TEin Aufstand der Erschöpften: Staderinnen rufen zum Frauenstreik
Nadine Grubert (links) und Lara Thomsen rufen zum Frauenstreik in Stade auf. Foto: Richter
Ungerechte Verteilung von Sorgearbeit, ungleicher Lohn, Sexismus. Immer noch. „Es reicht“, sagen zwei Staderinnen und rufen zum globalen Frauenstreik am 9. März auf.
Stade. Es geht - irgendwie. Die Kinder, die Erwerbsarbeit, der Haushalt. Nadine Grubert sieht viele Frauen, die das aushalten, dabei aber immer wieder über ihre Grenzen hinausgehen.
„Mütter können es nie recht machen“
„Und genau dieses Aushalten ist eine Katastrophe. Entlastung ist wichtig - auch für die Bindung zu unseren Kindern“, sagt sie. „Egal, was Mütter tun, sie können es nie recht machen“, fügt Lara Thomsen hinzu.
So kann es nicht weitergehen, finden die beiden Freundinnen aus Stade. Viele sehen das zurzeit offenbar wie sie: Bundesweit und international rufen Frauen und Organisationen für den 9. März zum Frauenstreik auf.
Der Auslöser: Eine rückwärtsgewandte Politik
Für Thomsen und Grubert war die aktuelle politische Entwicklung der Auslöser. „Die ist sehr rückwärtsgewandt. Der Streik soll ein Zeichen sein“, sagt Lara Thomsen. Das gelte weltweit und auch in Deutschland. Bundeskanzler Friedrich Merz werfen dabei sie einiges vor.
Aktionstag am 1. März
Frauen leisten weit mehr unbezahlte Arbeit als Männer
Zum Beispiel seine Forderung nach weniger „Lifestyle-Teilzeit“: Nadine Grubert ist Gründerin und zweifache Mutter. Bevor die Musiktherapeutin ihre eigene Praxis eröffnete, sprach sie mit einer Unternehmensberaterin, die ihr riet, realistisch einzuschätzen, wie viel Zeit sie wirklich für ihren Betrieb aufbringen kann. Vollzeit war nicht drin.
Von wegen „Lifestyle-Teilzeit“
„Ich habe zwei Wunschkinder, Betreuung von 8 bis 16 Uhr und einen Partner, der mich sehr unterstützt“, sagt Grubert. Trotzdem seien da auch noch die Wege, das Kochen, das Einkaufen, die Wäsche. „Und ich weiß, dass ich im Vergleich zu anderen privilegiert bin. Deshalb habe ich ja noch die Kraft, den Frauenstreik zu organisieren“, betont sie.
Stichwort Krankheitstage: Rund 14 sind es pro Arbeitnehmer, was Merz zu viel findet. Grubert nicht: „Ich habe zwei Kinder. Wenn jedes einen Infekt durchmacht, bin ich 14 Tage krank. Und dann bin ich noch nicht mal selbst krank gewesen.“
Wenn die Familie als Team funktioniert
Lara Thomsen hat drei Kinder unter zehn Jahren, zu ihrer Patchworkfamilie gehören fünf Kinder. Als Krankenschwester arbeitet sie nicht mehr. „Ich habe bewusst entschieden, Kinder zu bekommen und zu Hause zu bleiben“, sagt sie.
Ihre Familie funktioniere dabei als Team; Care-Arbeit und Erwerbsarbeit müssen nicht nur gerecht aufgeteilt, sondern auch gleichermaßen gewürdigt werden, fordert sie.
Lohngerechtigkeit
Vergleich mit Spitzenverdiener? - Urteil stärkt Frauenrechte
Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen, heißt es. „Aber dieses Dorf gibt es es nicht mehr“, sagt Lara Thomsen. Ihr Wunsch: „Dass die Arbeit, die wir Mütter leisten, gesellschaftlich und finanziell anerkannt wird. Wir bekommen zu wenig Unterstützung.“
Empörte Töchter sehen strukturelle Ungerechtigkeit
Ursprünglicher Auslöser ihrer Aktion war der Friedrich-Merz-Satz „Fragen Sie mal ihre Töchter“ im Kontext der Stadtbild-Debatte. „Ich habe das als Schlag ins Gesicht aller Frauen empfunden, die einmal Gewalt erfahren haben“, sagt Nadine Grubert.
Die Äußerung verrate vor allem ein patriarchalisches Weltbild. Dabei gehe es eigentlich um strukturelle Probleme.
Gewalt gegen Frauen fange nicht im Stadtbild an, sondern oft im eigenen Zuhause, bei körperlicher oder psychischer Gewalt. „Jede Frau hat schon sexuelle Belästigung erfahren. Aber vielen ist das nicht bewusst. Es ist zu normal - und das darf es nicht sein“, sagt Thomsen.
Gleichstellung bedeute auch, keine Angst haben zu müssen. Statt sich dafür einzusetzen, würden immer wieder öffentliche Gelder für Einrichtungen in Frage gestellt, die sich für Prävention und den Schutz von Frauen einsetzen.
Politischer Aktionstag statt Arbeitskampf
Nadine Grubert und Lara Thomsen haben sich dem Frauenstreik-Aufruf des Töchterkollektivs (Hashtag: #ohneunsstehtallesstill) angeschlossen, das sich in mehr als 70 Städten bundesweit nicht nur an Frauen wendet, sondern an alle Menschen, die von Ungleichheit betroffen sind oder sie solidarisch unterstützen wollen.
Unter dem Titel „Basta!/Genug!/Enough!“ haben auch viele andere Organisationen weltweit zum Mitmachen aufgerufen. Die Stader Gleichstellungsbeauftragte Jacqueline Jugl unterstützt die Aktion.
Am 9. März ist Frauenstreik in Stade
Der Frauenstreik am 9. März in Stade ist allerdings kein Arbeitskampf - anders als 1975 in Island, wo die Frauen ihre Erwerbs- und Care-Arbeit nieder und damit das ganze Land lahmlegten. In Stade geht es um einen politischen Aktionstag, der Frauen nicht in zusätzliche Konflikte bringen, sondern den Frauentag am Sonntag, 8. März 2026, öffentlichkeitswirksam erweitern soll.
„Wir wollen klar machen, dass es so nicht weitergeht - und dass es ohne uns nicht geht!“, erklären Lara Thomsen und Nadine Grubert. Die Aktion beginnt um 16 Uhr auf dem Ankerplatz (Platz Am Sande) in Stade. Beiträge, ob mit Worten, Musik oder Kunst, sind willkommen - und möglichst viele Menschen, die sich solidarisch zeigen wollen. Kontakt und mehr Infos auf der Instagram-Präsenz unter frauenstreik.stade.
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