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(Über)leben

T„Ein knappes Ding“: In der Notaufnahme holen ihn Ärzte zurück ins Leben

Heute wiegt Hendrik Sievers etwas mehr als 90 Kilo. Seine adipöse Zeit hat Spuren hinterlassen.

Heute wiegt Hendrik Sievers etwas mehr als 90 Kilo. Seine adipöse Zeit hat Spuren hinterlassen. Foto: Berlin

Hendrik Sievers aus Himmelpforten ist gefeierter Handballtorwart, adipös und fast tot. Sein (Über)leben in vier Akten. Teil 3: Tag X - als das Herz stillsteht.

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Von Daniel Berlin
11.08.2026, 05:45 Uhr

Himmelpforten. Es ist der 23. Juli 2023, an dem Hendrik Sievers fast stirbt. Er und seine ganze Familie verbringen ihren Urlaub in Südtirol. Sievers steht bei der Arbeit unter Stress. Sein Vater ist gerade gestorben. Seine Frau Katja sagt ihm, er sehe nicht gut aus. „Lass mich in Ruhe“, sagt Sievers. Zwei Tage schlafen, dann werde es besser. Ein Trugschluss.

Hendrik Sievers bricht zu seinem Spaziergang auf. Jeden Morgen geht er vor 8 Uhr 8000 Schritte. Er begann damit im Herbst 2019, als er noch 165 Kilo auf die Waage brachte. Damals war der ehemalige Handballtorwart, der für Himmelpforten und die HSG Bützfleth/Drochtersen spielte, adipös und hatte die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann, wenn er leben will. Er fuhr viel Rad und stellte seine Ernährung um. Gut 30 Kilo hatte er vier Jahre später bereits abgenommen.

Kalter Schweiß: Seine Frau schickt ihn zum Arzt

Eine ältere Dame überholt Hendrik Sievers an einem Berg in Norditalien. Sievers schwitzt kalten Schweiß. In der Nacht zuvor hatte seine Armbanduhr bereits ein Vorhofflimmern festgestellt. „Ich habe es weggedrückt. Das Armband saß locker“, sagt Sievers. Als der heute 51-Jährige zurück im Hotel ist, platzt seine Frau. „Glücklicherweise“, sagt er.

Sie ließ nicht zu, dass er sich zum Ausruhen hinlegt. „Du musst zum Arzt“, sagt sie zu ihm. Die Uhr zeigt erneut ein Vorhofflimmern an. Auch das muss ein Messfehler sein, redet Sievers sich ein. Schließlich habe seine Frau ihn gerade angeraunt. Aber, als seine Uhr ein EKG aufzeichnet, kommt langsam die Einsicht. „Das EKG sah schlimm aus“, sagt Sievers.

Seine Frau drückt an den Stellen am Körper, an den Beinen, in der Kniekehle, an der Leiste. Sie kennt sich aus. Ihr Mann hat Schmerzen. Ein Zeichen für eine Thrombose. „Es ging mir von Minute zu Minute schlechter“, sagt Sievers.

Hendrik Sievers spielte im Tor bei der HSG Bützfleth/Drochtersen.

Hendrik Sievers spielte im Tor bei der HSG Bützfleth/Drochtersen. Foto: Tiessen-Franke

Der Hoteldirektor ruft die Ambulanz. Hendrik Sievers‘ Blutdruck eskaliert. Der Herzschlag und der Puls poltern unkontrolliert. Notfallsanitäter reanimieren Hendrik Sievers in der Schleuse zur Notaufnahme eines Krankenhauses. Erst am Nachmittag wacht Sievers wieder auf.

Norddeutscher Humor nach dem Aufwachen

„Sie hatten Glück“, soll der Arzt gesagt haben. Die erste Reanimation habe geklappt. Außerdem, so der Mediziner, hätte Sievers nicht überlebt, wenn er „noch so fett gewesen wäre, wie vor drei, vier Jahren“. Am Krankenbett der Intensivstation steht Katja Sievers mit feuchten Augen.

Der norddeutsche Humor bei Hendrik Sievers funktioniert. Er meint, er könne ja jetzt wieder aufstehen, bis er realisiert, dass ihn ein Gerät mit Sauerstoff vollpumpt, dass er mit einem EKG verkabelt ist und ein Tropf ihn mit kräftigenden Infusionen versorgt. Eine „fulminante Thrombose“ hatte sich zur beidseitigen Lungenembolie ausgeweitet und das Vorhofflimmern verursacht. Wenn sich Hendrik Sievers Stunden zuvor hingelegt hätte, würde er jetzt nicht mehr leben.

