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So tickt die Jugend

TEin Ort zum Bleiben: Was Assel für diese Jungschützen zur Heimat macht

Finja Kailuweit und Ole Schmidt leiten die Jungschützenabteilung des SV Assel.

Finja Kailuweit und Ole Schmidt leiten die Jungschützenabteilung des SV Assel. Foto: SV Assel

Während es viele junge Leute aus den Dörfern in die Stadt zieht, haben sich diese Jungschützen dazu entschieden, in Assel zu bleiben. Warum - und was Heimat für sie ist.

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Von Pauline Meyer
29.07.2026, 17:50 Uhr

Assel. „Die meisten unserer Freunde bleiben hier“, sagt der 23-jährige Jungschütze Jonas Gerß. Der Student pendelt zwischen Assel und Bremen. Selbst könne er sich auch vorstellen, später wieder ganz hier zu leben. Dass Gerß seine Heimat für sein Studium verlassen hat, bedeutet für ihn nicht, dass er sie hinter sich gelassen hat.

Denn Heimat ist für ihn vor allem mit Menschen verbunden: Mit Freunden, die er seit seiner Kindheit kennt, mit Veranstaltungen, bei denen man immer wieder dieselben Gesichter sieht.

In der Reihe „So tickt die Jugend“ beleuchtet das TAGEBLATT unterschiedliche Lebenswelten junger Menschen. Dieses Mal geht es um Heimat: Ist sie ein Ort oder eine Gemeinschaft? Sind es bestimmte Werte oder ein Gefühl? Vier junge Menschen vom Asseler Schützenverein erzählen, warum sie sich in ihrer Gemeinde zu Hause fühlen.

„Eigentlich ist hier nichts“

„Ich finde es schön, dass man sich hier noch grüßt. Die Leute haben immer einen Schnack auf Lager“, sagt Finja Kailuweit. Die 27-Jährige arbeitet eigentlich als Chemielaborantin bei Dow und ist aktuell in Elternzeit.

Sie hat in Assel ein Haus gebaut - direkt neben ihren Eltern. Die Entscheidung dafür habe sie bewusst getroffen. „Obwohl hier eigentlich nichts ist“, sagt sie. Einkaufsmöglichkeiten und gute Busverbindungen fehlen. Doch „weil der Zusammenhalt hier so gut ist“, sei sie trotzdem geblieben.

Lieben ihren Heimatort (von links): Jannis Beckmann, Jonas Gerß, Finja Kailuweit und Ole Schmidt vom SV Assel.

Lieben ihren Heimatort (von links): Jannis Beckmann, Jonas Gerß, Finja Kailuweit und Ole Schmidt vom SV Assel. Foto: P. Meyer

Dieser Zusammenhalt ist für die Jungschützen des SV Assel der Kern ihrer Heimat. Gemeinsam mit dem 26-jährigen Ole Schmidt leitet Finja Kailuweit die Jungschützenabteilung des Vereins. Zu der gehört auch Jannis Beckmann. Der 18-Jährige macht eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei AOS in Stade. Alle vier sind in Assel aufgewachsen. Sie kennen sich schon lange, wohnen teilweise in derselben Straße.

Von innen heraus: Ehrenamt trägt das Dorf

Etwas, das die vier an ihrer Heimat schätzen, ist es, immer wieder auf die gewohnten Menschen zu treffen. „Und das generationsübergreifend. Keine Altersbarriere bei uns“, erklärt Ole Schmidt.

Das Dorf funktioniere auch deshalb, weil Menschen Verantwortung übernehmen. „Es entsteht alles aus Eigeninitiative“, sagt Ole Schmidt. Viele Dinge würden von Vereinen und Ehrenamtlichen organisiert, nicht von der Politik. „Der Projektenthusiasmus kommt von innen heraus“, so Schmidt. „Aus den Vereinen, die das Dorf verschönern wollen.“ Assel lebe vom Ehrenamt, der Schützenverein sei dabei eine wichtige Anlaufstelle, ergänzt Finja Kailuweit.

Finja Kailuweit hat sich bewusst dafür entschieden, in Assel ein Haus zu bauen - direkt neben dem ihrer Mutter.

