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Liebe im Alter

THarsefelder Senioren-WG: Mit 83 Jahren wieder Schmetterlinge im Bauch

Junge Liebe, spätes Glück: Christel Walter und Jürgen Evers im Aufenthaltsraum der Senioren-Wohngemeinschaft.

Junge Liebe, spätes Glück: Christel Walter und Jürgen Evers im Aufenthaltsraum der Senioren-Wohngemeinschaft. Foto: Richter

Sie leitete Boutiquen und singt jeden Schlager mit. Er war Späthippie und mag Heavy Metal. Im Senioren-Wohnpark lernen Christel und Jürgen sich trotzdem kennen - und lieben.

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Von Anping Richter
18.07.2026, 18:50 Uhr

Harsefeld. Lange Zeit sahen die Lebensgeschichten von Christel Walter und Jürgen Evers nicht danach aus, dass sie sich eines Tages begegnen würden - und schon gar nicht ineinander verlieben. Dann brachte das Schicksal sie in eine WG. Genauer gesagt: eine Wohngemeinschaft für pflegebedürftige Senioren im Wohnpark Königshof in Harsefeld.

Er hatte schon viel WG-Erfahrung

Für Christel Walter, geborene Waldner, Jahrgang 1943, ist es die erste WG ihres Lebens. Jürgen Evers hat dafür umso mehr WG-Erfahrung. „Ich bin Späthippie und war früher in der Apo unterwegs, da ist man mehr Gesellschaft gewöhnt“, sagt der 68-Jährige.

Aber diesmal ist Jürgen Evers nicht aus Freude am antiautoritären Protest in die WG gezogen. Er ist wegen einer Erkrankung seit Ostern 2023 querschnittsgelähmt und braucht Pflege. Er wohnte schon lange in der WG, als vor gut einem halben Jahr Christel Walter dort auftauchte.

Überraschung: Buddha-Figuren im Aufenthaltsraum

Sie war skeptisch. Die 83-Jährige lebte in einer Wohnung im Este-Wohnpark in Buxtehude, war im Jahr zuvor nach ihrer zweiten Ehe verwitwet und benötigte wegen einer Demenzerkrankung mehr Unterstützung.

In der WG wollte sie nur für eine Woche zur Probe bleiben. Ihre Tochter Carmen Breuker und ihr Schwiegersohn begleiteten sie beim ersten Besuch - und waren erstaunt, im gemeinsamen Aufenthaltsraum der Bewohner mehrere Buddha-Figuren vorzufinden.

Jürgen Evers traditionelle tibetische Rollbilder über dem Pflegebett zeigen weibliche Buddha-Erscheinungsformen. Sie verkörpern Mitgefühl.

Jürgen Evers traditionelle tibetische Rollbilder über dem Pflegebett zeigen weibliche Buddha-Erscheinungsformen. Sie verkörpern Mitgefühl. Foto: Richter

„Die sind von Herrn Evers. Er bietet hier Meditation an“, erfuhren sie. Tochter und Schwiegersohn klopften an seine Tür - und begrüßten überrascht Jürgen, einen alten Freund, den sie 15 Jahre nicht gesehen hatten. Alle drei sind seit vielen Jahren Buddhisten und kannten sich aus dem Buddhistischen Zentrum in Hamburg.

Der erste Blick war voller Zauber

Christel und Jürgen, wie sie einander jetzt vorgestellt wurden, waren sich aber noch nie zuvor begegnet. „Ich habe sie angeguckt und gedacht: Die hat ja noch eine ganz schöne Form, die Frau“, berichtet er schmunzelnd. Sie sagt: „Auf jeden Fall haben wir uns zauberhaft angeguckt.“ Jürgen verabschiedete seine Freunde mit dem Versprechen, gut auf ihre Mutter aufzupassen.