Vier Tage verbringt Hendrik Sievers im Krankenhaus in Brixen. An seinem Geburtstag entlässt er sich nach Rücksprache mit seinen deutschen Ärzten selbst. Er will den Tag mit seiner Familie in den Bergen verbringen. Seine Familie ist komplett traumatisiert, erzählt er.

„Ein knappes Ding“: Foto mit Symbolcharakter

Die Hotelbelegschaft erfüllt Familie Sievers jeden Wunsch, liest ihn von den Augen ab - sie würde sich im Normalfall auch nach dem Befinden ihrer Gäste erkundigen. Doch sie wissen um die dramatischen Stunden. Der Hotelchef weist das Personal an, Familie Sievers nicht danach zu fragen.

Auf einer kleinen Holzbank in den Bergen entsteht ein Foto. Hendrik Sievers ist von hinten zu sehen. Er schaut über Weinberge und sieht tief hängende Wolken an den Füßen einiger bewaldeter Berge. Ein Bild wie eine Postkarte. Er sagt, er habe an diesem Tag die Familie genossen. Er habe in sich hineingehorcht. Die Lebensgefahr habe etwas mit ihm gemacht. „Ein knappes Ding“, sagt Sievers.

Moderne Medikamente stabilisieren den Himmelpfortener für die Rückfahrt. In drei Etappen im Familienauto geht es permanent EKG-überwacht nach Hause. Im Krankenhaus in Stade setzen Spezialisten Tage später zwei Stents. Etwa zu dieser Zeit setzt sich Sievers die nächsten Ziele: Er will mit seiner Tochter 2024 bei den Cyclassics in Hamburg Rad fahren. Die, denen er das erzählt, reagieren erstaunt. „Es war ein ehrgeiziges Ziel, aber es war ernst gemeint“, sagt Sievers.

Was ist wichtig, was nicht? Sievers erstellt Prioritätenliste

Nach Tag X gerät einiges aus den Fugen. Sievers schlägt sich mit Erkrankungen und Begleiterscheinungen herum, die sein früheres Leben hervorriefen. Chronische Sachen. Er muss ständig zu Fachärzten. Zum Phlebologen wegen der Thrombose, zum Kardiologen wegen des Herzens, ein Diabetologe kontrolliert seine Zuckerwerte. Alle vier Wochen erlebt Sievers einen „Scheiß-Tag“. Dann bekommt er aufgrund von Einblutungen eine Spritze ins Auge. Dabei sieht er eigentlich gesund aus.

Hendrik Sievers schreibt sich eine Prioritätenliste. Er lernt klare Strukturen. Er lernt, Nein zu sagen. Wenn die Familie an der Reihe ist, bleibt keine Zeit für anderes. Wenn er trainiert und auf dem Rad sitzt, gibt es kaum etwas Wichtigeres. Freunde und Bekannte helfen ihm, animieren ihn zum Sport oder bereiten seiner Frau einen schönen Tag. Im Sommer 2025 steht etwas Besonderes ganz oben auf der Liste.

Emotionale Stille: Sievers bedankt sich beim Wirt

Sievers nennt es „Brenner by Bike“. Er will 105 Kilometer mit dem Rad über den Pass zwischen Österreich und Italien fahren - bis nach Brixen. Dorthin, wo er zwei Jahre zuvor fast gestorben wäre. Er muss 2000 Höhenmeter überwinden. Ein Freund gibt ihm Windschatten. Sievers will sich einfach bei dem Gastwirt bedanken, der ihm im Angesicht des Todes das Leben schön gemacht hatte.

Einmal über den Brenner nach Brixen in das Hotel, in dem Hendrik Sievers 2023 fast gestorben wäre. Er wollte sich beim Wirt bedanken.

Einmal über den Brenner nach Brixen in das Hotel, in dem Hendrik Sievers 2023 fast gestorben wäre. Er wollte sich beim Wirt bedanken. Foto: Privat

Er kommt an dem Hotel an, stellt sein Fahrrad im Innenhof ab. Unangemeldet. Der Wirt sieht ihn. Die Männer nehmen sich in den Arm. Sie sprechen nicht. Es herrscht eine emotionale Stille.

Die Serie (Über)leben

In den ersten beiden Teilen der Serie (Über)leben erzählt der Himmelpfortener Hendrik Sievers von seiner adipösen Zeit und vom Tag der Erkenntnis, dass es so nicht weitergeht. Nach „Tag X - als das Herz stillsteht“ folgt im vierten und letzten Teil „Die Herausforderung“. Sievers trainiert fast täglich auf dem Rad, wiegt nur noch knapp über 90 Kilo und fährt im Juli 2026 schließlich über vier Pässe in den Dolomiten.

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