Finja Kailuweit hat sich bewusst dafür entschieden, in Assel ein Haus zu bauen - direkt neben dem ihrer Mutter. Foto: P. Meyer

Auch die Traditionen des 125 Jahre alten Vereins gehören für die jungen Schützen dazu. „Man kann aber auch neue schaffen“, weiß Finja Kailuweit. Ein Beispiel ist der Jungschützenempfang, bei dem der Jungschützenkönig zum Vortrinken einlädt und anschließend gemeinsam zum Schützenplatz marschiert, erklärt Jannis Beckmann: „Wir wollten den Samstag prominenter machen.“ Für die vier Schützen zeige das, dass Heimat nicht zwingend bedeutet, alles beim Alten zu lassen. Sie könne sich verändern, ohne dass die Verbindung zum Ort verloren gehe.

Eine halbe Stunde Aufwand für einen Becher Sahne

Ihr Heimatort Assel hat für die vier durchaus auch Seiten, die sie kritisch sehen. Infrastruktur und Nahverkehr seien etwa Punkte, an denen es hapere. Auch die politische Aufmerksamkeit für die Dörfer sehen sie kritisch. „Assel geht in der Gemeinde unter, der Fokus liegt auf Drochtersen“, so Schmidt.

Gleichzeitig habe sich durch das Dorfentwicklungsprogramm „Pro Elbstromdörfer“ einiges bewegt. Auch dafür engagiert Ole Schmidt sich. Für Assel gab es 2025 die Höchstfördersumme von einer halben Million Euro. Unter anderem wird das Dach des Dorfgemeinschaftshauses mit Schützenhalle saniert.

Was in Sachen Infrastruktur in Assel fehlt, werde für die vier über die Gemeinschaft ausgeglichen. Wenn beim Kochen ein Becher Sahne fehlt, müsse sie nicht erst zum Supermarkt fahren, erklärt Finja Kailuweit. Sie könne einfach bei einem Nachbarn klingeln. „Das wäre für mich sonst ein Aufwand von einer halben Stunde“, so die junge Mutter. Ganz ohne Schattenseiten sei die Nähe allerdings nicht. Getratscht werde natürlich auch, geben sie zu. Manchmal könne das aber durchaus lustig sein.

Das Dach von Schützenhalle und Dorfgemeinschaftshaus in Assel wird saniert.

Das Dach von Schützenhalle und Dorfgemeinschaftshaus in Assel wird saniert. Foto: Helfferich

Klar sei den Jungschützen, dass nur wenige Menschen in die Gemeinde ziehen, die zuvor keine Verbindung zu Assel hatten. Doch wer herkommt und sich integrieren will, sei willkommen. Angebote der Vereine oder der Feuerwehr gebe es genügend. Wer lieber anonym lebe, werde in einem kleinen Dorf hingegen wahrscheinlich nicht glücklich, meinen die Schützen. Für sie mache das Miteinander alles aus.

Lieblingsorte in der Heimat

Die vier selbst haben ihre Heimat mit eigenen Erinnerungen gefüllt: Ole Schmidt denkt an den Spielplatz in seiner Straße. Dort trafen er und seine Freunde sich schon als Kinder. „Und auch mit 14, als wir unser erstes Bier probiert haben“, erzählt er. Als Orte, die ihm wichtig sind, nennt Jannis Beckmann den Sportplatz und den Schießstand. Hier verbringt er viel Zeit.

Jonas Gerß denkt an die Häuser seiner Kindheitsfreunde, in denen er seit mehr als 20 Jahren ein und aus geht. „Das ist schon wie ein zweites Zuhause.“ Für Finja Kailuweit ist es der Strand von Abbenfleth, den sie als Lieblingsort beschreiben würde. „Das ist wie Urlaub und gleichzeitig mein Zuhause“, sagt sie.

Ihre Definition von Heimat fasst letztlich Ole Schmidt in einem Satz zusammen: „Heimat ist für mich, wenn man beim Seniorenstammtisch mit denselben Freunden sitzt, mit denen man schon im Sandkasten gespielt hat.“

TAGEBLATT-Serie: So tickt die Jugend

Wie politisch sind junge Menschen im Landkreis Stade? Wie heimatverbunden sind sie - wollen sie bleiben oder zieht es sie weg? Was müssen Vereine tun, um sie zu begeistern? Wie und wo verbringen sie ihre Freizeit? Wie feiern junge Menschen in der Region? Auf Fragen wie diese gibt es in den nächsten Wochen und Monaten Antworten in der TAGEBLATT-Serie „So tickt die Jugend“.

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