24-Stunden-Reportage

TDie EGV in Mittelsdorf - der vielleicht größte Kühlschrank im Kreis Stade

Die Rollcontainer stehen fertig beladen in der Wartezone. Von dort schiebt Andreas Morawietz sie in den angedockten Lkw.

Die Rollcontainer stehen fertig beladen in der Wartezone. Von dort schiebt Andreas Morawietz sie in den angedockten Lkw. Foto: Klempow

2 Grad in der Halle, 21 Grad minus im Tiefkühllager - und einer arbeitet sogar in kurzer Hose. Ein Blick in die Nachtschicht beim Lebensmittel-Logistiker EGV in Mittelsdorf.

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Von Grit Klempow
14.07.2026, 18:50 Uhr

Hammah. Die nahe B73 verschwindet im Dunkel der Nacht. Auf dem Gelände in Mittelsdorf, nur ein paar Hundert Meter davon entfernt, ist das anders: Lkw parken in Reihe, Kühlaggregate brummen. Es ist kurz nach 2 Uhr - und in den Hallen brummt es auch.

Zwischen mehrere Meter hohen Regalen sausen Gabelstapler und Schnellläufer. Es ist kalt: Die Halle ist konstant auf 2 bis 4 Grad Celsius runtergekühlt. Vielleicht ist die EGV der größte Kühlschrank im Landkreis.

„Helfer des Küchenchefs“

Auf jeden Fall ist es der am vielfältigsten bestückte. 18.000 Artikel hat der Lebensmittel-Logistiker gelistet und beliefert damit Gastronomie und Großküchen. Von Gewürzen und Trockenware über Süßigkeiten und High Convenience, von Milchprodukten zu frischem Obst, Gemüse und Fleisch. „Wir sind der Helfer für den Küchenchef“, so fasst es Jonas Keßler zusammen. Er ist seit einem Jahr Betriebsleiter in Mittelsdorf. Fast 5000 Quadratmeter Lagerfläche gibt es am Standort.

Betriebsleiter Jonas Keßler: „Die Nachtschicht ist ein eingeschworener Haufen.“

Betriebsleiter Jonas Keßler: „Die Nachtschicht ist ein eingeschworener Haufen.“ Foto: Klempow

Sieben Standorte gibt es bundesweit, das Zentrallager ist in Unna. Die EGV-Lkw sind ein gewohntes Bild auf den Straßen: Foodlover steht neuerdings darauf, immer die freundliche Kuh auf Rollschuhen daneben.

Die Bunte Berte und Heumi

„Das ist Heumi“, sagt Jonas Keßler. Die Kuh hat ihren Namen von der Gründerfamilie Heumann, und wer sich beim Anblick des Maskottchens an die Bunte Berte auf der Milchpackung von einst erinnert fühlt, liegt richtig: Die freundliche Kuh ist ein Verweis auf die Vergangenheit des EGV-Standorts in Mittelsdorf als Molkerei.

Die Kuh auf Rollschuhen, die manchen an die Bunte Berte als damaliges Molkerei-Logo erinnert, heißt bei der EGV Heumi, angelehnt an die Gründerfamilie Heumann.

Die Kuh auf Rollschuhen, die manchen an die Bunte Berte als damaliges Molkerei-Logo erinnert, heißt bei der EGV Heumi, angelehnt an die Gründerfamilie Heumann. Foto: EGV

Als die von der Nordmilch übernommen wurde, stand der Betrieb 2005 zum Verkauf. Die EGV nutzte die Chance, übernahm den Betrieb und 20 Mitarbeitende gleich mit.

Andreas Morawietz ist einer von ihnen und einer der 30 Lkw-Fahrer, die heute Nacht zu ihrer Tour aufbrechen. Morawietz ist ein Mann mit breitem Lächeln und - mitten im „Kühlschrank“ - überraschenderweise in kurzer Hose. Mit Schwung schiebt er den Rollcontainer mit Lebensmittel-Kartons ratternd in den Lkw.

