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Nachbarkreise

TFischtrawler „Iris“ auf Fangreise – So leben die Fischer fernab der Heimat

Die Brücke der „Iris“: Sonnenaufgang auf See, und im Fernsehen gibt es Politik von zuhause.

Die Brücke der „Iris“: Sonnenaufgang auf See, und im Fernsehen gibt es Politik von zuhause. Foto: Phillipp Steiner

Die Besatzung ist viele Tage weit weg von daheim. Das ist nicht jedermanns Sache. Doch Marc Hilger, Manuel Moreira und Vincent Junior sind trotzdem Hochseefischer geworden - bereut haben sie es nie.

Von Phillipp Steiner Samstag, 28.02.2026, 15:00 Uhr

Cuxhaven. Die „Iris“ ist ein Trawler der Firma Kutterfisch aus Cuxhaven. Ende November 2025 ist sie auf Fangfahrt in der Nordsee. Die sechstägige Reise führt vor die Südwestküste Norwegens und beginnt und endet im Hafen von Hanstholm in Dänemark. Die Crew besteht aus sechs Männern: Kapitän, Steuermann, drei Decksleute und ein Auszubildender. Der 34 Jahre alte Marc Hilger aus Lübeck ist der Kapitän, Manuel Moreira (50) aus Cuxhaven gehört zu den Decksleuten und der 24-jährige Vincent Junior aus Cadenberge ist Fischerei-Azubi.

Marc Hilger ist Kapitän der „Iris“. Der 34 Jahre alte Lübecker hat mit 15 die Ausbildung zum Fischer begonnen und sich dann hochgearbeitet.

Marc Hilger ist Kapitän der „Iris“. Der 34 Jahre alte Lübecker hat mit 15 die Ausbildung zum Fischer begonnen und sich dann hochgearbeitet. Foto: Phillipp Steiner

Kapitän Hilger stammt von der Insel Fehmarn. Mit 15 Jahren hat er die Ausbildung zum Fischer angefangen, später fischte er im Betrieb seines Vaters auf der Ostsee. 2019 kam er, inzwischen mit dem Kapitänspatent für die Kleine Hochseefischerei (BK) ausgestattet, zu Kutterfisch. Dort ist er seit Anfang 2025 Kapitän der „Iris“, erzählt Hilger während der Fangfahrt auf der Brücke. Er wohnt in Lübeck, wo die Frau mit dem Sohn auf ihn wartet, der noch kein Jahr alt ist. Normalerweise ist er zwei Wochen auf dem Schiff – mit einer Anlandung von Fisch zwischendurch in Hanstholm – und kommt dann nach Hause. „Wir haben uns gut dran gewöhnt.“

Besatzung des Fischtrawlers kommuniziert per Handy mit der Heimat

Den Kontakt hält er über Handy und Internet. „Das ist nicht mehr so wie früher, dass sich da im Hafen 20 Leute eine Telefonzelle teilen müssen.“ Diese Zeiten hat er zwar selbst nicht mehr miterlebt, aber als junger Mann musste er noch per SMS mit der Heimat kommunizieren. Das wurde aus dem Ausland manchmal ganz schön teuer, erinnert sich Hilger, während er in Sandalen und Pulli auf der Brücke sitzt. Vor sich hat er Monitore mit Seekarte, Radar, Echolot und Kamerabildern von Bord. Und die Nordsee mit der aufgehenden Sonne. Auch ein Fernseher mit einer Debatte im Bundestag läuft leise.

Das Gespräch findet am Vormittag statt, wobei Hilger schon seit drei Uhr morgens auf der Brücke sitzt. Auf fünf, sechs Stunden Schlaf komme er nachts, manchmal könne er nachmittags ein bisschen nachholen. Viel Zeit für anderes bleibe nicht. „Entweder fahren oder schlafen. Aber beim Fahren ist es ja auch nicht so, dass wir die ganze Zeit das Steuerrad in der Hand haben und nach Back- oder Steuerbord lenken müssen.“

Verschnaufpause an Deck. Die Fischer auf der „Iris“ arbeiten zu unregelmäßigen Zeiten, häufig auch abends und nachts.

