TFamilienbande: Jörg und Bodo Freimuth reißen das AKW in Stade ab
Bodo (links) und Seniorchef Jörg Freimuth vor der schwer angeschlagenen Sicherheitskuppel des ehemaligen Kraftwerks. Sie hat einen Durchmesser von 52 Metern. Foto: Strüning
Der Anblick des ehemaligen Stader Kernkraftwerks hat sich massiv verändert. Verantwortlich dafür zeichnet eine Familie. Für Jörg und Bodo Freimuth ist der Abriss keine alltägliche Aufgabe.
Stade. Immer wieder schwingt die vier Tonnen schwere Stahlkugel auf 45 Meter Höhe gen Reaktorkuppel und donnert mit Getöse gegen Beton und Stahl. Zentimeter um Zentimeter bröselt die Außenhülle zu Boden. Das geht schon seit Wochen so - und wird wohl bis Mitte August anhalten. Für die beiden Experten gibt es keine Alternative zu dem Verfahren.
Hier war der Bagger schon aktiv. Es bleibt vorerst ein Gewirr aus Beton und Eisen, darunter die Stahlkuppel. Foto: Strüning
Ein erstes TAGEBLATT-Video zum Abriss per Stahlkugel ging im Internet bundesweit viral. Viele machten sich lustig über den vermeintlichen Kampf David gegen Goliath. Doch David ist auf der Siegerstraße, und die Freimuths sind von ihrem Konzept überzeugt. Die Führung von PreussenElektra als Auftraggeber auch.
100 Schläge pro Minute: Stahl und Beton zerbröseln
Gut die Hälfte der bis zu 80 Zentimeter dicken Betonhaut ist abgeklopft. Kugeln nennen das die Experten. Einer, der das meisterhaft beherrscht, ist Juniorchef Bodo Freimuth (33). Nahezu 100 Schläge in der Minute verpasst er dem trotzigen Geflecht aus Stahl und Beton. Die Schläge müssen punktgenau sitzen, die Kugel muss an den langen Seilen per Joystick immer wieder genau taxiert werden.

Der Blick aus der Kabine des Abrissbaggers. Foto: Strüning
Der Blick mit zurückgelegtem Nacken aus dem Bagger in die Höhe ist kraftraubend. Wenn Wolken schnell ziehen, dreht es sich im Kopf. „Guck da mal hoch aus der Kabine, da gehst du schwindelig wieder raus. Wenn du noch kannst“, sagt Bodo Freimuth. Er und sein Kollege, die beide den großen Bagger bedienen, haben es drauf. Aber auch sie wissen abends, was sie getan haben.
Wenn die Sonne blendet, müssen die Augen zugekniffen werden. Und trotzdem sollte die Kugel immer wieder ihr Ziel treffen, Beton und Stahl zerkleinern. Wenn der Bagger sich einmal rundherum gearbeitet hat, wird die Kugel einfach von oben auf den stehengebliebenen Mönchskranz fallen gelassen, beschreibt es Marco Albers als Standortleiter Stade bei PreussenElektra. Und mit einem Lachen: „Wie bei Bud Spencer gibt es einen von oben drauf.“
„Warum habt ihr das auch so stabil gebaut?“
Seniorchef Jörg Freimuth, der das Unternehmen in zweiter Generation führt, beschwert sich im launigen Gespräch zum konventionellen Abriss im Zuge des AKW-Rückbaus über die schwere Qualität: „Warum habt ihr das auch so stabil gebaut?“ Marco Albers zuckt dann mit den Schultern.

Beton staubt auf, nachdem die Kugel am langen Arm des Seilbaggers eingeschlagen hat. Foto: Strüning
Freimuth hat bereits reagiert, seinem Unternehmen einen neuen Seilbagger spendiert. Für 1,6 Millionen Euro - netto, versteht sich. Der steht seit einer Woche auf dem Kraftwerksgelände an der Elbe in Bassenfleth, 180 Tonnen schwer und mit einem 80 Meter langen Mast, an dem die Kugel hängt. „Das ist ein Höllengerät“, sagt Jörg Freimuth.
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Bei aller Robustheit müssen die Baggerfahrer mit feinem Händchen den Joystick bewegen. Ein Fuß steht immer auf der Bremse, damit die Stahlkugel nicht im freien Fall gen Erde schießt. Bei Wind schaukelt der lange Arm und das ganze Geschütz. Jeder Einschlag in der Kuppel ist als Impuls auch in der Kabine spürbar.
