THeimatkundler auf den Spuren der alten Bahnhofsgaststätte in Bargstedt
Ansichtskarte von Steffens Gasthof in Bargstedt, der späteren Gaststätte Zur Linde. Foto: Klintworth
Klönen und feiern: Gaststätten waren früher zahlreich und dienten als sozialer Treffpunkt. Bei dem Lokal am Bargstedter Bahnhof spielte die Fuhrwerkswaage eine große Rolle.
Harsefeld. Das Kneipensterben ist deutschlandweit ein Trend. Das war früher anders, als fast jeder Ort eine eigene Gaststätte hatte.
Reiner Klintworth aus Helmste hat sich auf Spurensuche nach früheren Gaststätten begeben und erinnert im Harsefelder Jahrbuch 2025 „Geschichten und Gegenwart“ unter anderem an die früheren Zeiten der Bahnhofsgaststätte Zur Linde in Bargstedt.
Reiner Klintworth und Namensvetterin Christine Klintworth lassen als Vorsitzende des Helmster Heimatvereins in der Heimatstube die alten Kneipen wieder aufleben - hier am Tresen im Helmster Sandkrug. Foto: Laudien
Als 1902 die Bahnstrecke Bremerhaven-Buchholz gebaut wurde, entstand fast an jedem Haltepunkt oder Bahnhof eine Bahnhofsgaststätte. Der Kartoffelkaufmann und Imker Otto Hinrich Lemmermann aus Kakerbeck erkannte das Potenzial und wurde zum Gastwirt.
Er errichtete 1902, rechtzeitig zur Eröffnung der Bahnstrecke, seine Bahnhofsgaststätte unter dem Namen „Lemmermanns Bahnhofshotel“.
Um 1925 erwarben der Gastwirt Hinrich Steffens aus Farven und Ehefrau Katharina die Gaststätte. Sie wurde in „Hinrich Steffens Gasthof“ umbenannt. Nach Hinrichs frühem Tod 1941 führte Katharina Steffens die Bahnhofsgaststätte weiter.
1949 heiratete Tochter Adele Steffens den Altländer Willy Sumfleth aus Lühe. Sie übernahmen die Bahnhofsgaststätte unter dem neuen Namen „Zur Linde“. Skatrunden, Sparclub und Vereinstreffen gehörten in den 1950er Jahren zum geselligen Geschehen.

Besonderer Hingucker von 1975: Selbst gebauter und drehbarer Stammtisch aus einem alten Wagenrad für gesellige Runden. Foto: Klintworth
Erinnerungen von 1902 bis 2024
In seinem Buch „Bargstedter Erinnerungen“ bietet Autor Martin Höft 1982 Einblicke in die Vergangenheit der Gaststätte: „Es waren weniger die Reisenden, die in der Bahnhofsgaststätte einkehrten, sondern mehr die Bauern, da vor der Gaststätte eine Fuhrwerkswaage eingebaut wurde.
Hier wurden Kartoffeln, bevor sie in die Eisenbahnwaggons beladen wurden, gewogen. Vor dem Entladen fuhren die Bauern mit dem vollen Anhänger auf die Waage und nach dem Entladen wieder auf die Waage. Aus der Differenz wurde das Gewicht der Ladung errechnet.“
In Spitzenzeiten hätten bis zu 20 Wagen am Bahnhof auf die Abfertigung gewartet. Diese Wartezeit überbrückten die Bauern gerne mit einem Schlückchen, wie Höft schreibt.
Tabakanbau in Bargstedt
Der letzte Inhaber der Gaststätte Zur Linde, Helmut Sumfleth, erinnerte sich 2024: „In unserer Familie wurde oft über die schwere Nachkriegszeit gesprochen.
Meine Eltern hatten hinten auf dem Hof eine kleine Tabakplantage angelegt. Da mein Vater gerne Pfeife rauchte, konnte er nun preisgünstig seinen Tabak für die Pfeife selbst herstellen. Ob er davon auch einige Blätter in unserer Gaststube verkauft hat, weiß ich nicht.“

Eigene Ernte in der Nachkriegszeit: Willy Sumfleth 1948 beim Rauchen einer Pfeife auf dem eigenen Tabakfeld. Foto: Klintworth
Weiter heißt es: „Wir waren hier in Bargstedt eine gemütliche Kneipe mit Ausschankerlaubnis, eine Speisekarte hatten wir nicht. Trotzdem war meine Mutter eine gute Köchin. Neben dem alten Kochherd in der Küche war ein Durchreichfenster zur Gaststube.“

Küche mit Durchblick in die Gaststube der Gaststätte Zur Linde. Foto: Klintworth
Das Fenster, so erinnert sich Sumfleth, stand immer auf. So habe seine Mutter durch die Gaststube zur Straße schauen können und sehen, wenn wieder ein Gefährt auf die Fuhrwerkswaage fuhr.
Dann sei sie in die Gaststube gegangen, um das Gewicht abzulesen. „Wenn die Anhänger auf dem Bahnhof in die Waggons geleert waren, kamen die Fahrer zum Nachwiegen, und meistens gab es dann eine kleine Pause mit einem Bier.“

Werbeaktion der Brauerei Herforder Pils in den 1990er Jahren mit einer Faßbierkutsche vor dem Gasthaus Zur Linde in Bargstedt. Foto: Klintworth
Schicksalsschlag
2008 folgte ein Schicksalsschlag für Familie Sumfleth: Bei einem Feuer wurden Scheunen zerstört, das Wohnhaus mit der Gastwirtschaft konnte dank der Feuerwehr gerettet werden.
Als Willy Sumfleth und Ehefrau Adele 2013 verstarben, übernahm der ältere Sohn Gerhard die Gaststätte und wurde von seinem Bruder Helmut, ein gelernter Koch, unterstützt. Nach der Corona-Pandemie 2020 kamen immer weniger Gäste. Als Gerhard Sumfleth 2022 starb, stellte Helmut Sumfleth kurz danach den Betrieb der alten Bahnhofsgaststätte ein.
Die Spurensuche geht in Hollenbeck weiter
Heimatkundler Reiner Klintworth ist weiter auf Spurensuche nach „verlorenen“ Gaststätten.

Ansichtskarte von 1940: der Gasthof von Jürgen Fitschen in Hollenbeck. Foto: Klinworth
Nach Bargstedt möchte er sich dem einstigen Gasthof von Jürgen Fitschen in Hollenbeck widmen, hat aber nur wenige Informationen und freut sich über Hinweise und Fotos. Kontakt: r.klintworth@helmste.de
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