TGewalt und viele Verletzte: Wie schaffen die Stader Elbe Kliniken das?
Dieser Anblick wird häufiger: Polizei sichert das Elbe Klinikum in Stade. Foto: Battmer
Nach der Massenschlägerei in Stade mussten die Elbe Kliniken viele Verletzte versorgen. Auf solche Lagen sind sie vorbereitet. Es sind andere Dinge, die Sorgen bereiten.
Stade. In den vergangenen Monaten hat es in Stade öfter Gewalttaten mit vielen Verletzten gegeben. Häufig zeigte sicherheitshalber auch die Polizei im Krankenhaus Präsenz. Wie geht das Klinikpersonal mit solchen Situationen um? „Dies dient dem Schutz aller Beteiligten“, antwortet Siegfried Ristau, Geschäftsführer der Elbe Kliniken.
Opfer oder Täter - alle müssen versorgt werden
Wie in allen Krankenhäusern in Deutschland gilt in der medizinischen Notfallversorgung das strikte Gleichheitsprinzip: Alle haben denselben Anspruch auf medizinische Versorgung und ärztliche Hilfeleistung. Die Schuldfrage spielt dabei keine Rolle. „Als Krankenhaus sind wir für die medizinische Versorgung aller Menschen da – unabhängig davon, unter welchen Umständen sie zu uns kommen“, erklärt Ristau.

Dr. Jörg Franke. Foto: Martin Elsen
Schussverletzungen werden häufiger
Schuss- und Stichverletzungen gehören seit jeher zum Versorgungsspektrum am Elbe Klinikum Stade, sagt Dr. Jörg Franke, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie. Doch heute kommen sie häufiger vor - und aus anderen Gründen: „Jagdunfälle spielten früher eine größere Rolle als tätliche Auseinandersetzungen.“
Dieses Verhältnis habe sich deutlich verändert. Trotzdem weist Franke darauf hin, dass solche Verletzungen in Deutschland zum Beispiel im Vergleich zu den USA selten sind: Dort waren Schussverletzungen 2025 die dritthäufigste verletzungsbedingte Todesursache.

Im August 2024 sichern schwer bewaffnete Polizisten den Haupteingang des Stader Krankenhauses. Foto: Berlin
In Deutschland machten sogenannte penetrierende Verletzungen – also Verletzungen, bei denen ein Gegenstand in den Körper eindringt – rund vier Prozent der erfassten Fälle aus, wovon etwa die Hälfte auf Schuss- und Stichverletzungen entfiel.
Die Rolle der Polizei
Die Sicherheit der Patienten und Mitarbeitenden habe oberste Priorität, sagt Siegfried Ristau. Darum seien sie sehr dankbar für die enge und professionelle Zusammenarbeit mit der Polizei. Zugleich sei ihnen bewusst, dass ihre Anwesenheit Sicherheit vermittele, aber auch verunsichern könne.
„Gerade vor diesem Hintergrund beeindruckt mich, mit welcher Ruhe, Professionalität und welchem Verantwortungsbewusstsein unsere Teams auch unter außergewöhnlichen Umständen handeln. Dafür gebühren ihnen mein ausdrücklicher Dank und mein großer Respekt“, sagt Ristau.
Gewalt gegen Klinikpersonal nimmt zu
Eine Beobachtung macht den Mitarbeitern der Elbe Kliniken Sorgen: Gewalt und aggressives Verhalten nehmen zu. Tatsächlich ist in den vergangenen Jahren ein signifikanter Anstieg der Gewalt gegen Klinikpersonal zu verzeichnen. Das belegt eine aktuelle Umfrage der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG).
72 Prozent der befragten Krankenhäuser berichten von einem „deutlichen“ (26 Prozent) oder „mäßigen“ (46 Prozent) Anstieg der verbalen oder körperlichen Übergriffe gegen ihre Beschäftigten in den vergangenen fünf Jahren. Besonders häufig betroffen von körperlichen und/oder verbalen Übergriffen sind die Mitarbeitenden im Bereich der Pflege (78 Prozent) und in der Notaufnahme (74 Prozent).
„Das dürfen wir nicht als Normalität hinnehmen“, sagt Ristau. Wer sich tagtäglich für die Gesundheit anderer einsetze, verdiene Schutz, Respekt und Wertschätzung. Das Land Niedersachsen hat dazu eine Kampagne unter dem Titel „Wer hilft, verdient Respekt“ gestartet.
