Zähl Pixel
Göhrde-Morde

TErmittler-Team auf der Spur eines Serienkillers im Landkreis Stade

Kurt-Werner Wichmann war blond, smart und wohl auch ein Serienmörder. Eine hochkrätig besetztes privates Ermittlungsteam vermutet: Er war auch im Kreis Stade aktiv.

Kurt-Werner Wichmann war blond, smart und wohl auch ein Serienmörder. Eine hochkrätig besetztes privates Ermittlungsteam vermutet: Er war auch im Kreis Stade aktiv. Foto: privat/Eggeling

Kurt-Werner Wichmann, der sogenannte Göhrde-Mörder, ist längst tot. Doch ein Team engagierter Ermittler lässt der mutmaßliche Serienkiller nicht los. Sie vermuten, dass er auch im Kreis Stade aktiv war.

author
Von Anping Richter
Samstag, 24.01.2026, 00:01 Uhr

Landkreis. Reinhard Chedor war elf Jahre lang Leiter des Hamburger Landeskriminalamtes. Nach 43 Jahren als Polizist ging er 2012 in Pension. Doch eine Frage lässt ihm, der sich als Ermittler mit großem kriminalistischen Gespür einen Namen gemacht hat, keine Ruhe: War der Lüneburger Kurt-Werner Wichmann, gestorben 1993, ein Serienmörder?

Verantwortlich für fünf Morde im Raum Lüneburg

Wichmann wird bisher verantwortlich gemacht für die zwei als „Göhrde-Morde“ bekannt gewordenen Doppelmorde in den Wäldern bei Lüneburg 1989. Damals waren zwei Paare im Staatsforst Göhrde tot aufgefunden worden.

Auch für den Mord an Birgit Meier im gleichen Jahr soll Wichmann verantwortlich sein. Doch nicht nur Ermittler Chedor glaubt, dass der Verbrecher noch viele andere Menschen auf dem Gewissen haben könnte - womöglich auch im Raum Stade.

Die 40-jährige Birgit Meier verschwand 1989 im Landkreis Lüneburg. Die Polizei verdächtigte ihren Ehemann als Täter, doch 1993 geriet Wichmann in Verdacht. Die Polizei entdeckte in seinem Haus keine Leiche - aber ein geheimes Zimmer voller Trophäen, Karten mit markierten Tatorten und Hinweisen auf eine Mordserie.

Bruder der Ermordeten lässt nicht locker

Wichmann war vor der Durchsuchung geflohen. Kurz darauf geriet er in einen Verkehrsunfall und wurde verhaftet, weil in seinem Auto Waffen gefunden wurden. Zehn Tage später erhängte er sich in der U-Haft. Die Ermittlungen der Polizei blieben erfolglos und wurden irgendwann eingestellt.

Birgit Meiers Bruder Wolfgang Sielaff, ebenfalls ein ehemaliger Hamburger LKA-Chef, ließ trotzdem nicht locker. Er bat frühere Kollegen um Unterstützung, darunter Reinhard Chedor und Deutschlands wohl bekanntesten Rechtsmediziner Prof. Dr. Klaus Püschel, viele Jahre Leiter der Rechtsmedizin am UKE. Sie bildeten ein privates Ermittlungsteam. 2017, fast 28 Jahre nach dem Verbrechen, entdeckten sie die Knochen von Birgit Meier – einbetoniert unter der ehemaligen Garage von Wichmann.

Viele Hinweisgeberinnen melden sich

„Für uns war irgendwann nicht mehr die Frage, ob, sondern nur noch, wie viele Frauen er umgebracht hat“, sagt Reinhard Chedor. Die Mordserie könnte schon Ende der 60er Jahre begonnen haben.

1966 überfiel und belästigte Wichmann eine Radfahrerin. Sie schaffte es, ihn mit Steinwürfen zu vertreiben. 1968/1969 verbrachte er ein Jahr in der Jugendhaftanstalt, weil er einen Polizisten mit einem Gewehr bedroht hatte. Für die Vergewaltigung einer 17-jährigen Anhalterin saß er von Juli 1971 bis März 1975 im Gefängnis - allerdings mit Freigängen.

Das Ermittlungsteam erstellte auf Basis der Informationen über Wichmanns Leben akribisch einen Zeitstrahl, um abzuprüfen, für welche Taten an welchen Orten er infrage kommen könnte, zumal Wichmann zeitweise beruflich in ganz Deutschland unterwegs war. Mittlerweile melden sich nach Presseberichten regelmäßig Frauen, die sich sicher sind, Wichmann getroffen zu haben.

Professor Dr. Klaus Püschel, Rechtsmediziner und Mitglied der Ermittlungsgruppe.

Professor Dr. Klaus Püschel, Rechtsmediziner und Mitglied der Ermittlungsgruppe. Foto: privat

„Bei jedem Toten gibt es mindestens 100 Angehörige, denen es dreckig geht“, sagt Klaus Püschel. Das erst recht, wenn ein Schicksal nie aufgeklärt wurde. In vielen Fällen habe die Polizei die Angehörigen mit diesen Cold Cases allein gelassen - auch im Zusammenhang mit dem „Menschenjäger“, wie Püschel Kurt-Werner Wichmann konsequent nennt.

