität“, stellt Philipowski klar. Die zugrunde liegenden Reinigungscodes seien nicht standardisiert, vielmehr lege jede Reinigungsstation eigene Parameter fest. Entscheidend sei zudem, dass ein Tank laut Definition bereits dann als sauber gilt, wenn „keine sichtbaren Rückstände oder Gerüche“ feststellbar sind. Damit handele es sich letztlich um eine visuelle Einschätzung - „keine Sicherheitsgarantie“.

Viele Reinigungsstationen sind nicht unabhängig

Hinzu komme, dass zentrale Komponenten wie Luftleitungen, Ventile, Pumpen oder Schlauchsysteme in der Regel gar nicht ausreichend geprüft würden, obwohl sie ein erhebliches Risiko darstellten. Gleichzeitig seien viele Reinigungsstationen nicht unabhängig, sondern Teil von Logistikunternehmen. Daraus ergebe sich ein struktureller Konflikt zwischen wirtschaftlichem Druck und hygienischen Anforderungen. Für Auftraggeber sei die tatsächliche Reinigungsqualität daher oft „kaum transparent“.

Die Risiken für die Lebensmittelsicherheit sind aus Sicht des ENFIT-Präsidenten erheblich. Er nennt chemische Kontaminationen, Allergenverschleppungen sowie mikrobiologische Gefahren wie Salmonellen oder Schimmelpilze.

Um gegenzusteuern, empfiehlt Philipowski unter anderem den Einsatz zertifizierter Reinigungsstationen, gezielte Schulungen sowie unabhängige Inspektionen. Unternehmen wie Döhler sieht er klar in der Verantwortung, eigene, über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehende Kontrollen zu etablieren.

Die bestehenden Kontroll- und Sanktionsmechanismen in Europa hält er insgesamt für unzureichend. Sein Fazit fällt entsprechend deutlich aus: Das Problem sei systemisch. „Ein Tank kann formal als sauber gelten - obwohl zentrale Risikobereiche gar nicht geprüft werden und die Reinigung keinem definierten Standard gefolgt ist.“

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