Carmen Breuker besuchte sie jeden Tag. Vorher war ihrer Mutter der Abschied meist schwergefallen. Jetzt wurde es anders. Was in den nächsten Tagen geschah, empfinden nicht nur Christel und Jürgen, sondern auch viele Menschen in ihrem Umfeld als märchenhaft. Jürgen berichtet, dass Christel irgendwann zu ihm sagte: „Ich brauche jemanden, der mich nicht wegschickt.“

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Einen ganzen Tag und eine Nacht habe er darüber nachgedacht. Er habe gewusst: „Wenn ich mich auf sie einlasse, dann kann ich das auch nicht mehr lassen.“ Andererseits: Buddha sagt, dass es im Leben darum geht, den Wesen Liebe zu geben. Jürgen sagte Ja. „Es war sehr viel angenehme Energie in der Luft“, erinnert er sich. Liebe?

Bei dem Stichwort stimmt Christel gleich ein Lied an: „Die Liebe ist ein seltsames Spiel…“, singt sie, wie Connie Francis 1960, lächelt Jürgen an und streichelt seine Wange. „Es ist ein Zeichen der Liebe, dass man sich entspannt, wenn man mit einem Menschen zusammen ist“, sagt er. Emotionale Verlässlichkeit gehöre auch dazu. Er, der seit 45 Jahren meditiert, trainierte in der ersten Zeit viel mit Christel. Als Nachkriegskind, das schon mit elf Jahren die Mutter verlor, habe sie viel Angst in sich getragen.

Christel hat aber auch eine andere Seite - eine abenteuerlustige. Mit 22 verliebte sie sich und folgte ihrer großen Liebe 1967 erst nach Namibia, dann nach Südafrika, wo auch ihre Tochter geboren wurde. Später trennte sich das Paar. Christel ging zurück nach Deutschland, zog die Tochter alleine groß, machte Karriere in der Modebranche. „Ich war immer alleine und habe immer aufgepasst“, sagt sie.

Die Pflegebetten zusammengeschoben

„In der Meditation verbinden wir uns auf seelischer Ebene, auch jenseits der Worte“, erklärt Jürgen. Auch körperlich kamen sie sich nah. Sie stellten ihre Pflegebetten nebeneinander, haben jetzt ein gemeinsames Schlafzimmer und nutzen das andere als Wohnraum. Als Mieter im Wohnpark können sie das so halten, wie sie wollen.

„Wenn Christel zu mir ins Bett kommt und wir unsere Hände halten - so viel weiblicher Liebe habe ich nichts entgegenzusetzen“, sagt Jürgen. Die gemeinsame Freizeitgestaltung verlangt ihm aber einiges ab. Er, der gerne Krimis liest und am liebsten Heavy Metal hört, guckt mit ihr Musikantenstadl. Sie singt oft mit.

Dass Christel beruflich zwei Boutiquen für Braut- und Abendmode in Essen geleitet hat, ist bis heute zu merken: Nach einem prüfenden Blick knöpft sie sein lässig weit offenes Hemd zu und rückt streng den Kragen zurecht, bevor ein gemeinsames Foto gemacht wird.

„Das ist schon eine Herausforderung für ihn. Da muss viel Liebe im Spiel sein“, sagt Carmen Breuker und meint damit auch die Erkrankung ihrer Mutter. Andererseits - ohne die gäbe es diese Liebe vielleicht gar nicht: „Früher war meine Mutter anders. Die Demenz hat sie weicher gemacht, geöffnet.“

Die Kunst, im Moment zu leben

Christel lebt im Moment. Von sich aus verliert sie kein Wort darüber, dass sie vor einigen Wochen sehr krank wurde. Ihre Familie machte sich große Sorgen. „Ich habe auch drei Wochen lang kein Auge von ihr gelassen“, sagt Jürgen. Irgendwie sei er sich aber sicher gewesen, dass sie, die 15 Jahre älter ist als er, noch nicht sterben würde.

„Ich bin älter, aber besser auf den Beinen. Das hat Vorteile, nicht wahr, Schätzelein?“, sagt die 83-Jährige und strahlt ihn an. „Oh ja“, antwortet er. Beide lachen. Auch Jürgen ist jetzt ganz im Moment: „Das Dach ist dicht. Wir haben zu essen. Christel ist da - mir fehlt gar nichts mehr.“

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