TIst Singen im Männerchor noch cool? Ein junger Nottensdorfer sagt: Ja!
„Männer - traut Euch!“: Helmut Stein, Jakob Schröder und Reinhard Stupl liegt der Nottensdorfer Männergesangverein am Herzen. Foto: Buchmann
Was motiviert einen 22-Jährigen, einem Männerchor beizutreten? Und warum ergriffen die Nottensdorfer bei einem Auftritt in Elstorf die Flucht? Ein Blick in 100 Jahre Vereinsgeschichte.
Nottensdorf. Eigentlich hat Jakob Schröder ein ganz gewöhnliches Hobby: Er singt gerne. Wenn der 22-Jährige seinen Freunden jedoch erzählt, dass er im örtlichen Männergesangverein singt, wird er komisch angeschaut. Den jungen Nottensdorfer stört das nicht. Denn der Verein gibt ihm Halt - genau wie dem Dorf seit 100 Jahren.
1951: Der MGV bei einem Umzug zum 40-jährigen Jubiläum des MGV Treue Neukloster. Foto: MGV Nottensdorf
Am 11. März 1926 fanden sich in der Gaststube bei Bellmann 34 Nottensdorfer zusammen, um ihre Freude am Singen miteinander zu teilen. Den Anstoß hatte der Lehrer Johann Wendelken gegeben, den die Sangesbrüder direkt als ersten Dirigenten verpflichteten. Der Männergesangverein Eintracht zu Nottensdorf war geboren. Ihr Ziel bis heute: den Chorgesang zu pflegen und zu fördern.
Singen zu können ist keine Voraussetzung
Für Reinhard Stupl hat das gemeinsame Singen seit Jahrzehnten einen festen Platz in seinem Leben. „Ich bin erstmals 1971 zum Männergesangverein gegangen“, erinnert sich der 85-Jährige. Er war gerade erst nach Nottensdorf gezogen, da habe sein Nachbar Karl Fischer ihn direkt angesprochen.
Um herauszufinden, welche Singstimme am besten zu Stupl passt, forderte ihn der damalige Dirigent auf: „Schnack mol en beten.“ Schnell war klar: „Tweete Bass.“ Den singt Stupl auch 55 Jahre später noch. Im Chor zu singen, gebe ihm seelischen Auftrieb - „und es fördert die Gesundheit“.
Helmut Stein stieß 1999 zum Verein, über seinen Nachbarn - Reinhard Stupl. „Ich hatte keine musikalische Vorerfahrung“, sagt Stein. Eine erste Kostprobe bekam er als Zuhörer beim Spargelessen im Schopskoben, dem früheren Proberaum. Um mitzumachen, müsse man nicht singen können. Stein: „Man lernt es im Chor.“ Reinhard Stupl stimmt zu: „Ich hatte früher eine 5 oder einen Strich im Musikunterricht.“
Singen verbindet
17 Jahre lang übernahm Stein den Posten als Vereinsvorsitzender, übergab 2019 an Wolfgang Mosler. Mit 88 Jahren zählt der Ehrenvorsitzende weiterhin zu den aktiven Sängern. Dass der Chor nach 100 Jahren immer noch auftritt, macht Helmut Stein stolz: „Wir sind fest im Ort verankert. Wir sind immer da.“
100-jähriges Bestehen
T Zusammen um die Welt marschiert: Spielmannszug Steinkirchen feiert Jubiläum
Seinen Weg zum Männerchor fand Jakob Schröder 2024, als ihn jemand beim traditionellen Eierschnorren ansprach. Zu diesem Zeitpunkt habe er gerade die Schule beendet und ein Studium abgebrochen. „Ich habe etwas gesucht, wo man soziale Kontakte knüpfen kann“, sagt Schröder. Schon nach der ersten Probe stand für ihn fest: Hier bleibe ich. „Das Singen verbindet, der Zusammenhalt hier ist groß“, schwärmt der 22-Jährige.
Junge Sänger bleiben eine Ausnahme
Jakob Schröder bildet wohl eine Ausnahme. Männergesangvereine wie der in Nottensdorf haben seit Jahren Nachwuchsprobleme. „Der Zeitgeist hat sich verändert“, sagt Helmut Stein. Heute sei es unüblich, dass junge Männer Chören beitreten.

Unvergessen: Beim Senatsempfang im Hamburger Rathaus 2023 vor dem Elbphilharmoniekonzert trafen die Sänger vom Männergesangverein Eintracht zu Nottensdorf den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff (Mitte). Foto: Jochim (Archiv)
Früher sei das Singen eine Familiensache gewesen. „Wenn die Eltern im Gesangverein waren, waren es später auch die Kinder“, sagt Reinhard Stupl. In seiner Familie sei früher viel gesungen worden, der Großvater war ebenfalls in einem Chor aktiv. Er bedaure es, dass heute etwa in Schulen weniger gesungen werde.
Unvergessen: Der Auftritt in der Elbphilharmonie
In 100 Jahren hat der Nottensdorfer Männergesangverein viele Höhen und Tiefen durchlebt. Ein unvergessenes Erlebnis bleibt der Auftritt in der Elbphilharmonie im Juni 2023, bei dem die Nottensdorfer anlässlich des 200-jährigen Bestehens der Hamburger Liedertafel auftreten durften. „Da war ich leider zu spät“, sagt Jakob Schröder und lacht.
Unvergessen bleibt auch ein Auftritt in Elstorf in den 1980er Jahren - jedoch aus anderen Gründen. „Wir haben so schlecht gesungen, dass wir die Flucht ergriffen haben“, erinnert sich Reinhard Stupl und lacht. In der Eile habe man die Chorfahne vergessen, zwei Sänger mussten unter Beifall des Publikums noch mal zurück.
Chorfest zum 100-jährigen Bestehen in Nottensdorf
In die Zukunft schauen die Sangesbrüder hoffnungsvoll, dass sich irgendwann wieder Zuwachs findet. Den Spaß am Singen lassen sich die Nottensdorfer jedoch nicht nehmen. „Wir witzeln oft darüber, dass Jakob in 30 Jahren allein mit dem Dirigenten da sitzt“, sagt Reinhard Stupl augenzwinkernd.
Der Männergesangverein Nottensdorf trifft sich immer dienstags um 20 Uhr zum Proben im Landhotel Zur Eiche in Buxtehude-Hedendorf. Am 28. Juni 2026 feiert der MGV Eintracht Nottensdorf ab 10 Uhr sein 100-jähriges Bestehen mit einem Chorfest auf der Festwiese am Nottensdorfer Friedhof.
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.