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Glück im Unglück

TDurchs Dach gestürzt: Hermann Bösch dankt täglich seinem Schutzengel

Hermann Bösch vor dem Schweinestall, auf dessen Dach noch immer ein Besen liegt.

Hermann Bösch vor dem Schweinestall, auf dessen Dach noch immer ein Besen liegt. Foto: Bösch

Es grenzt an ein Wunder, dass Hermann Bösch aus Balje noch lebt. Der Alt-Bürgermeister hatte im Mai einen schweren Unfall - und einen wunderbaren Schutzengel.

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Von Susanne Helfferich
Dienstag, 30.12.2025, 07:36 Uhr

Balje. Es geschah am Freitag, 23. Mai, dieses Jahres. Hermann Bösch wollte seinen Hof- und Stalldiensten im Familienbetrieb nachkommen. Da fiel sein Blick auf den Schweinestall, konkreter: auf dessen Eternitdach und das Moos, das sich dort verbreitete.

„Es war ein trockener Tag, ideal um das Moos runterzufegen. Die ganze Woche hatte ich mir das schon vorgenommen“, erzählt der 73-Jährige. Es war nicht das erste Mal, dass Bösch das machte. Er nahm sich eine Leiter und einen Besen und kletterte hinauf. „Ich war vorsichtig, ich bin auf den Balken gegangen“, erzählt er. Was danach geschah, daran erinnert er sich nicht mehr. Das Dach gab nach, Bösch brach durch die Eternitplatten, durchbrach die Decke und stürzte sieben Meter tief auf den Betonboden.

Er rappelt sich auf und geht voller Blut zum Wohnhaus

Wie lange Hermann Bösch da lag, weiß niemand. Als er zu sich kam, rappelte er sich auf und ging blutüberströmt zum etwa 50 Meter entfernten Wohnhaus. Dort stand er und schaute durchs Küchenfenster. Seine Frau Annette bekam einen Riesenschrecken, holte ihren Mann herein, wollte wissen, was geschehen ist. Doch Bösch wusste es nicht. Er sagte nur: „Es ist doch gar nichts los, mir tut nur die linke Seite weh.“

Dabei war eine ganze Menge los: Er hatte nicht nur eine Wunde am Kopf, die zu einer - wenn auch leichten - Gehirnblutung führte. Seine Schulter war an drei Stellen gebrochen, ebenso ein Schlüsselbein. Ein Brust- und ein Nackenwirbel waren stark geprellt und fünf Rippen angeknackst. Fast der gesamte Körper lief violett an.

Zwei Fotos dokumentieren das große Glück

Wie viel Glück der 73-Jährige hatte, zeigen zwei Fotos: Das eine, von unten aufgenommen, zeigt die durchbrochene Decke. Auf dem anderen sind heruntergefallene Dämmplatten zu sehen. Sie liegen im schmalen Mittelgang des Schweinestalls. Und sofort ist das Kopfkino eingeschaltet: Was wäre geschehen, wenn Hermann Bösch nicht längs, sondern quer in die Stallgasse gefallen wäre und Kopf, Rumpf und Beine auf die Geländer geprallt wären? Mit großer Wahrscheinlichkeit hätte er einen solchen Sturz nicht überlebt.

Nach dem Sturz durchs Dach durchbrach Hermann Bösch auch den Boden...

Nach dem Sturz durchs Dach durchbrach Hermann Bösch auch den Boden... Foto: Bösch

Die Familie reagierte schnell. Sohn Sönke forderte sofort einen Rettungswagen an, der den Vater ins Elbe Klinikum nach Stade brachte. „Im Nachhinein sagten die Ärzte, wenn sie gewusst hätten, dass der Sturz so schwer gewesen war, hätte man einen Rettungshubschrauber angefordert“, so Bösch. Doch zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, was geschehen war. Auch Hermann Bösch nicht.

Nach einem halben Jahr Physiotherapie fast der Alte

Eine Woche blieb er zunächst im Stader Klinikum. Dann wurde Bösch wegen der Komplexität der Verletzungen ans UKE in Hamburg überwiesen. Nach insgesamt zwei Wochen konnte der 73-Jährige wieder zurück nach Balje. In der Stube wurde sein Krankenbett aufgeschlagen, und nach fünf Wochen war Hermann Bösch wieder auf den Beinen.

„Ich bin dankbar und zufrieden, dass es so gelaufen ist“, sagt Bösch. Nach den Prognosen der Ärzte hätte die Rekonvaleszenz deutlich länger gedauert. Bösch ist ein Stehaufmännchen, das hat er schon öfter bewiesen.

An den Unfall kann er sich nicht erinnern

Bis Ende November bekam der 73-Jährige Physiotherapie, die ihm sehr geholfen habe. Zurückgeblieben ist nicht viel: leichte Gleichgewichtsstörungen, da er aufs Ohr gefallen ist; die Beweglichkeit der Schulter ist etwas eingeschränkt. Beschwerden, die viele Altersgenossen haben. Und ihm fehlen drei Tage.

... und landete zum Glück der Länge nach im Mittelgang des Schweinstalls.

... und landete zum Glück der Länge nach im Mittelgang des Schweinstalls. Foto: Bösch

Er kann sich nicht an den Sturz erinnern, auch nicht daran, was danach geschehen ist: Dass er blutüberströmt zum Wohnhaus gelaufen ist. Seine Frau bestätigt: Trotz geöffneter Augen sei er nicht wirklich bei Bewusstsein gewesen, erzählt sie, „er konnte mir nicht beantworten, was geschehen war“.

Jeden Morgen geht Hermann Bösch in den Schweinestall. „Jedes Mal schaue ich nach oben, wo ich durchgebrochen bin. Und ich bedanke mich jeden Tag bei meinem Schutzengel.“ Der Besen liegt immer noch auf dem Dach. „Ich darf ihn nicht runterholen“, sagt er lächelnd, und schickt hinterher: „Ich geh‘ da nicht mehr rauf.“ Das Schicksal will er nicht ein weiteres Mal herausfordern.

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