TDieses alte Haus am Stader Fischmarkt hat einen Brand-Schutzengel
Kirsten Werner ist die Eigentümerin des historischen Hauses am Wasser West 1 am Stader Fischmarkt. Foto: Stehr
Schon drei Brände hat das Pannekoken-Hus in den vergangenen 400 Jahren überstanden und kann auch sonst viele Geschichten erzählen. Was ist das Besondere an diesem Haus?
Stade. Eine schmale Leiter führt auf den Dachboden vier Stockwerke über dem Stader Fischmarkt. Die dicken Dachbalken sind mehr als 400 Jahre alt. „Hier erkennt man noch Spuren des Stadtbrandes von 1659“, sagt Kirsten Werner und zeigt auf schwarz verfärbtes Holz.
Das Feuer zerstörte damals etwa 500 Häuser - zwei Drittel der gesamten Stadt. 36 Menschen verloren ihr Leben. Das Eckhaus am Wasser West 1 wurde verschont - und hatte danach noch zwei Mal einen Schutzengel.
Viele Generationen haben hier ihre Spuren hinterlassen
Seit 2017 gehört das Haus Kirsten Werner. Sie betrieb von 2014 bis zum Frühjahr 2026 das Restaurant Ron‘s Pannekoken-Hus im Erdgeschoss des denkmalgeschützten Gebäudes, Baujahr 1600. Damals hieß sie noch Wichern. „Ich wollte mir mit dem Kauf meine Existenz und meine Selbstständigkeit sichern“, sagt sie. Schon damals sei sie fasziniert davon gewesen, wie viele unterschiedliche Menschen und Generationen in dem Haus ihre Spuren hinterlassen hatten.

Kirsten Werner steht in der Kehdinger Straße. An dieser Seite ist noch die Fachwerkfassade des Hauses zu erkennen. Foto: Stehr
Eine Krämerin, eine Musiklehrerin, ein „Obergerichts-Secretair“, ein Gerichtsdiener am Landgericht, ein Buchhalter, ein Büchsenmacher, mehrere Kaufmänner, ein „Colonial- und Fettwaarenhändler“, ein „Kolonial- und Materialwarenhändler“, eine Pastorin, mehrere Witwen, ein Schmied und ein Ober-Postassistent - sie alle tauchen in den Unterlagen des Stader Stadtarchivs auf, weil sie zwischen 1864 und 1913 in dem Haus am Wasser West 1 gemeldet waren. Weiter zurück reichen die Aufzeichnungen nicht.

Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1949. Damals und laut Gewerbekarte bis 1953 befand sich ein Edeka-Markt im Erdgeschoss. Foto: Stadtarchiv
Im Erdgeschoss führte Anton Hinck bis in die 1950er Jahre hinein ein Edeka-Geschäft für Feinkost, Lebensmittel, Konfitüren, Spirituosen, Seifen, Tabak und Fischereigeräte. Familie Hinck war lange Zeit Eigentümer des Hauses, bevor Kirsten Werner es übernahm.
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Davon zeugt auch das H im Giebel. Darunter eingraviert ist die Jahreszahl 1898. Im gleichen Jahr - so steht es in einem Beitrag der Arbeitsgemeinschaft Archäologie Stade - erwarb Johann Wilhelm Hinck die Stader Brauerei am Schiffertor.
Ein Selfmademan und eine neue Schmuckfassade
Hinck war ein für die Zeit typischer Selfmademan, der offenbar in Kanada zu Geld kam. So konnte er es sich wohl auch leisten, Anfang des 20. Jahrhunderts die komplette Fachwerkfront des Hauses am Fischmarkt mit einer Schmuckfassade zu verkleiden.

Foto aus vergangenen Zeiten. So sahen früher die Türen im heutigen Pannekoken-Haus aus. Foto: Stadtarchiv
Familie Hinck hatte laut Kirsten Werner am Wasser West 1 vermutlich ihre Büroräume, bis die Brauerei 1971 als letzte Stader Bierbrauerei ihre Türen schloss. Auch ein Autohaus und eine Wäscherei waren in dem heutigen Pannekoken-Hus untergebracht, bevor Ron Martens die Räume anmietete und im Erdgeschoss sein Kult-Lokal eröffnete.

