T„Einfach nur Angst“: Ist er in Stade dem Serienmörder begegnet?
Der Göhrde-Mörder hatte viele Gesichter - hier zeigt er sich mit Hund, Handtasche und Sonnenbrille. Foto: Andrea Schneider
Nach einem Vortrag über den Göhrde-Mörder wenden sich Zeugen aus dem Kreis Stade an das bis heute aktive Ermittlerteam. Sie erzählen von unheimlichen Begegnungen.
Landkreis. „Heute weiß ich, dass ich viel Glück gehabt habe“, sagt der damals 13-jährige Junge. Heute ist er ein großer, kräftiger Mann, der voll im Leben steht. Aber er hat den Tag im Jahr 1983 nie vergessen, als er von Stade nach Kutenholz trampte und zu einem auffallend blonden Mann ins Auto stieg.
Ungewöhnlich viele Morde zwischen 1977 und 1987
Er hält es für gut möglich, dass es Kurt-Werner Wichmann war - ein Serienmörder, auf dessen Konto einige bis heute unaufgeklärte Kriminalfälle aus dem Elbe-Weser-Raum gehen könnten. „Es ist nicht normal, dass hier zwischen 1977 und 1987 so viel gemordet wurde“, sagt Reinhard Chedor.

Reinhard Chedor in der Seminarturnhalle bei der Veranstaltung „True Crime in Stade“. Foto: Richter
Der inzwischen pensionierte Hamburger LKA-Leiter hat mit dem Tramper von damals gesprochen. Auch er hält es für möglich, dass der 13-Jährige damals dem sogenannten Göhrde-Mörder begegnete. Chedor gehört zu einem privaten Ermittlerteam, dem zu verdanken ist, dass fünf von Wichmanns Taten als erwiesen gelten: die Doppelmorde an zwei Paaren in der Göhrde und der Mord an Birgit Meier, alle verübt 1989 in der Gegend um Lüneburg.
Reinhard Chedor hat den jungen Tramper von damals persönlich aufgesucht, der sich nach einer Veranstaltung des Ermittlerteams über den Fall Wichmann unter dem Titel „True Crime in Stade“ bei ihm gemeldet hatte. Gemeinsam fuhren sie auch die Strecke von damals ab. Bei einem zweiten Gespräch durfte das TAGEBLATT dabei sein.

