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TDepressionen und Alkohol: Wie eine Staderin aus der Abwärtsspirale kam

Wer an Depressionen leidet, sollte sich Hilfe holen. In Stade bietet unter anderem der Verein Die Brücke buchstäblich Hilfe und Halt.

Wer an Depressionen leidet, sollte sich Hilfe holen. In Stade bietet unter anderem der Verein Die Brücke buchstäblich Hilfe und Halt. Foto: Jonas Walzberg/dpa

Eine Frau, die hier Carmen heißen soll, leidet an Depressionen und war alkoholabhängig. Ihre Lebensgeschichte beginnt tragisch und führt über St. Pauli nach Stade.

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Von Lena Stehr
19.08.2026, 05:45 Uhr

Stade. Dass Carmen schon lange in Rente ist, sieht man ihr nicht an. Die schlanke Frau wirkt wach und agil, strahlt Lebensfreude aus. Doch hinter der fröhlichen Fassade gibt es noch eine andere Carmen. Eine, die manchmal morgens Probleme hat, aufzustehen und viel dafür tun muss, dunkle Gedanken zu vertreiben. Carmen heißt eigentlich anders, möchte aber aus Rücksicht auf Angehörige ihren echten Namen nicht öffentlich machen.

Carmen hat drei Suizidversuche hinter sich

Sie leidet an Depressionen. Schon drei Mal hat sie versucht, sich das Leben zu nehmen, erzählt sie ganz offen bei einem Treffen in der Stader Kontaktstelle des Vereins Die Brücke - Hilfe und Halt. Hier engagiert sie sich seit vielen Jahren ehrenamtlich für und mit anderen Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen. Bis hierher war es ein langer Weg. Ihre Lebensgeschichte bewegt.

Ihre ersten Lebensjahre verbringt Carmen in Ostfriesland. Als sie drei Jahre alt ist, bringt ihre Mutter sich im eigenen Zuhause um. „Sie wollte mich wohl mit in den Tod nehmen, doch es kam anders“, sagt Carmen. Was damals genau passierte, wisse sie bis heute nicht. Ihr Vater habe nie mit ihr darüber gesprochen, habe nicht mal zugelassen, dass überhaupt über die Mutter geredet wurde.

Der Vater zieht nach Hamburg - zu einer anderen Frau, die bereits drei Söhne hat. Carmen bleibt zurück und lebt für zwei Jahre im Kinderheim. Als sie danach in die neue Familie des Vaters kommt, fühlt sie sich ungeliebt und ungesehen. „Ich habe dann niemanden mehr an mich herangelassen, konnte kein Vertrauen fassen“, sagt Carmen.

Halt gibt ihr damals eine Einrichtung, die sich um Kinder und Jugendliche auf dem Kiez in St. Pauli kümmerte. Dort besucht sie Koch-, Pantomime- und Fotogruppen, reist in den Ferien nach Sylt. „Die Betreuer gaben mir das erste Mal das Gefühl, dass es gut ist, dass ich da bin“, sagt Carmen.

Kiezlegende gibt Carmen Halt in der Not

Mit 17 zieht sie von zu Hause aus, macht eine Ausbildung zur Friseurin. Ihr Chef bestärkt sie, und auch eine Stammkundin wird zur wichtigen Stütze. Kiezlegende Erna Thomsen, Wirtin des legendären „Silbersack“, kommt regelmäßig zum Haareschneiden zu Carmen, eine Freundschaft entwickelt sich. „Ich durfte sogar bei ihr wohnen, nachdem ich aus einer gewalttätigen Ehe geflüchtet bin“, sagt Carmen.

Heute ist Carmen glücklich verheiratet und lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Stade. „Ohne ihn hätte ich das alles nicht geschafft“, sagt sie. Mit „das alles“ meint sie vor allem ihren Alkoholentzug. Die Spirale in die Abhängigkeit beginnt, als Carmen 2004 mit Mitte 50 unerwartet ihren Job verliert. Damals arbeitet sie als Empfangssekretärin, fühlt sich plötzlich komplett nutzlos, erinnert sie sich noch heute genau.

Eine tiefe Traurigkeit und das Gefühl von Perspektivlosigkeit habe sie schon früher in sich getragen, sagt Carmen. Ihre Strategie: Immer aktiv sein und die innere Leere von außen befüllen - mit Arbeit, Sport, Reisen, Feiern, Motorradfahren, damit anderen zu helfen. Und nach dem Jobverlust auch immer öfter mit Alkohol.

Sie wirkt nie betrunken, das Haus ist makellos sauber

Irgendwann schenkt sie sich schon morgens das erste Glas ein und versucht abends, ihren Mann zum Mittrinken zu animieren. Sie achtet darauf, dass sie nie betrunken wirkt und das Haus makellos sauber ist. „Ich habe mir das Leben schöngetrunken und immer mehr die Kontrolle verloren“, sagt sie. Fünf Jahre geht das so.

Ihr Mann ist unterdessen einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Suchtkranken beigetreten. Irgendwann sagt er zu seiner Frau: „Wenn du mich und dein Leben behalten willst, musst du aufhören zu trinken.“ Carmen will kämpfen, ist willensstark. Sie überwindet sich, zum Hausarzt zu gehen und um Hilfe zu bitten.

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Einen Tag später nimmt sie Kontakt zu einer Entzugsklinik auf. Schon morgen könne sie mit dem Entzug beginnen, heißt es. Carmen ringt mit sich. Und lässt sich schließlich von ihrem Mann in die Klinik bringen. Sechs Monate dauert ihre Behandlung. „In der Zeit habe ich viele Gespräche geführt und viel über mich gelernt“, sagt sie.

Geschützter Raum für offene Gespräche

Danach schließt sie sich einer Selbsthilfegruppe beim Verein für Sozialmedizin in Stade an, leitet später drei Jahre lang selbst eine Gruppe. Dort hört sie erstmals auch vom Verein Die Brücke, einer Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Hier kann sie Aufgaben übernehmen, die ihr Spaß machen und die ihr guttun.

Die Brücke biete in diversen Gruppen und in der Kontaktstelle einen geschützten Raum für niedrigschwellige Gespräche - auch mit ausgebildeten Fachkräften. Carmen weiß aber aus eigener Erfahrung, dass es psychisch Erkrankten oft leichter falle, sich jemandem anzuvertrauen, der selbst betroffen ist.

Wegen ihrer Depressionen ist Carmen auch heute noch in Behandlung. Wenn sie merkt, dass es ihr richtig schlecht geht, lässt sie sich in die Klinik einweisen. Sie hängt an ihrem Leben. Und hat den Mut, sich Hilfe zu holen.

Neue Selbsthilfegruppe für Angehörige

Die Brücke - Hilfe und Halt und die Selbsthilfekontaktstelle Stade des Paritätischen Niedersachsen laden am 3. September um 17 Uhr zur Auftaktveranstaltung zur Gründung einer neuen Selbsthilfegruppe für Angehörige und Freunde von psychisch erkrankten Menschen ein.

Die Autorin und Journalistin Sabine Stamer liest dabei in der Seminarturnhalle in Stade aus ihrem Roman „Miss Sonderbar“. Es folgt eine Podiumsdiskussion. Eingeladen sind Angehörige, Fachleute, Betroffene sowie Freunde und Kollegen von Betroffenen. Der Eintritt ist frei. Nähere Informationen unter info@die-bruecke-stade.de oder unter der Telefonnummer 04141/2747.

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