Verschnaufpause an Deck. Die Fischer auf der „Iris“ arbeiten zu unregelmäßigen Zeiten, häufig auch abends und nachts. Foto: Phillipp Steiner

Die „Iris“ besitzt einen Autopiloten. Man müsse natürlich alles beobachten, gerade wenn das Netz draußen ist, könne sich aber auch mal unterhalten. Und dann ist da noch das Meer. „Stille Wetter und schöne Sonnenaufgänge sind immer sehr herrlich hier“, weiß der Fischer.

Ein anderer schöner Teil des Lebens an Bord sind Gerichte aus eigenem Fang, die auf dieser Reise Decksmann und Hobbykoch José Cacheira zubereitet. Einmal gibt es Tintenfisch in Tomatensoße, ein anderes Mal Steinbutt mit Kartoffeln und zerlassener Butter. „Frischer kommst Du nicht an ‚nen Fisch. Ist grade einen Tag aus dem Wasser, oder zwölf Stunden, und gleich auf dem Teller“, schwärmt der Kapitän.

Moreira har sein Handwerk als Fischer in Portugal gelernt

Ungefähr als der Kapitän der „Iris“ geboren wurde, hat der heute 50-jährige Decksmann Manuel Moreira angefangen zu fischen, und zwar in seiner Heimat Portugal, erzählt Moreira während einer Pause in der Messe (Kantine) des Schiffes. Als junger Mann ging er erst auf die Fischereischule und arbeitete dann auf dem Schiff seines Onkels: Ein Ringwadenfänger war das, Sardinen und Makrelen hätten sie nahe der Atlantikküste gefangen. Anfangs wurde er dabei so seekrank, dass er einmal sogar im Krankenhaus landete, verrät der große und kräftige Mann: „Hab‘ ich viel, viel gekotzt.“ Aber er machte weiter, hatte er doch gesehen, dass ein Kumpel beim Fischen gutes Geld verdiente.

Decksmann Manuel Moreira flickt das Netz. Der 50-Jährige hat das Fischen in seinem Heimatland Portugal gelernt, bevor er nach Deutschland kam.

Decksmann Manuel Moreira flickt das Netz. Der 50-Jährige hat das Fischen in seinem Heimatland Portugal gelernt, bevor er nach Deutschland kam. Foto: Phillipp Steiner

Später kam er nach Deutschland, dann ging er zurück in die Heimat, um sich dann endgültig in Deutschland niederzulassen: Er lebte rund 15 Jahre in Bremerhaven, heute ist Cuxhaven sein Zuhause. Dort wohnt er mit seiner Frau und zwei Kindern.

Moreira erzählt das in der Messe, einem einfachen hellen Raum. An den Wänden hängen Fotos eines Strandes, eines Wattwagens und, für Moreira gleichsam ein Gruß von daheim, der Kugelbake. Die Messe ist der zentrale Raum, wo man isst, trinkt und sich trifft. Normalerweise hat auf der „Iris“ auch jeder der sechs Männer eine Doppelkammer mit Bad für sich, außer wenn wie diesmal ein Gast an Bord ist.

Das Meer und die frische Luft gefallen dem Familienvater

Seit rund 20 Jahren arbeitet Moreira für Kutterfisch. Mit seiner Frau kommuniziere er vor allem über WhatsApp. Auch die inzwischen erwachsenen Kinder hätten sich an die Abwesenheiten gewöhnt: „,Zwei Wochen geht schnell rum, bist du wieder da‘“, zitiert er sie. Wenn die Fischerei gut laufe, „ist immer gute Laune“, sagt er über das Leben an Bord. Auch das Meer und die frische Luft seien gut – bejaht er auf Nachfrage.

Moreira setzt und hievt auf der Reise mit den anderen Fischern das Netz, er sortiert und schlachtet später unter Deck die Fische, und als einmal das Netz reißt, ist er es, der es in stundenlanger Mehrarbeit flickt – auch wie das geht, wisse er noch aus der Heimat vom Onkel: „Hat er mir auch immer nach und nach gezeigt.“

Die Messe auf der „Iris“. Wenn gearbeitet wird, muss das Essen warten.

