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Schulbegleitungen

TFörderschuleltern: „Es wird wieder einmal bei den Schwächsten gespart“

Markus und Sandra Gerwinski haben ein Kind an der Förderschule in Ottenbeck - und sehen die Pläne, die individuellen Schulbegleitungen abzuschaffen, mit Sorge.

Markus und Sandra Gerwinski haben ein Kind an der Förderschule in Ottenbeck - und sehen die Pläne, die individuellen Schulbegleitungen abzuschaffen, mit Sorge. Foto: Richter

Manche Kinder brauchen für den Schulbesuch mehr Unterstützung, auch in der Förderschule. Bisher bekommen sie eine Schulbegleitung. Jetzt soll das System geändert werden. Eltern schlagen Alarm.

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Von Anping Richter
26.07.2026, 09:50 Uhr

Landkreis. „Lukas kann nicht sprechen. Deshalb können wir ihn nicht fragen: Wie war‘s in der Schule?“, sagt der Stader Markus Gerwinski. Sein zehnjähriger Sohn besucht die Förderschule in Ottenbeck mit einer Schulbegleitung. Sandra Gerwinski, Lukas‘ Mutter, erklärt: „Er braucht eine Person, die ihn kennt und zu lesen versteht, einen Übersetzer zwischen sich und der Welt.“

Bisher übernehme das die Schulbegleitung für Lukas. Doch wie den Eltern kürzlich mitgeteilt wurde, sollen die Zeiten der Eins-zu-Eins-Begleitung ab Herbst 2026 Geschichte sein. Künftig soll es an der Förderschule statt aktuell 48 Vollzeitstellen für Schulbegleitungen nur noch 35 geben - durch eine sogenannte „Pooling-Lösung“. Lukas Eltern empört das. „Uns ärgert, dass mal wieder bei den Schwächsten gespart wird“, sagt Sandra Gerwinski.

Die Schulpflicht gilt für alle Kinder

In Deutschland herrscht Schulpflicht. Kinder, die wie Lukas einen stark erhöhten sonderpädagogischen Förderbedarf haben, haben in Niedersachsen Anspruch auf eine Schulbegleitung, wenn sie sonst nicht erfolgreich am Unterricht teilnehmen können. Ob das nötig ist, wird im Einzelfall entschieden.

Für Lukas Lernentwicklung sei das sehr wichtig, sagen Sandra und Markus Gerwinski. Die Diagnose, die ihr Sohn im Alter von zwei Jahren bekam, lautete Frühkindlicher Autismus. In der Förderschule werde davon ausgegangen, dass die Kinder als Gruppe lernen. Doch ohne Einzel-Schulbegleitung wäre das nicht nur für Lukas eine Überforderung: „Darunter würden alle Beteiligten leiden, vor allem er selber.“

Lukas verstehe durchaus viel, nehme die Dinge aber ganz anders wahr als die meisten Menschen. „Man muss sich reinfuchsen“, ergänzt Lukas‘ Mutter. Sie arbeitet als Lehrerin, aber Lukas Vater, ein Programmierer, hat seine Rückkehr in den Beruf ausgesetzt, um sich um Lukas zu kümmern.

Von Lernmotivation bis zur persönlichen Pflege

Eine Schulbegleitung brauche längere Zeit, bis sie verstehe, was Lukas ausdrücken möchte und welche Bedürfnisse er hat, sagt Markus Gerwinski. Auch, um zu merken, wenn er eine neue Windel gebrauchen könnte. Vor allem aber wegen des Zuspruchs: „Wenn etwas gut funktioniert, braucht er das, um weiter motiviert zu werden.“

Bisher sei es so, dass die Eltern, wenn die Schulbegleitung bewilligt wurde, selbst bei den Trägern anfragen, um eine zu finden. Leicht ist das nicht. Lukas Eltern haben mehrere Anbieter abgeklappert. „Die Wartelisten sind ewig lang“, sagen sie. Trotzdem habe dieses Vorgehen einen entscheidenden Vorteil: „So können wir in Vorstellungsgesprächen abklären, wer zu unserem Kind passt.“

Ein bestimmter Berufs- oder Bildungsabschluss ist für Schulbegleitungen nicht vorgeschrieben. Künftig sollen sie allerdings an die Schule angebunden sein. Dies geschehe auf Wunsch der Schulleitung, wie der Landkreis Stade auf Nachfrage mitteilt. Wie berichtet, fehlen dort Lehrkräftestunden, die Unterrichtsversorgung liegt bei nur etwa 60 Prozent. Die Stellen sollen künftig durch eine Ausschreibung alle zwei bis drei Jahre unter den Trägern besetzt werden.

Pro Förderschulklasse mit durchschnittlich neun Kindern ständen dann eine Lehrkraft und ein pädagogischer Mitarbeiter zur Verfügung, jeder Klasse würde zusätzlich eine Schulbegleitung als Assistenzkraft zugeordnet. Darüberhinaus würde „pro Flur“ eine weitere Schulassistenz mit pädagogischer Ausbildung zur Verfügung stehen.

Appell an den Landrat ohne Erfolg

Damit wären die Schulbegleitungen nicht mehr an ein Kind gebunden. „Lukas braucht aber eine Person, die ihn kennt und zu lesen versteht. Einen festen Anker“, erklärt Markus Gerwinski. Wenn die Schulbegleitung in der Vergangenheit gewechselt werden musste oder wegen Krankheit ausfiel, sei das ihrem Kind zu Hause ganz klar anzumerken: „Es geht ihm nicht gut, er ist gestresst und schreit nachts viel.“

Sandra und Markus Gerwinski sind nicht die einzigen Eltern, die sich wegen der Pooling-Pläne ans TAGEBLATT gewandt haben. Viele Eltern, deren Kinder bisher eine Schulbegleitung haben, seien aus allen Wolken gefallen, als sie davon erfuhren, berichten die beiden. Für sie sei klar: „Ohne Eins-zu-Eins-Betreuung geht es in der Förderschule Ottenbeck nicht.“ Ein Brief an Landrat Kai Seefried ging für sie ins Leere: „Er verwies uns nur an die zuständige Dezernentin, die sich ja für das Pooling einsetzt.“ Dabei habe Seefried sich die Kinderfreundlichkeit des Landkreises auf die Fahnen geschrieben.

Für Lukas zeichnet sich nun eine andere Lösung ab: Er ist für das kommende Schuljahr auf der Warteliste für die Kalle-Gerloff-Schule, die Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe in Buxtehude.

Eine Schulbegleitung hätte Lukas dann nicht mehr. Doch die Gerwinskis haben den Eindruck, dass die Betreuung an der Kalle-Gerloff-Schule intensiver ist und die Pädagogen besser für den Umgang mit Autismus ausgebildet sind. Ihre Hoffnung ist, dass ihr Sohn dann bessere Lernfortschritte macht.

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