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Zu viele Kilos

T„Herz ist Kopfsache“: So knapp hat Hendrik Sievers überlebt

Hendrik Sievers hat die Leidenschaft fürs Radfahren entdeckt.

Hendrik Sievers hat die Leidenschaft fürs Radfahren entdeckt. Foto: Privat

Hendrik Sievers aus Himmelpforten ist gefeierter Handballtorwart, adipös und fast tot. Sein (Über)leben in vier Akten. Teil 4: Endorphine als Belohnung.

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Von Daniel Berlin
13.08.2026, 05:35 Uhr

Himmelpforten. Neun Kilometer lang ist der Weg hoch auf den Passo Pordai, den zweiten Pass des Radmarathons in den Dolomiten in Norditalien. Der Anstieg hat im Schnitt 6,9 Prozent Steigung, 10 Prozent in der Spitze. Hendrik Sievers überwindet den Berg mit seiner Rennmaschine. Am Ende der Abfahrt bleibt er kurz stehen und greift zum Telefon. Das ist gerade mal ein paar Wochen her.

Der Körper schaltet ab: reanimiert vor drei Jahren

„Ich habe meine Tochter angerufen. Ich habe ihr erzählt, wie schön das hier ist“, sagt Sievers. Keine 60 Autobahnkilometer von dieser Stelle entfernt wäre Hendrik Sievers drei Jahre zuvor fast gestorben.

Das war in einem Urlaub in Brixen. Sievers wog bis Herbst 2019 gut 165 Kilo. Er wollte seine Restlaufzeit verlängern, wie er sagt. Er wollte nicht so früh abtreten, wie seine männlichen Vorfahren. Er trieb Sport, fuhr Rad und stellte seine Ernährung um. Vor drei Jahren brachte er keine 130 Kilo mehr auf die Waage. Die Erkenntnis kam fast zu spät. In der Notaufnahme in Brixen haben ihn die Notfallsanitäter reanimiert. Er litt an einer beidseitigen Lungenembolie und Vorhofflimmern.

Hendrik Sievers kommt wieder zu sich. Zurück ins Leben. Mit neuer Prioritätenliste und mit Zielen. Er will 2024 die Cyclassics in Hamburg fahren. 2025 will er den Gastwirt des Hotels in Brixen mit dem Fahrrad besuchen und sich bei ihm für dessen Hilfe bedanken. 2026 will er den Maratona Dles Dolomites fahren. Den Radmarathon über die schroffen Berge Norditaliens, die zu glühen scheinen, wenn die Sonne sie am Morgen und am Abend anstrahlt.

Erste Radtour: Pause nach vier Kilometern

Er erzählt im TAGEBLATT-Gespräch von seiner ganz speziellen Reise durch die letzten Jahre. Von dem beleibten Handballtorhüter aus Himmelpforten, der als Balu die Halle unterhielt, der gerne tanzt, gerne redet, gerne isst, zu viel Stress bei der Arbeit hat und erst spät umdenkt. Er kehrt sein Inneres nach Außen. Er inspiriert.

Die erste Radtour nach der Nahtoderfahrung in Brixen vor drei Jahren führt den Himmelpfortener Hendrik Sievers nach Burweg. Das sind gerade mal vier Kilometer. Er braucht eine Pause. Er hat Freunde dabei, die ihm Sicherheit geben. Er hat fast immer Freunde oder die Familie dabei, wenn er Sport treibt.

Hendrik Sievers lebt in Himmelpforten. Auf seiner Terrasse steht ein über 100 Jahre altes Fahrrad. Er nimmt zum Trainieren lieber das moderne.

Hendrik Sievers lebt in Himmelpforten. Auf seiner Terrasse steht ein über 100 Jahre altes Fahrrad. Er nimmt zum Trainieren lieber das moderne. Foto: Berlin

Heute hat er das Training professionalisiert. Er behält seinen Körper immer im Auge. Er wertet die Zahlen aus. Die Herzfrequenz, die Atmung. Passt die Intensität? Passt die Regenerationszeit? Hendrik Sievers trainiert nach Plan.

Die Woche durchgetaktet: Das ist der Trainingsplan

Montags geht es in Katjas Keller. Seine Frau ist Gesundheitscoach und arbeitet in Himmelpforten im Keller des Wohnhauses. 45 Minuten Muskeltraining, Rumpfstabilität. Danach leichtes Rollen auf dem Rad ohne Belastung. Dienstag trainiert Sievers die Grundlagenausdauer, Donnerstag Five a Side - „Alte-Menschen-Handball“, sagt Sievers und lacht. Freitag, Samstag und Sonntag fährt er zwei, drei oder vier Stunden. Die Woche ist durchgetaktet.