Wichmann fuhr viele Autos. Bevorzugte Marke: Mercedes. Dieser in Braun-Metallic gehörte dazu. Foto: privat
„Es war ein Samstag. Ich besuchte die weiterführende Schule in Stade“, berichtet der 1970 Geborene, dessen Name der Redaktion bekannt ist. Damals war noch an jedem zweiten Samstag im Monat Unterricht. Die Zugverbindung Stade-Kutenholz war am Wochenende aber schlecht: „Also hieß es: Eltern oder Trampen.“
An diesem Tag hielt er - wie viele seiner Mitschüler damals - in Höhe der Bushaltestelle an der Harsefelder Straße stadtauswärts den Daumen raus. „Und zwar alleine. Dann wird man eher mitgenommen, das wussten wir.“ Ein Opel Senator hielt. Die schicke Automarke hatte sofort seine Aufmerksamkeit.
Tramper erinnert sich sogar an das Nummernschild
Auch an das Nummernschild erinnert er sich noch: LG ED 56. „Mein Vater war Lkw-Fahrer. Der hat mir beigebracht, die Landkarte zu lesen und mit mir immer Merkspiele mit Autokennzeichen gemacht.“ Höchstens bei den Ziffern „56“ könne es einen kleinen Zweifel geben.
Er stieg ein. „Im Auto war auch ein teures Blaupunkt Radio. Ich war begeistert.“ Doch als er seinen Schulranzen auf den Rücksitz legen wollte, war der voll: „Da lagen drei bis vier Sporttaschen und mehrere Jacken.“ Dann fuhr der Mann los - auffallend langsam.
„Er trug eine riesengroße, schwarze Sonnenbrille. Und er hatte dieses unnatürlich blonde Haar“, erinnert er sich. Erst, als sie schon fuhren, wurde ihm bewusst, dass der Opel Senator auf der B73 zuerst aus Richtung Cuxhaven kam. Er war eigens umgekehrt, um ihn mitzunehmen.
Fahrer stellte dem Jungen sexuelle Fragen
Auf Höhe des Rüstjer Forsts fing der Fahrer an, ihn auszufragen. Ob er dort manchmal hinkomme, zum Spazierengehen? „Es gab dort einen Schwulentreff. Das wusste ich damals aber gar nicht“, berichtet er. Der Mann habe mehrere intime, sexuelle Fragen gestellt. Dem Jungen wurde immer unbehaglicher.
Noch bevor sie zu seinem Wohnort kamen, in der Nähe des Hauses einer Tante, sagte er: „Hier können Sie mich rauslassen.“ Er durfte aussteigen. „Aber als ich auf der Straße stand, dachte ich plötzlich: „Jetzt fährt der links, links, links und ist gleich wieder da.“ Er versteckte sich im Gebüsch - und blieb dort, während er den Opel Senator tatsächlich noch einmal vorbeifahren sah. Langsam. Suchend. „Ich hatte einfach nur Angst.“
Er blieb lange im Gebüsch sitzen. Als der 13-Jährige schließlich heil zu Hause ankam, erzählte er das Ganze seiner Mutter. „Das hast Du davon. Du sollst doch nicht trampen“, sagte die. Mehr nicht. Doch ihn beschäftigte das Erlebte so, dass er es am Montag in der ersten großen Pause dem Schulleiter erzählte.
„Hör auf, solchen Blödsinn zu erzählen, der dann mit unserer Schule in Verbindung gebracht wird“, habe der gesagt. Ein Englischlehrer, der das Gespräch mitbekommen hatte, setzte sich für ihn ein und wollte die Polizei einschalten - vergeblich. „Dabei ist es geblieben“, sagt er. Bis zu der Veranstaltung in Stade und dem Telefonat mit Reinhard Chedor.
Das Wichmann-Foto traf ihn wie eine Faust
„Als du mir das Foto geschickt hast, war das, als ob eine Faust aus dem Handy kommt“, sagt der Tramper von damals zu Reinhard Chedor, mit dem er inzwischen sehr vertraut spricht. Die Sonnenbrille sei genau so, wie er sie beschreiben wollte: „Groß, aber nicht cool. Er war eher ein biederer Typ.“
Wichmann war sehr mobil und besonders viel im Elbe-Weser-Dreieck unterwegs. Als Friedhofsgärtner hatte er ein Gewerbe angemeldet, nutzte aber mehrere Geldquellen: Teil-Grundstücksverkäufe des recht großen Anwesens, das er von seinen Eltern geerbt hatte, kriminelle Geschäfte im Bereich Autoklau und ältere Frauen, die er über Kontaktanzeigen kennenlernte.
Reinhard Chedor hat mit einer Frau gesprochen, die sich sicher ist, dass ihre Schwiegermutter in Cuxhaven in den 80er Jahren ein Verhältnis mit Kurt-Werner Wichmann hatte. Seine Vorlieben beschränkten sich aber nicht auf Frauen.

In Erotik-Kontaktmagazinen und Zeitungen sucht Wichmann immer wieder nach älteren Frauen, aber auch nach bisexuellen Kontakten zu Paaren. Foto: privat
In einschlägigen Magazinen inserierte er auch auf der Suche nach Paaren für bisexuelle Kontakte. Chedor berichtet zudem von einer Frau, die einem Mann, der vermutlich Wichmann war, knapp entkam. Der hatte sie im Wald verfolgt und aufgrund ihrer noch kindlichen Figur eindeutig für einen Jungen gehalten.
„Sein Alltag war von solchen Gedanken beherrscht“, sagt Reinhard Chedor. Allein im Raum Cuxhaven hat er bereits mit 25 Frauen gesprochen, die ihm von unheimlichen Begegnungen mit einem Mann erzählten, auf den Wichmanns Profil passte. Die Polizei in Lüneburg unterhält eine Cold-Case-Einheit mit der Funktion einer Clearing-Stelle. „Dort liegt auch seine DNA vor. Wer Spuren hat, kann sich melden“, erklärt Reinhard Chedor.
Ihm und dem Ermittlerteam reicht das aber nicht. Sie suchen weiter nach Spuren und Hinweisen auf eine beispiellose Mordserie - auch durch Veranstaltungen wie „True Crime in Stade“. Danach lief noch eine Meldung aus dem Raum Stade ein, die aufhorchen lässt: Was ein frisch verheiratetes Ehepaar bei einem Picknickausflug im Wald erlebte, lesen Sie demnächst an dieser Stelle. Weitere Hinweise aus der Bevölkerung nimmt das Ermittlerteam entgegen unter mordserie.de/hinweise
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Dieses Foto zeigt Wichmann mit Brille. Hier ist er aber noch jünger, er benutzte das Bild für seinen Führerschein. Foto: privat/Eggeling

Reinhard Chedor in der Seminarturnhalle. Foto: Richter

Klaus Püschel in der Seminarturnhalle. Foto: Richter