TJa, ich will – aber ohne Kirche: Freie Trauungen immer beliebter
Die gelernte Standesbeamtin Pia Wohltmann arbeitet seit zwei Jahren als Traurednerin. Sie bemerkt eine klar steigende Tendenz bei den freien Trauzeremonien. Foto: Fotomomente Rica Rotermund
Immer mehr Heiratswillige entscheiden sich für eine Trauung abseits der Kirche. Freie Trauredner haben Konjunktur. Drei Hochzeitsrednerinnen aus der Region erzählen, was daran so besonders ist.
Wenn Bettina Lok mit einem Brautpaar eine Trauung durchspricht, kann sie ihren Kunden alle erdenklichen Freiheiten geben. Sie ist da, wenn ein Paar sich nicht in der Kirche von einem Pastor trauen lassen will - oder kann. „Freie Trauungen sind fast überall möglich: im eigenen Garten, am Strand oder auf einem Leuchtturm“, erklärt die Otterndorferin, „da sind fast keine Grenzen gesetzt.“
Bettina Lok ist im Hauptberuf bei der Stadt Cuxhaven als Sachbearbeiterin für Wohngeld und Standesbeamtin beschäftigt, nebenberuflich arbeitet sie als freie Traurednerin. „Es macht mir unglaublich viel Spaß, die Brautpaare an diesem besonderen Tag und auf dem Weg dahin begleiten zu dürfen“, sagt sie. Im gerade abgelaufenen Jahr 2023 hat die Hochzeitsrednerin elf Paare frei getraut. „Für mich ist die Saison damit gut gelaufen“, so Lok.
Freie Trauungen nehmen zu
Freie Trauredner wie Bettina Lok erfreuen sich in Zeiten, in denen viele Menschen Kirche und Religion den Rücken kehren, einer immer größeren Beliebtheit. Das merken auch Mareike Brüns und Cristina Montoliu-Faber aus Cuxhaven, die seit Anfang 2023 unter dem Namen „TrauFreu(n)de“ als Hochzeitsrednerinnen im Einsatz sind. „In diesem Jahr sind wir von Mai bis Oktober schon ausgebucht“, berichtet Cristina Montoliu-Faber.
Die Gründe für die steigende Beliebtheit von freien Trauungen seien so vielfältig wie die Menschen, die sich trauen lassen. „Unsere Paare sind zum größten Teil nicht in der Kirche, wollen aber trotzdem eine schöne und persönliche Alternative nach ihren Wünschen haben“, erklärt die Cuxhavenerin. Sie selbst habe auch im kleinen Rahmen mit einer freien Trauung geheiratet, da ihr Mann und sie nicht in der Kirche seien.

Traurednerin Bettina Lok hat gut zu tun: Im gerade abgelaufenen Jahr 2023 hat sie elf Paare frei getraut. „Für mich ist die Saison damit gut gelaufen“, sagt die Otterndorferin. Foto: Rostovtsev Hochzeitsfotografie
In der Kirche gibt es feste Rituale und Worte
Wer sich für eine freie Trauung entscheide, habe die freie Wahl, wie diese später aussehen soll. „Alles ist möglich „, sagt Cristina Montoliu-Faber. In der Kirche gebe es feste Rituale und Worte. Das alles könne bei einer freien Trauung selbst entschieden werden. „Diese Freiheiten machen es aus. Egal ob es der Ort ist, die ganz persönliche Note oder das Einbinden der Familie oder der Freunde“, erläutert die Traurednerin.
Pia Wohltmann aus Otterndorf hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Die gelernte Standesbeamtin arbeitet seit zwei Jahren als freie Traurednerin. Auch sie spürt eine steigende Tendenz bei den freien Trauzeremonien. Im vergangenen Jahr hat sie neun Paare bei ihrem Ja-Wort begleitet und außerdem einige freie Taufen durchgeführt. „Es wenden sich immer mehr Paare von der Kirche ab und können sich damit nicht mehr identifizieren“, erklärt sie. Eine freie Trauung biete eine echte Alternative, um den womöglich schönsten Tag im Leben ganz individuell zu gestalten.