Die Zahlen, sagt Sievers, „geißeln mich nicht. Sie beruhigen mich. Daraus leite ich etwas ab“. Mittlerweile bezeichnet er sich als „trainierter Herzpatient“. Er tritt 225 Watt über eine Stunde in die Pedale. 800 Watt hat er mal zehn Sekunden lang gehalten. Zum Vergleich: Tour-de-France-Sieger Tadej Pogačar rast ganz Alpe d´Huez mit 460 Watt im Schnitt hoch. Mit bis zu 800 Watt hängt er seine Gegner ab.

Der Plan, den Marathon durch die Dolomiten zu fahren, entsteht im Spätsommer 2025. Sievers weiß, dass er am Berg schnell mal in den „Pöbelmodus“ verfällt. Dann fragt er sich laut: „Was soll der Scheiß und warum mache ich das eigentlich?“ Sievers besinnt sich auf seine Mantras.

Hendrik Sievers: „Herz ist Kopfsache“

„Ruhig, rund, stark“ ist so ein Mantra. Oder „pain is french for bread“ - ein Wortwitz, der auf dem Lenker seines Rennrads steht. „Das Rennen ist die Belohnung für das Training, das ich hatte“, sagt Sievers. Zeiten sind ihm egal. Medaillen sind ihm egal. „Herz ist Kopfsache“, ist noch so ein Satz, den Sievers gerne sagt.

Das Rennen in den Dolomiten teilt er in vier Etappen ein. Die Strecke bis zu jedem Pass gilt als eine. Wenn er für einen Pass zu viel Leistung investieren muss, steigt er ab. Wenn er sich gut fühlt, aber die Zahlen seines Körpers nicht stimmen, steigt er ab. „Ich habe eine Verantwortung mir gegenüber und gegenüber meiner Familie und meinen Ärzten“, sagt Sievers.

Am Morgen des Rennens gibt es Omelette im Hotel. Langsam rollt Hendrik Sievers mit seinem Rad an die Startlinie. Er hat gelacht. Sievers ist voll mit Endorphinen. Er ist glücklich und lässt die Konkurrenz, die wie besessen in die Pedale tritt, ziehen. Am nächsten Pass holt er einige von ihnen ein. Er lächelt immer noch. Die anderen schauen verbissen.

Vier Pässe hat Hendrik Sievers hinter sich. 55 Kilometer und 2000 Höhenmeter. Knapp sieben Prozent im Schnitt. Der Rundkurs führt zurück ins Dorf. Links ist das Ziel. Rechts fahren die, die die Strecke erneut bewältigen wollen.

Ziel 2027: 105 Kilometer durch die Dolomiten

Sievers fühlt sich gut und die Zahlen stimmen. Er fährt rechts, bis ihn ein technischer Defekt am Passo Campolongo ausbremst. Er rollt langsam zurück. Im Dorf direkt am Hotel wartet Katja. Sie jubelt.

Sievers bekommt die Finisher-Medaille. Er trinkt ein alkoholfreies Hefeweizen. „Ich saß da nur und war froh“, sagt Sievers. Wenige Tage später bucht er für 2027 ein Hotel im Dorf und sorgt dafür, dass sein Name im Lostopf für die nächste Auflage des Radmarathons liegt. Dann für die 105 Kilometer mit 3000 Höhenmetern. 8200 von 50.000 Bewerbern bekommen einen Startplatz.

Die letzten Jahrzehnte haben Spuren hinterlassen bei Hendrik Sievers. Die Adipositas sorgte für Begleiterscheinungen. Krankheiten. Thrombosen, Herz, Zucker - alles muss Hendrik Sievers permanent kontrollieren lassen. Wann wurde sein Leben wieder halbwegs normal?

„Mein heutiges Normal ist anders, als das Normal von früher.“

Die Serie (Über)leben in 4 Teilen

Hendrik Sievers aus Himmelpforten erzählt im TAGEBLATT offen über seine adipösen Jahre, die späte Erkenntnis, sein Leben zu ändern und über den Tag, an dem er fast gestorben wäre. Mit „Endorphine als Belohnung“ endet die Serie.

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