Seit 32 Jahren in der Nachtschicht

Der steht mit dem Heck über ein Tor angedockt an der Halle - die Kühlkette und damit die Temperatur muss zwingend eingehalten werden. Morawietz rollt die Gitterwagen mit fertig gepackter Ware für seine einzelnen Kunden so auf den Lkw, dass er bei der ersten Station gleich auf den richtigen Zugriff hat.

Andreas Morawietz schließt per Knopfdruck die „Kühlschranktür“. Damit fährt er das Tor zwischen Halle und abgeschlossener Lkw-Ladezone herunter.

Andreas Morawietz schließt per Knopfdruck die „Kühlschranktür“. Damit fährt er das Tor zwischen Halle und abgeschlossener Lkw-Ladezone herunter. Foto: Klempow

Er hat seine feste Tour Richtung Rotenburg. Die fährt er seit zehn Jahren. Andere fahren Richtung Hamburg, bis nach Flensburg, Bremen oder Cloppenburg. „Ich bin jetzt 32 Jahre in der Nachtschicht“, sagt der Wiepenkathener.

Morawietz liebt seinen Job. In der Fahrerkabine hängt ein beleuchtetes Schild mit EGV-Logo. Das hat er extra anfertigen lassen. „Jetzt kann man EGV auch von vorne lesen“, sagt er - keine Frage, Morawietz lebt einen der Firmenslogans: „Die Gernemacher“.

Die Fahrer haben den direkten Draht

„Ich kenne jeden Kunden und jeden Kaffeeautomaten auf der Strecke“, sagt er. Fährt er bei seinem ersten Kunden, einem Bäcker, vor, „sind die schon da“. Vereinzelt hat er auch einen Schlüssel und stellt nachts die Ware selbst in den Kühlraum. Anderen hilft er auch mal beim Abladen. „Die Fahrer haben den direkten Draht zum Kunden, sie sind unser Aushängeschild“, sagt Keßler. Und alle knien sich rein, damit „ihre“ Kunden zufrieden sind.

Insgesamt hat die EGV im Mittelsdorf am ehemaligen Molkerei-Standort fast 5000 Quadratmeter Lagerfläche.

Insgesamt hat die EGV im Mittelsdorf am ehemaligen Molkerei-Standort fast 5000 Quadratmeter Lagerfläche. Foto: Klempow

Der gut gelaunte Morawietz bekommt das gespiegelt: Heute fährt er auch eine Kaserne an, die Bundeswehr ist ein EGV-Kunde. Und er weiß, „dann steht mein Kaffee schon auf dem Tisch“. Die Zeit für den Kaffee hat er, während kontrolliert wird, ob die Ware auch wie bestellt geliefert wird. Denn auch das gehört zum Service: Fehlt etwas, wird sofort nachgeordert und geliefert.

Die gute Seele sitzt im Fuhrpark-Büro

Morawietz holt sich vor der Abfahrt noch einen Kaffee am Automaten. Gegenüber sitzt Marco Schlaefereit im Fuhrpark-Büro - bei üblichen Büro-Temperaturen.

Die gute Seele im Fuhrpark-Büro: Marco Schlaefereit.

Die gute Seele im Fuhrpark-Büro: Marco Schlaefereit. Foto: KLempow

Er hält den Fahrern wie Morawietz den Rücken frei. Der Chef nennt ihn „die gute Seele“. Schlaefereit saß früher selbst hinter dem Steuer und kennt die Lkw. Läuft es auf der Tour nicht nach Plan, melden sich die Fahrer bei ihm. Die Kundenservice-Hotline des Lkw-Herstellers weiß er längst auswendig. Geht es um kleinere Pannen, zum Beispiel darum, einen Scheinwerfer zu reparieren, „kenne ich ein paar Kniffe“, sagt der Hammaher.