Der Ablauf bei den Vorbereitungen ist dabei immer ähnlich: „Wenn sich die Paare für einen gemeinsamen Weg mit mir entscheiden, treffen wir uns vier bis sechs Monate vor der Trauung zu einem Traugespräch“, berichtet Pia Wohltmann. Im Anschluss werden das Paar, die engsten Freunde und Familienmitglieder gebeten, Fragebögen auszufüllen. „Diese erhalte ich etwa zwei Monate vor der Trauung zurück und nutze sie für die persönlichen Momente meiner Traurede“, sagt die Otterndorferin. Bis zum Tag der Hochzeit stehe sie mit dem Brautpaar eng in Kontakt, „damit wir den perfekten Ablauf der ganz persönlichen Trauung finden“.
Kreativität und eine bisschen Neugierde müssen sein
Und welche Eigenschaften sollte ein Trauredner oder eine Traurednerin mitbringen? „Man sollte auf jeden Fall kommunikativ sein und eine große Portion Empathie besitzen“, sagt Bettina Lok. Es sei wichtig, Vertrauen aufzubauen und gut zuhören zu können. „Kreativität und eine bisschen Neugierde müssen auch sein.“ Pia Wohltmann ergänzt: „Die wichtigste Eigenschaft ist tatsächlich die Leidenschaft zu einem Job in der Hochzeitsbranche. Da ist es egal, ob man Trauredner, Fotograf oder DJ ist“, erläutert sie. Ohne Leidenschaft und Liebe zu dem Job sei das nicht machbar.
Auch die Kirchen spüren den Wandel, wobei es deutliche Unterschiede zwischen den Trauungen in der Stadt und auf dem Land gibt. „Bei uns im dörflichen Umfeld wird noch gern in der Kirche geheiratet“, erzählt Bert Hitzegrad, Pastor in Cadenberge und Kehdingbruch. Im vergangenen Jahr habe er zehn Paare getraut. Im Vergleich zu 2022 sei das sogar ein Anstieg gewesen. Hitzegrad merkt dennoch, dass die Kirche bei vielen Menschen gerade nicht „en vogue“ ist und - wie andere Institutionen auch - einen Vertrauensverlust erfährt. Hitzegrad: „Wir müssen unsere Angebote besser verkaufen auf dem Markt.“
Heiratsalter in Deutschland auf Höchststand
Die Menschen in Deutschland heiraten immer später. Im Jahr 2022 waren Frauen bei ihrer ersten Heirat im Schnitt 32,6 Jahre alt und Männer 35,1 Jahre, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Bei beiden Geschlechtern sei damit ein Höchststand erreicht worden. 20 Jahre zuvor seien Frauen bei ihrem ersten Ja-Wort im Schnitt noch 3,8 Jahre jünger gewesen, Männer 3,3 Jahre. Der durchschnittliche Altersunterschied zwischen den Geschlechtern sank in dem Zeitraum von 3,0 Jahre auf 2,5 Jahre.
Gut 609 800 Menschen heirateten den Angaben zufolge im Jahr 2022 zum ersten Mal. 36 Prozent seien zu dem Zeitpunkt jünger als 30 gewesen. 20 Jahre zuvor betrug der Anteil noch 52 Prozent. Vor allem im mittleren und höheren Alter stieg die Lust aufs Heiraten: 2022 waren gut 10 Prozent bei der ersten Eheschließung 40 bis 49 Jahre alt, im Jahr 2002 waren es knapp 6 Prozent. Noch deutlicher stieg der Unterschied in der Altersgruppe 50 plus: von gut einem auf knapp sieben Prozent.
Zum Hintergrund der Entwicklung verwies das Bundesamt auf den veränderten Altersaufbau der Bevölkerung: Es stieg der Anteil der Menschen über 50 Jahre an der Gesamtbevölkerung - von gut 36 Prozent zum Jahresende 2002 auf knapp 45 Prozent 20 Jahre später.
Insgesamt entschieden sich im Jahr 2022 rund 781 500 Menschen für eine Eheschließung. 78 Prozent heirateten zum ersten Mal, gut 20 Prozent waren zuvor geschieden und gut 1 Prozent verwitwet. Knapp drei Prozent der Ehen schlossen Paare gleichen Geschlechts. (dpa)