Feste Alarm- und Einsatzpläne für große Notfälle
Auf sogenannte Massenanfälle von Verletzten (MANV) seien die Elbe Kliniken vorbereitet, sagt Ristau. Dazu sind sie sogar gesetzlich verpflichtet - mit jährlich fortgeschriebenen Krankenhausalarm- und Einsatzplänen, die Zuständigkeiten, Alarmierungswege und Maßnahmen zur Erweiterung der Versorgungskapazitäten festlegen. Auch die Information und psychosoziale Betreuung von Angehörigen und die Unterstützung besonders belasteter Mitarbeitender gehören zur Vorbereitung auf solche Situationen.
Was passiert, wenn eine MANV-Meldung eingeht?
- Es wird bewertet, wie viele Verletzte zu erwarten, wie schwer die Verletzungen und welche Kapazitäten verfügbar sind.
- Zunächst übernehmen die diensthabenden Teams die unmittelbar notwendige Versorgung.
- Bei Bedarf werden über festgelegte Alarmierungswege weitere Mitarbeitende hinzugezogen.
- Eine Krankenhauseinsatzleitung koordiniert den Einsatz von Medizin, Pflege, Verwaltung, Technik und Logistik - damit auch unter hohem Zeitdruck klar ist, wer welche Aufgabe übernimmt.
- Medizinisch aufschiebbare Operationen können zurückgestellt werden, um Personal, Operations- und Überwachungskapazitäten freizumachen.
- Es wird geprüft, welche Betten durch medizinisch vertretbare Verlegungen oder Entlassungen verfügbar werden können.
- Bei all dem muss berücksichtigt werden, dass andere Notfälle weiter versorgt und aufgenommene Patienten weiter betreut werden.
Es ist entscheidend, dass die Abläufe nicht nur auf dem Papier stehen, sagt Ristau. Sie müssen geschult, geübt, überprüft und weiterentwickelt werden.
T Massenschlägerei in Stade: Erste Hintergründe werden bekannt
Am Elbe Klinikum Stade stehen rund um die Uhr zwei Schockräume und umfassende diagnostische Möglichkeiten zur Verfügung. Sie sind direkt an einen Computertomographen angebunden, so dass die Chirurgen Verletzungen und deren Folgen innerhalb kürzester Zeit erkennen können, berichtet Jörg Franke.
Auch die Unfallchirurgen halten sich auf dem Laufenden - zum Beispiel bei Kollegen aus Regionen der Welt, wo Schuss- und Stichverletzungen häufiger auftreten. Die Versorgung von Soldaten aus Kriegsgebieten hat auch in den Bundeswehrkrankenhäusern für mehr Expertise gesorgt. Die Kollegen dort kooperieren mit der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, um in Fortbildungen auch zivile Chirurgie-Teams auf die Behandlung solcher Verletzungen vorzubereiten.
Gewalttaten mit vielen Verletzten
In den letzten Monaten gab es im Raum Stade mehrere Situationen, in denen Gewalt unter Beteiligung vieler Menschen eskalierte oder aus denen viele Verletzte resultierten. Hier ein Überblick:
- Dienstag, 13. Oktober: Körperliches Gerangel zwischen etwa 15 Beteiligten im Mühlenweg in Bützfleth. Die Polizei muss eine Ansammlung von bis zu 40 Menschen auflösen, erteilt Platzverweise. Als sich jemand widersetzt und ein Polizeihund eingesetzt wird, erleidet er eine Bisswunde.
- Freitag, 9. Oktober: Vor der Sporthalle der BBS III geraten zwischen 40 und 50 Personen aneinander. Laut Augenzeugen sollen Messer und Schlagstöcke zum Einsatz gekommen sein, auch Schussgeräusche wurden gehört.
- Sonnabend, 19. Juli: Ein Streit zwischen zwei Familien in Bützfleth eskaliert und führt zum Großeinsatz der Polizei. Sie bewerfen sich mit Blumenkübeln, schlagen sich, eine Waffe kommt ins Spiel. Es gibt zwei Verletzte.
- Sonnabend, 11. Juli:Gewalt geht von einer polizeibekannten Gruppe von Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren in der Harburger Straße aus, Zeugen berichten von Schussgeräuschen.
- Donnerstag, 9. Juli:Sechs Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren traktieren am Stader Bahnhof einen 16- und einen 17-Jährigen mit Fäusten und Tritten.
- Montag, 29. Juni: In der Dankersstraße werden sechs Mitarbeiter eine Mutter-Kind-Einrichtung erschossen.
- Donnerstag, 25. Juni: Großeinsatz von Polizei und Rettungskräften vor dem Jugendhaus Altländer Viertel: Bis zu 150 Menschen gehen mit Ästen, Besenstielen und Fäusten aufeinander los.
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