Dieses Foto zeigt Wichmann mit Brille. Hier ist er aber noch jünger, er benutzte das Bild für seinen Führerschein.

Dieses Foto zeigt Wichmann mit Brille. Hier ist er aber noch jünger, er benutzte das Bild für seinen Führerschein. Foto: privat/Eggeling

Er geht davon aus, dass dieser an die 100 Tötungsverbrechen und eine mindestens ebenso hohe Zahl von schwersten sexuellen Übergriffen begangen hat. Übrigens nicht unbedingt an jungen Frauen, sondern auch an älteren und an Männern, sagt Püschel: „Er war ein sadistischer Serienkiller. Ihm ging es vor allem darum, sich an der Angst seiner Opfer zu ergötzen.“

Zum Ermittlungsteam gehört heute ein Dutzend Unterstützer, darunter auch Dr. Andreas Schäfer, Archäologe und Geschäftsführer der Stade Marketing und Tourismus. Er kam dazu, weil eine ehemalige Mitarbeiterin der Polizei ihn im Zusammenhang mit Wichmann auf einen lange zurückliegenden Fall aus Stade ansprach: die Tote von der Milchbar.

Stader Archäologen helfen dem Ermittlerteam

Schäfer holte einen im Kreis Stade bekannten Kollegen dazu, den Archäologen Dietrich Alsdorf. „Wir Archäologen wühlen ja alles raus, ob mit dem Metallsuchgerät oder in Archiven“, sagt Alsdorf.

Reinhard Chedor und Andreas Schäfer im Gespräch.

Reinhard Chedor und Andreas Schäfer im Gespräch. Foto: Richter

TAGEBLATT-Berichte über den Fall waren schnell besorgt. Demnach fand das Personal eines damals angesagten Stader Lokals, der Milchbar, auf Höhe der Luthereiche am Morgen des 10. August 1978 die Leiche der 19-jährigen Schwesternschülerin Dorothé B. im Burggraben. Sie war einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen.

Fälle mit möglicher Verbindung zu Wichmann

Die Polizei nahm den Fall nach dem Hinweis erneut auf, konnte den Wichmann-Verdacht anhand von DNA-Spuren an Asservaten jedoch nicht bestätigen. Chedor und sein Ermittlungsteam halten es aber für möglich, dass mehrere unaufgeklärte Fälle aus dem Landkreis Stade auf Wichmann zurückgehen:

  • Am 30. Januar 1983 wird die 74-jährige Mariechen Poppe erwürgt in ihrem Bett in ihrer Wohnung in Himmelpforten aufgefunden.
  • Am 5. August 1984 wird die verweste Leiche der 62-jährigen Meta von Ahn erdrosselt in ihrem kleinen Haus in Himmelpforten entdeckt.
  • Am 10. September 1984 wird in Engelschoff eine 79-Jährige vergewaltigt und ausgeraubt, sie überlebt. „Ihre Beschreibung des Täters passt auf Wichmann“, sagt Reinhard Chedor.

An einen weiteren Fall, der infrage käme, kann sich Dietrich Alsdorf gut erinnern: Als Jugendlicher in Harsefeld kannte er das 15-jährige Mädchen aus Revenahe persönlich, das am 13. Juli 1975 auf dem Weg ins Harsefelder Schwimmbad vom Fahrrad gezerrt, vergewaltigt und getötet wurde.

Vor allem im Raum Cuxhaven haben sich nach Presseberichten mehrere Frauen gemeldet, die sicher sind, Wichmann getroffen zu haben. Viele der Begegnungen standen im Zusammenhang mit Diskotheken im Elbe-Weser-Dreieck, darunter das Ta-Töff in Bremervörde. Wichmann wird als guter Tänzer beschrieben - ein Video von ihm beim Tanzen in der Disco findet sich auf der Internetseite des Ermittlerteams unter www.mordserie.de

Wichmann war in Stade im Jugendheim

Wichmann muss den Landkreis Stade gut gekannt haben, sagt Reinhard Chedor. Der mutmaßliche Serienkiller hatte ein problembeladenes Elternhaus und verbrachte als Jugendlicher Jahre in Heimen - 1963 auch im Stader Jugendheim auf der Insel.

Später arbeitete er unter anderem als Lieferfahrer für einen Essig- und Ölhersteller in der Region zwischen Lüneburg und Cuxhaven und wurde schließlich in Lüneburg Friedhofsgärtner. Zeitgenossen beschreiben ihn als gutaussehend, gepflegt, charmant, sprechen aber auch von kalten Augen und Kontrollzwängen.

True Crime in Stade: Abend in der Seminarturnhalle

In der Hoffnung, durch Öffentlichkeitsarbeit Licht in die ungeklärten Fälle zu bringen, wollen Reinhard Chedor und Klaus Püschel am Freitag, 30. Januar, ab 19.30 Uhr in der Stader Seminarturnhalle unter dem Titel „True Crime in Stade“ neue und bisher unbekannte Einblicke in das Leben von Kurt-Werner Wichmann geben.

Tickets gibt es im Vorverkauf bei der Touristinformation Stade für 15 Euro, ermäßigt für 10 Euro. Restkarten sind je nach Verfügbarkeit an der Abendkasse für 18 Euro, ermäßigt für 13 Euro, zu erhalten. Karten sind auch online über stade-tourismus.de erhältlich.

Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel