TEr schreibt, wenn alle schlafen: Horst Wartner würdigt Kommunalpolitiker
Horst Wartner verbringt derzeit viel Zeit in seinem Büro - um anderen eine Freude zu machen. Foto: Wertgen
Selbst robuste Männer rühren seine Reden. Horst Wartner aus Kranenburg ehrt langjährige Ratsmitglieder. Was ihn antreibt, hat mit einem Schiff zu tun, das seine Familie nie betrat.
Kranenburg. In seinem Büro in Kranenburg hängen rund um Horst Wartner die gerahmten Ehrungen eines langen, engagierten Lebens. Darunter sind das Bundesverdienstkreuz am Bande und die Große Verbandsurkunde des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebunds (NSGB).
Auf dem Bildschirm vor ihm entstehen Sätze über andere. Über Menschen, die jahrelange Ratsarbeit hinter sich haben. Über ihren Einsatz für den Kindergarten, die Schule, die Feuerwehr. Als Ehrenvorsitzender des NSGB-Kreisverbands Stade ehrt Wartner langjährige Ratsmitglieder.
Am Donnerstag ist die Samtgemeinde Oldendorf-Himmelpforten an der Reihe, gefeiert wird in der Villa von Issendorf. 31 Politikerinnen und Politiker haben sich die Ehre verdient. In der vergangenen Nacht hat der 85-Jährige bis 2 Uhr an seinem Schreibtisch gesessen und geschrieben. „Abends werde ich am wenigsten gestört und dann kann ich hier schön arbeiten“, sagt er.
Ein Herbst, der ganz den Ehrungen gehört
Geehrt wird am Ende jeder Wahlperiode, gesammelt für jede Samtgemeinde und die beiden Gemeinden des Landkreises Stade. Wartner hält diese Reden seit mehr als 25 Jahren, zunächst als Kreisvorsitzender. In diesem Herbst sind es im Kreis 140 Ehrungen. Rund 100 davon gehen auf Wartners Konto, weil er fünf der neun Gemeinden und Samtgemeinden übernimmt. An einem Abend ehrte er um 18 Uhr in Harsefeld und um 20 Uhr in Fredenbeck.
In diesen Wochen dreht sich bei Wartner vieles um die Ehrungen. Für Harsefeld brauchte er eine Woche, für Oldendorf-Himmelpforten fast zwei. „Meinen Garten habe ich etwas vernachlässigen müssen“, sagt er und lacht.
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Die übrigen Termine teilen sich andere. Die stellvertretende Kreisvorsitzende Sonja Zinke ehrt in Jork, Mike Eckhoff in Nordkehdingen. Für die Reden des Kreisvorsitzenden Michael Ospalski, der an Krebs erkrankt ist, springt Kreisgeschäftsführer Matthias Riel ein.
Warum am Ende jede Jahreszahl stimmen muss
Die Arbeit beginnt im Frühjahr: Sabine Gooßen von der Kreisgeschäftsstelle fragt in den Rathäusern ab, wer geehrt werden soll. Die Daten leitet sie an Wartner weiter. Daraus schreibt er am Rechner, was er über jeden Einzelnen sagen will. Technisch habe er zwei linke Hände, sagt er, aber eine wesentliche Fähigkeit beherrsche er: „Ich kann richtig Schreibmaschine und Steno.“
Jede Rede beginnt mit einem allgemeinen Teil, der die Arbeit aller würdigt. Danach kommt jeder Geehrte einzeln an die Reihe, mit seinem Amt und seinem Einsatz im Ort. „Wenn du 30 Leute hast, dann kannst du aber nicht fünf Minuten für jeden reden.“
Die Namen ordnet Wartner alphabetisch, damit niemand glaubt, er ziehe jemanden vor. Auch Jahreszahlen und Ämter prüft er sorgfältig, denn die Geehrten hören genau hin. Sonst komme hinterher jemand und sage, er sei ein Jahr länger im Rat gewesen, erzählt Wartner. „Du darfst nichts Falsches sagen.“
Kein Umschlag geht ungeprüft raus
Im Wohnzimmer ist der große Tisch mit Umschlägen übersät. In ihnen stecken die Urkunden. Ehrennadeln und Medaillen liegen obenauf. Wartner ordnet alles in der Reihenfolge seiner Rede und prüft jeden Umschlag selbst. Einen Fehler hat er so schon entdeckt und lässt ihn korrigieren. „Ich blamiere mich ungern“, sagt er.
Am Abend der Ehrung steht Wartner etwa eine Stunde am Pult und hält sich strikt an sein Manuskript. „Wenn ich da anfangen würde, frei zu reden, dann würde ich schwafeln.“

In der Samtgemeinde Oldendorf-Himmelpforten wird auch die goldene Ehrenmedaille für mindestens 30 Jahre als Bürgermeister oder Ratsmitglied verliehen. Wartner selbst hat nach mehr als 40 Jahren sogar die Große Verbandsurkunde als höchste Auszeichnung. Foto: Wertgen
Was die Ehrung bei den Ratsleuten auslöst
Bei den NSGB-Ehrungen zählt nur die Arbeit in den Räten vor Ort, also in Ortsräten, Gemeinde- und Samtgemeinderäten, nicht im Kreistag oder Landtag. „Es ist eine Anerkennung für die Ratsmitglieder, die jahraus, jahrein ihre Freizeit zur Verfügung stellen“, sagt Wartner. Viele bedanken sich hinterher bei ihm. Gerade Männer, die nach außen robust wirken wollen, überraschen ihn. „Die sind dann gerührt, die sind richtig beeindruckt.“ Über solche Momente sagt er: „Wenn ich Ihnen eine Freude machen kann, ist das für mich ein Geschenk.“
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Seine erste Rede schrieb er 1970. Damals suchte sein Chef bei der AOK einen Mitarbeiter für seine Reden, und Wartner sagte zu. Später leitete er die AOK Stade, dann die AOK Elbe-Weser. Daneben war er unter anderem Bürgermeister von Kranenburg, wo er heute Ehrenbürgermeister ist, und Samtgemeindebürgermeister in Oldendorf. Er war Deichgraf an Oste und Elbe und saß im Aufsichtsrat der Elbe-Kliniken. Als Schiedsrichter pfiff er 1002 Spiele. Beim Aufschreiben seiner Ämter habe er sich gefragt: „Wie hast du es eigentlich immer geschafft?“
Sein Glück will er zurückgeben
„Ich bin ein Mensch, der gerne hilft“, sagt Wartner. Er habe im Leben viel Glück gehabt, das erste Mal im Krieg. Im Januar 1945 sollte seine Familie aus Danzig mit der Wilhelm Gustloff fliehen. Der Vater habe der Mutter gesagt: „Nimm deine beiden Jungs und deinen Vater und geh zum Hafen.“
Die Mutter blieb, um noch Sachen zu packen. Das Schiff sei mit rund 10.000 Menschen an Bord torpediert worden, erzählt Wartner. „Da wären wir ertrunken.“ Von diesem Glück will er etwas zurückgeben. Deshalb sitzt er auch mit 85 Jahren nachts am Schreibtisch, wenn Kranenburg längst schläft - und schreibt Sätze, die anderen eine Freude machen.
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