THarsefelds Geschichte: Ein trauriger Schatz aus dem Sterberegister
Samtgemeindearchivarin Ulrike Gerdts (links) und Mitarbeiterin Jenny von Rönn mit den Standesamtregistern. Ihr persönlich größter Archivschatz findet sich im Sterberegister 1874 wieder. Foto: P. Meyer
Archivarbeit ist sehr trocken? Mitnichten. Das zeigt der Schatz, den Archivleiterin Ulrike Gerdts jetzt ans Licht der Öffentlichkeit bringt: einen 150 Jahre alten Eintrag im Sterberegister.
Harsefeld. Ein Karton steht auf dem Tisch, gefüllt mit vergilbten Briefen, alten Fotografien und sorgfältig zusammengebundenen Akten. „Oma ist gestorben“, hören die Mitarbeiter des Samtgemeindearchivs Harsefeld nicht selten, wenn solche Nachlässe abgegeben werden, erzählt Archivleiterin Ulrike Gerdts.
Zeitgeschichte
T Großfeuer in Harsefeld: Rekonstruktion einer Tragödie
Seit 40 Jahren werden solche Zeugnisse des Alltags und der Ortsgeschichte Harsefelds im Samtgemeindearchiv gesichtet, ins System eingepflegt und für die Nachwelt aufbewahrt. Dass mittlerweile ein größeres Bewusstsein für die Bedeutung solcher Dokumente herrscht und Omas Nachlass nicht einfach entsorgt wird, freut die Archivmitarbeiter. Welche besonderen Stücke sich im Laufe der Jahre hier angesammelt haben, zeigt das TAGEBLATT anhand einer Auswahl. Heute im zweiten Teil: Samtgemeindearchivarin Ulrike Gerdts stellt ihren ganz persönlichen Archivschatz vor.
Samtgemeindearchiv
Historische Dokumente aus dem Leben des Lehrers Friedrich Hillmann
Von der Geburt bis zum Tod: Vor 1874 waren Kirchen zuständig
Es ist der erste Eintrag im Harsefelder Sterberegister aus den Jahren 1874 bis 1888. Zuvor wurden Eintragungen ausschließlich in Kirchenbüchern festgehalten. „Von der Geburt bis zum Tod“, erklärt Gerdts. Erst ab dem 1. Oktober 1874 begann die staatliche Erfassung in Standesamtsregistern in Preußen - im Geltungsbereich des Deutschen Reichs galt das ab 1876. Für Ulrike Gerdts ist dieses Dokument nicht nur wegen seines Alters besonders, sondern auch, weil es den Beginn einer neuen Form der Datenerfassung markiert.
Totes Kind zeugt von tragischer Geschichte
Der erste Eintrag erzählt eine stille, aber bewegende Familiengeschichte: Am 3. Oktober 1874 starb der neun Monate alte Friedrich Heinrich Johann Tolle. Eine Todesursache wurde nicht vermerkt. „Man kann aus diesen Registern so viel über Familiengeschichte erfahren“, sagt Ulrike Gerdts. Sie hat täglich mit diesen Dokumenten zu tun - etwa wenn Heimat-, Familien- oder Ahnenforscher kommen, um im Archiv nach Spuren ihrer Vorfahren zu suchen.

Ein Teil des ehrenamtlichen Teams des Samtgemeindearchivs Harsefeld. Viele von ihnen sind seit Jahrzehnten dabei. Foto: P. Meyer
Im Fall der Familie Tolle ließen sich weitere Schicksalsschläge rekonstruieren. Nur ein Jahr später ist im Sterberegister vermerkt, dass Catrin Tolle einen toten Jungen zur Welt brachte. „Morgens um sechs einhalb Uhr“, heißt es nüchtern in dem mit Tinte verfassten Eintrag. Die Spalte für weitere Daten, wie den Namen, ist durchgestrichen. Zwei Jahre später taucht die Familie erneut in den Registern auf.

Der erste Eintrag im Sterberegister 1874.
Waldwärter Heinrich Tolle ließ den Namen seiner Tochter Charlotte Anna Ernstiene eintragen. Allerdings erst sechs Wochen nach der Geburt. „Das finde ich schon ungewöhnlich“, sagt Ulrike Gerdts. Heute müssen Eltern den Namen ihres Kindes innerhalb einer Woche festlegen.
Das Archiv ist eine kugelschreiberfreie Zone
Besonders wichtig ist dieser Schatz für Ulrike Gerdts auch aus archivischer Sicht. Erst seit einer Reform des Personenstandsrechts im Jahr 2009 sind die Standesämter gesetzlich verpflichtet, Geburts-, Ehe- und Sterberegister nach Ablauf bestimmter Fristen den Archiven anzubieten. Seitdem werden diese Daten in den Standesämtern in elektronischen Registern erfasst.
„Die Nutzung der Standesamtsregister im Archiv muss über Hunderte Jahre möglich sein“, so Gerdts. Deshalb dürfen ausschließlich die Mitarbeiter in den Registern recherchieren. Nach der Aufnahme in die Archivsoftware werden die Dokumente in säurefreie Kartons verpackt, um den Verfall des Papiers zu verlangsamen. „Deshalb sind bei uns auch nur Bleistifte für Notizen erlaubt“, erklärt Ulrike Gerdts. Die färben nicht ab und halten deutlich länger.
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.