Die Messe auf der „Iris“. Wenn gearbeitet wird, muss das Essen warten. Foto: Phillipp Steiner

Vincent Junior wiederum kann sich beim Netzflicken und vielem anderen einiges bei Manuel Moreira abgucken. Der 24-Jährige ist im zweiten Lehrjahr zum Fischer, normalerweise fährt er auf dem Schwesterschiff „Janne Kristin“. Auf die Fischerei kam Junior dank eines Videos im Internet, berichtet er, ebenfalls in der Messe. Der kurze Film, den er wohl auf Youtube gesehen habe, zeigte einen Zusammenschnitt von „Schiffen, die durch die Nordsee preschen, bei Sturm und so. Da dachte ich ‚cool, das will ich auch machen‘“. Als er dann seinen ersten Sturm erlebte, fand er es nicht mehr so toll. Da war er seekrank und kurz davor, sich zu übergeben. Oft sei der Wellengang aber nicht so wie im Video – zum Glück.

Arbeit gibt dem Lehrling ein gutes Gefühl

Inzwischen schätzt der junge Mann vor allem den Arbeitsrhythmus an Bord. „Dass gearbeitet wird, bis die Arbeit fertig ist, ist für mich sehr wichtig.“ Es sei ihm lieber als sinnlose „Beschäftigungsmaßnahmen“, um eine bestimmte Arbeitszeit zu füllen. Auf dem Schiff komme es darauf an, dass jeder mit anpackt. „Selbst ein Lehrling kann da ordentlich unterstützen.“

Tatsächlich sieht man Junior auf der Fangreise überall, wo gearbeitet wird – an Deck hilft er etwa Moreira beim Festmachen der Scherbretter, unter Deck schlachtet er Fische per Hand, und im Kühlraum schippt er Eis auf den Seelachs.

Vincent Junior (24) ist Fischerei-Azubi im zweiten Lehrjahr. Seine Berufsschule liegt im schleswig-holsteinischen Rendsburg, sein Ausbildungsbetrieb ist Kutterfisch aus Cuxhaven.

Vincent Junior (24) ist Fischerei-Azubi im zweiten Lehrjahr. Seine Berufsschule liegt im schleswig-holsteinischen Rendsburg, sein Ausbildungsbetrieb ist Kutterfisch aus Cuxhaven. Foto: Phillipp Steiner

Der Lehrling wohnt in Cadenberge im Landkreis Cuxhaven bei seiner Mutter. Seine Berufsschule liegt in Rendsburg in Schleswig-Holstein. Auch Junior kommuniziert mit der Heimat übers Internet. Die Beziehungen mit den Freunden seien anfangs etwas schwierig geworden durch die Abwesenheit, aber man müsse sich die Zeit einfach besser einteilen: „Die Freundschaften zerbrechen nicht zwangsläufig, wenn es gute Freundschaften sind.“

Ihre Zukunft sehen die Männer der „Iris“ auf dem Meer

Und wie sehen die drei Fischer ihre Zukunft? Kapitän Hilger sagt: „Es ist eine gute Zukunft.“ Denn dort, wo er fährt, gebe es Nachwuchs an Fischen, „hier ist immer Seelachs zu fangen“. Dass sein Sohn ebenfalls Fischer wird, wie schon sein Vater Fischer war, glaubt Hilger allerdings nicht. Trotzdem, das solle der selbst entscheiden. Später, denn der Sohn ist ja nicht mal ein Jahr alt. „Ich würde ihn das auf jeden Fall mal angucken lassen.“

Azubi Junior will, könnte er es sich aussuchen, weiter für sein aktuelles Unternehmen fahren. Und zwar auf dem Schwesterschiff, zu dem er eigentlich gehört, denn auf der „Iris“ ist er vertretungsweise: „‚Janne Kristin‘ bei Kutterfisch natürlich“, sagt er also über die Zukunft.

Decksmann Manuel Moreira sieht seine Zukunft ebenfalls auf dem Wasser. In acht Jahren würde er gerne frühzeitig in Rente gehen, zurück nach Portugal ziehen und sich dort ein kleines Boot kaufen. „Jo, wenn ich gesund bin, die Zeit, will ich auch fischen. Aber für mich.“ (bal)

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