Jede Nachtschicht ist anders

Er strahlt Ruhe aus. „Stress zu machen hilft hier definitiv nicht“, meint er. Aber Improvisationstalent und Menschenkenntnis. „Jeder Tag ist anders“, sagt er und meint eigentlich die Nacht. „Aber das macht es auch so interessant.“

Im Fuhrpark-Büro holen sich die Fahrer ihren digitalen Fahrtenplaner ab. „Wir haben Fahrer mit festen Touren und Springer“, erklärt Schichtleiter Manuel Ackermann. Papierkram ist passé: Auf dem handlichen Wanko-Gerät mit Scanner melden sich die Fahrer mit Namen und Lkw-Kennzeichen an. Sie können damit ihre fertig gepackten Rollcontainer für jeden Kunden scannen und verstauen.

Kurze Hose bei Kühlschrank-Temperaturen

Andreas Morawietz ist abfahrbereit, gleich steigt er auf seinen Lkw, der mit Gas „und schön ruhig“ fährt. In kurzer Hose stiefelt er zum Lkw. Das muss noch geklärt werden - kurze Hose im Kühlschrank? Er sei es gewohnt, sagt er und grinst. „Sobald es draußen zweistellig ist, ist es mir sonst auf dem Lkw zu warm“, sagt er.

Andreas Morwietz fährt mit seinem Lkw vom Gelände der EGV in Mittelsdorf.

Andreas Morwietz fährt mit seinem Lkw vom Gelände der EGV in Mittelsdorf. Foto: EGV

Allerdings geht es bei der EGV noch viel kälter: „Achtung“, sagt Manuel Ackermann und schiebt frostbeschichtete Vorhänge beiseite.

Schichtleiter Manuel Ackermann ist seit zehn Jahren bei der EGV.

Schichtleiter Manuel Ackermann ist seit zehn Jahren bei der EGV. Foto: Klempow

Willkommen im Tiefkühlfach bei 21 Grad minus. „Bei der Arbeit bewegt man sich, das hilft natürlich“, sagt Ackermann in der eisigen Kälte. Dennoch: Der beliebteste Platz im TK-Bereich ist der Gabelstapler.

Gabelstapler mit Sitzheizung

Pascal Limberg fährt einen in dieser Nacht. Mit geschlossener Kabine, Gebläse und Sitzheizung. Auf den Gabeln von Limbergs Fahrzeug glänzt Reif. Deshalb müssen die Fahrer auch dann umsichtig agieren, wenn es schnell gehen muss - das kann rutschig werden, vor allem bei Plastikpaletten.

Ein Laser an der Gabel zeigt die richtige Höhe fürs Greifen der Paletten an. Immerhin sind die Regale etwa sieben Meter hoch. „Aber man fuchst sich da rein“, sagt Limberg.

Bis zu sieben Meter hoch ragen die Regale im Tiefkühllager nach oben.

Bis zu sieben Meter hoch ragen die Regale im Tiefkühllager nach oben.

Es ist schon kurz nach 3 Uhr. Ab 4 Uhr docken die nächsten Lkw an - bis 9 Uhr nimmt die EGV neue Ware an. Dreimal pro Woche kommt zum Beispiel ein ganzer Sattelzug voller Milchprodukte. Das eingespielte Team arbeitet ab, was kommt.

Seit zehn Jahren ist Manuel Ackermann bei der EGV. Als Schichtleiter sorgt der Stader dafür, dass die Abläufe klappen. „Ich versuche, für alle ein Ohr zu haben und fasse mit an, wo ich gebraucht werde“, sagt er. Das passt. „Die Nachtschicht“, sagt Jonas Keßler, „ist ein eingeschworener Haufen.“

Dreimal die Woche wird die EGV mit frischen Milchprodukten beliefert - ein ganzer Sattelzug voll. Der Wareneingang kommt ins Regal - und wird ganz nach Wunsch an Kunden in ganz Norddeutschland geliefert.

Dreimal die Woche wird die EGV mit frischen Milchprodukten beliefert - ein ganzer Sattelzug voll. Der Wareneingang kommt ins Regal - und wird ganz nach Wunsch an Kunden in ganz Norddeutschland geliefert. Foto: Klempow

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