T„Absurd“: Rettung von Frau und Kind aus Fahrstuhl dauert knapp zwei Stunden
Eine Person drückt einen Knopf in einem Aufzug. Foto: dpa
Nach einem Stadtbummel steckte eine Frau mit ihrem Patenkind im Fahrstuhl in den Havenwelten fest. Bis zur Rettung dauerte es zwei Stunden. Wie konnte es dazu kommen?
Bremerhaven. Kürzlich war ich mit meinem siebenjährigen Patenjungen in der Stadt unterwegs: Deichspaziergang, Eis essen, zufriedenes Kind. Anschließend wollten wir nach Hause; das Auto stand in der Tiefgarage. Also stiegen wir in einen der beiden Fahrstühle an der Glasbrücke in der Havenplaza. Doch wir kamen nicht weit, denn nach zwei Sekunden sollte unsere Fahrt ein jähes Ende finden.
Das abrupte Ende eines entspannten Nachmittags
Um 14 Uhr bleibt der Fahrstuhl plötzlich stecken. Kein Ruckeln, kein Weiterfahren, nur die Erkenntnis: Es geht weder vor noch zurück. Wir drücken den Notfallknopf. Eine routinierte Stimme meldet sich: Man solle bitte ruhig bleiben, ein Mitarbeiter sei bereits unterwegs. Woher dieser kommt, wie lange es dauern wird – darauf gibt es keine Antwort.
Es ist wohl nicht das erste Mal, dass der Aufzug Probleme macht; einer der beiden ist ohnehin regelmäßig außer Betrieb. Doch wer ahnt Böses bei dem alltäglichen Einstieg in den Fahrstuhl? Alle 20 Minuten meldet sich die Notruf-Stimme erneut und fragt nach unserem Befinden. „Ja“, lautet die Antwort jedes Mal – so gut es eben geht, wenn man feststeckt. Doch die Situation kippt langsam. Das Kind beginnt zu weinen; es zu vertrösten, wird mit jeder Minute schwieriger.
Plötzlich muss auch noch die Polizei kommen
Immerhin: Der Fahrstuhl ist verglast, man hat also kein Gefühl völliger Enge. Stattdessen ein anderes, nicht weniger unangenehmes: das Exponiertsein. Passanten bleiben stehen, spähen mit neugierigen, mitleidigen Blicken zu uns hinein. Wir fühlen uns wie Tiere im Zoo.
Um 14.40 Uhr gibt es erstmals Hoffnung. Ein Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Claasen trifft ein und versichert uns, er hole uns „gleich raus“. Doch die Minuten vergehen weiter. Erst um 15.10 Uhr treffen zwei Männer der BREWAG Center-Streife ein.

Wenn der Fahrstuhl stecken bleibt, heißt es: ausharren. Foto: Günther
Doch statt der erhofften Befreiung folgt die nächste Hürde: Sie dürften den Aufzug „jetzt nicht öffnen“, da ihnen die Berechtigung fehle. Zehn Minuten später die nächste Wendung. Der zuständige Pförtner verweigere die Herausgabe des Schlüssels; die Polizei werde nun verständigt, heißt es. Die Situation wirkt zunehmend absurd.
Reißende Geduldsfäden und eine volle Blase
Währenddessen spitzt sich die Lage im Aufzug weiter zu. Um 15.30 Uhr ist die Geduld des Kindes am Ende. „Meine Geduld ist vorbei; ich kann nicht mehr. Ich fahre nie wieder Aufzug“, verkündet der Junge weinend; zudem müsse er ganz dringend zur Toilette. Die Überlegung, sich in eine Plastikflasche zu erleichtern, steht im Raum, wird vom Kind jedoch empört abgelehnt. Na ja, ist schließlich auch schwer mit der Privatsphäre in einem Glaskasten.
Erst um 15.40 Uhr – nach 100 Minuten im Stillstand – öffnet sich die Tür. Die Erleichterung ist groß. Der Aufzug wird unmittelbar außer Betrieb gesetzt. Doch damit endet die Geschichte nicht. Der Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Claasen berichtet im Anschluss, der Pförtner habe ihm die Schlüssel aufgrund seiner afghanischen Herkunft nicht ausgehändigt sowie ihn rassistisch beleidigt. Ein schwerer Vorwurf, der Fragen aufwirft – nicht nur zur Organisation vor Ort, sondern auch zum Umgang miteinander.
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Immerhin: Die Parkgebühren werden erlassen. Eine kleine Geste nach einer großen Belastung. Doch was wirklich hinter den Verzögerungen und den Vorwürfen steckt, bleibt zunächst unklar.
Auf Nachfrage gibt Nadine Laue, Kriminaloberrätin der Ortspolizeibehörde Bremerhaven, an: Es sei richtig, dass Beamte der Schutzpolizei im Einsatz gewesen seien, die durch ihre Gesprächsführung mit den vor Ort befindlichen Personen dazu beigetragen hätten, dass zwei Personen den Fahrstuhl verlassen konnten. Weitere Informationen zum Sachverhalt lägen der Polizei jedoch nicht vor. Die Sicherheitsfirma Claasen äußerte sich auf Nachfrage nicht zu dem abstrusen Vorfall.
Personen stecken „ein bis zweimal im Jahr“ fest
Heiner Behrens, Projektleiter der BEAN, die die Aufzuganlagen in den Havenwelten betreibt, teilte auf Nachfrage mit, trotz regelmäßiger Wartung lasse sich nicht ausschließen, dass es „gelegentlich“ zu Ausfällen komme. Leider hätten Jugendliche herausgefunden, dass sich die Sensorik der Aufzugskabinen durch Springen verwirren lasse und der Aufzug dann in den Störungsmodus gehe. Dass Personen befreit werden müssen, komme jedoch nur ein- bis zweimal pro Jahr vor.
An diesem Tag sei das Problem gewesen, dass die Beteiligten zwar entsprechend eingewiesen, in der Vorgehensweise jedoch unerfahren gewesen seien. Der Wachdienstmitarbeiter sei nicht sofort vor Ort gewesen, der Schlüssel zunächst nicht auffindbar.
Wie die Polizei ins Spiel kam, sei ihm nicht bekannt, möglicherweise seien die Beamten zufällig vorbeigekommen. Was auch immer der Grund war: so schnell werde ich, und vor allem mein Patenkind, dieses „Erlebnis“ sicher nicht vergessen. Künftig heißt es also: Augen auf bei der Fahrstuhlwahl.
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