Nach dem Beton ist der Stahl an der Reihe
Die Betonhülle war die eine Sicherheitsstufe, das darunter liegende Stahlei ist die nächste. Diese rotbraune Schicht tritt immer mehr zutage, je mehr Beton weggeschlagen wird. Der neue Anblick fasziniert Gäste wie Einheimische. Immer wieder bleiben Zaungäste stehen und machen Fotos. Dabei ist der Abriss per Kugeln eine mühsame Angelegenheit. Sie sei aber alternativlos.
„Die Männer beherrschen ihr Geschäft“, sagt Marco Albers über das Abrissunternehmen aus Bülkau (Landkreis Cuxhaven). Beide Vertragspartner sind sich einig: Sprengen hätte nichts gebracht. „Da hätte das Material nur kurz gehustet“, sagen sie, passiert wäre aber nichts. Sprengung ist schon eher ein Thema beim 85 Meter hohen Schornstein auf dem AKW-Gelände. Der Kamin soll noch im Juli fallen. Und so ganz nebenbei macht Bagger-Bodo aus Bülkau auch noch das Hilfsanlagengebäude platt.
Hier waren einst Kühlmittelaufbereitung, Lüftungstechnik und Nachkühlsysteme untergebracht, damals zwingend erforderlich für den Reaktorbetrieb. Das unscheinbare Gebäude hatte folgende Ausmaße: 70 Meter lang, 18 Meter breit und 30 Meter hoch. Also auch ein Schwergewicht. Wenn die Betonhülle der weithin sichtbaren Kuppel weggekugelt ist, wohl im August, geht es dem Stahl an den Kragen. Auch dann sind wieder Männer und Frauen ohne Nerven gefragt.
Schrott: Der Stahl wird in kleine Stücke gebrannt
Fachkräfte stehen in Personenkörben, die wiederum am 80 Meter langen Kranarm hängen. In 45 Meter Höhe brennen sie die Hülle - bewaffnet mit Gas und Sauerstoff - in kompakte Einzelteile. Die sind recyclinggerecht 150 mal 50 Zentimeter groß, werden einfach in die alte Reaktormitte fallen gelassen und sind zur Abfuhr bereit.
Das Unternehmen, das vor 60 Jahren Bodo Freimuth gegründet hat, zählt 500 Mitarbeiter. 500 Baufahrzeuge stehen zur Verfügung und 100 Lkw. Gründer Bodo Freimuth fing damit an, Milch zur Molkerei zu bringen, doch das ist lange her. Der erste Bagger wurde noch mit dem Trecker zum Einsatzort gezogen, wenn Gräben ausgehoben werden mussten.
Seilbagger reißt Stader AKW ab
Heute haben sein Sohn Jörg und Enkel Bodo schon einige Baustellen hinter sich, ob die Hafengebäude in Cuxhaven, ein Kohlekraftwerk nahe Hannover oder das Opelwerk in Bochum. Aber das alte Kernkraftwerk ist und bleibt etwas Besonderes in der Firmengeschichte.
Jörg Freimuth: „Deswegen flippen wir jetzt nicht aus.“
Es ist ohnehin das erste seiner Art, das zumindest in Europa zurückgebaut wird. Und Familie Freimuth ist dabei. „Das ist grandios für uns als Unternehmen, aber wir flippen deshalb nicht aus“, sagt Jörg Freimuth. Sohn Bodo, eher der Praktiker, will sich auf den Lorbeeren nicht ausruhen. Er hofft auf Nachfolgeaufträge nicht nur von PreussenElektra. Wichtig für ihn: die nächste Baustelle.
Vielleicht rollt auch wieder der hausinterne Bierwagen aufs Gelände in Bassenfleth, wenn Familie Freimuth ganze Arbeit geleistet hat. Der rollende Tresen kommt immer dann ins Spiel, wenn es etwas zu feiern gibt. Seit 2023 ist Freimuth aktiv an diesem Standort. Noch läuft alles nach Plan. Im Herbst 2027 soll das Gelände für eine Nachnutzung freigegeben werden. Was es konkret wird, sagt PreussenElektra noch nicht. Irgendetwas mit Energie wird es schon sein, aber bestimmt kein neues Kraftwerk.
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Die Baustelle: rechts der neue 1,6-Millionen-Bagger, links ein Gerät das ein Nebengebäude mit Betonschere zerkleinert. Foto: Strüning