„Viele Generationen haben in diesem Haus ihre Spuren hinterlassen“, sagt Kirsten Werner. Wer hier einst im dritten Stock Teppich verlegte und tapezierte ist unklar. Foto: Stehr
Wer in die oberen Stockwerke gehen will, muss den Hauseingang in der Kehdinger Straße nehmen - und kommt beim Gang über die Treppe leicht ins Wanken. „Das Haus ist eben alt und schief“, sagt Kirsten Werner. Das zeigt sich vor allem im dritten Stock.

Toller Blick auf den Fischmarkt vom dritten Stock des Pannekoken-Hauses. Die Räume zu renovieren, würde viel Geld kosten, sagt Kirsten Werner. Foto: Stehr
Der Raum mit wunderschönem Ausblick auf den Fischmarkt ist leicht abschüssig. Mehrere Schichten Tapeten und Farbe sowie ein grüner Teppich verraten etwas über den Geschmack früherer Bewohner. Renovieren will Kirsten Werner hier aus Kostengründen zunächst nicht.

Backstein, Putz, Tapeten, Spanplatte und Farbe - verschiedene Bewohner haben ihre Spuren hinterlassen. Foto: Stehr
Sie ließ stattdessen die 85 Quadratmeter große Wohnung im zweiten Stock auf Vordermann bringen und eine neue - etwas kleinere Wohnung - im ersten Stock einziehen. Dabei kam Überraschendes zum Vorschein.
Hansestadt Stade im Denkmalatlas aufgenommen
„Wir entdeckten eine doppelflügelige Tür in der Wand und Stuck in der Decke“, sagt Kirsten Werner. Die Tür könnte laut Aufzeichnungen aus dem Stadtarchiv aus dem Jahr 1670 stammen.
Feuerwehr rettet das Haus in letzter Minute
Bei der Renovierung mussten Wände neu aufgebaut und mit Brandschutzelementen verstärkt werden. Das habe kürzlich vermutlich dem Mieter aus dem ersten Stock das Leben gerettet, sagt Kirsten Werner.
Der Mann habe geschlafen, als mittags im Lagerraum des Restaurants ein Feuer ausbrach - vermutlich ausgelöst durch den Kurzschluss in einem Lüfter. Das Gerät brachte das Kleid der legendären Marylin-Monroe-Figur im Fenster zum Fliegen.

Trauriger Anblick: Die verrußte Elvis-Figur sitzt ohne Gitarre auf dem Barhocker im zerstörten Lagerraum. Die Marylin-Monroe-Figur hat den Brand nicht überstanden. Foto: Stehr
Wie berichtet, ist es einem aufmerksamen Fischmarkt-Besucher und dem schnellen Eingreifen der Freiwilligen Feuerwehr Stade zu verdanken, dass der Brand rechtzeitig unter Kontrolle war. „Zehn Minuten später wäre das ganze Haus verloren gewesen“, sagt Kirsten Werner.

Die Häuser Wasser West 1 (gelb) und Kehdinger Straße 2 (weiß) gehörten früher zusammen. 1787 wurden sie an unterschiedliche Eigentümer verkauft. Foto: Stehr
Ein Schutzengel wachte anscheinend auch 2020 über das Haus, als mitten in der Nacht ein Strandkorb vor dem Restauranteingang in Flammen stand. „Das Feuer hätte leicht aufs Haus übergreifen können, zum Glück hat ein Feuerwehrmann aus der Nachbarschaft schnell reagiert“, sagt Kirsten Werner.

2020 stand nachts ein Strandkorb vor dem Pannekoken-Hus in Flammen. Weil ein Feuerwehrmann aus der Bungenstraße das Feuer schnell bemerkte, konnte es nicht auf das Haus übergreifen. Foto: privat
Sie hofft, dass der Brand-Schutzengel weiter über ihr Haus am Fischmarkt wacht und dass noch viele Menschen hier ihre Spuren hinterlassen können.
Knapp 2000 Baudenkmäler im Landkreis Stade
Etwa eine Million Immobilien stehen in Deutschland unter Denkmalschutz. In Niedersachsen sind zurzeit etwas über 100.000 Bau- und Kunstdenkmäler sowie circa 25.000 archäologische Denkmäler in der Datenbank des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege verzeichnet. Laut Denkmalatlas Niedersachsen gibt es im Landkreis Stade knapp 2000 Baudenkmäler. In Stade stehen ungefähr 400 Gebäude unter Denkmalschutz.

Ein Lagerraum direkt über dem Restaurant Pannekoken-Hus brannte vor zwei Wochen aus. Foto: Battmer
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