TJeder packt an: Wie die Landjugend das Dorf zusammenhält
Pause für die fleißigen Mädels der Landjugend. Foto: Helfferich
Eine Woche vor Ostern sammelt die Landjugend Balje Gartenschnitt und Äste fürs Osterfeuer ein. Das ist nicht nur Arbeit, sondern macht auch Spaß - und erzählt, wie Balje tickt.
Balje. Kurz vor 9 Uhr sind die dunklen Regenwolken am Baljer Himmel verschwunden. Die Sonne luschert noch etwas verhalten durch das verhangene Grau. Da treffen die ersten Buschfahrer der Landjugend ein.
Auf dem Schützenplatz außendeichs sammeln sich die jungen Leute. Tuckernd kündigen sich die Trecker an. „Da kommt Tjell“, ruft Wiebke Junge, die Pressewartin des Vereins. Tjell hat eine knallrote Mulde dabei, der Wagen ist so groß, dass er über die Deichlinie ragt.
Seit den 80er-Jahren sammelt die Landjugend Busch
Es ist in Balje schon lange Tradition, dass eine Woche vor dem Osterfeuer Gartenschnitt und und Äste eingesammelt werden. Seit 1980 kümmert sich die Landjugend Balje darum. Und die Beteiligung ist gut.
Sieben Trecker stehen zur Verfügung, 35 Mitglieder haben sich fürs Buschfahren angemeldet. Und alle kommen, egal wie spät es am Abend zuvor wurde. Nach und nach trudeln sie ein: Die Mädels bringen Schüsseln mit Salat für die Mittagspause mit. Die Jungs schleppen kistenweise Getränke, große Behälter Gummibonbons und Prinzenrollen an. Letzteres sei unverzichtbar, erklärt Simon Pohl. Er und Paula Mahler sind die Vorsitzenden des Vereins.

Simon-Friedrich Pohl (20) und Paula Mahler (23) sind die Vorsitzenden der Landjugend Balje. Foto: Helfferich
Seit 1963 gibt es die Landjugend in Balje. 250 Mitglieder zählt sie, 50 sind aktiv dabei, Männer und Frauen gleichermaßen. Ein erheblicher Teil ist dem Verein eigentlich entwachsen, will ihn aber durch passive Mitgliedschaft weiter unterstützen. Die Landjugend hält in Balje die nachwachsende Generation zusammen. Egal welches Mitglied gefragt wird, was Balje so lebenswert macht: Die Antwort ist immer der Zusammenhalt. Und Zusammenhalt ist ein Stück Zukunft.
Dorfentwicklung
T So bewahren die Baljer ihr Dorf vor dem Ausbluten
Ortswehr Balje
T So viel Eigenleistung steckt in Baljes neuem Feuerwehrgerätehaus
68 Adressen wollen die Mitglieder an diesem Samstag anfahren. Simon hat am Vorabend auf Exceltabellen Spalte für Spalte eingetragen, wer wo Busch zum Abholen an die Straße gelegt hat und - ganz wichtig - wo der Umschlag mit dem Dankeschöngeld für die Landjugend deponiert ist.
Spenden finanzieren den Service der Landjugend
Das gesamte eingenommene Geld wird zur Deckung der Maschinenkosten und für die Verpflegung der Helfer verwendet. „Wir machen das Buschfahren für den Ort und für die Gemeinschaft, nicht um ein finanzielles Plus zu erwirtschaften“, sagt Pressesprecherin Wiebke Junge, „tendenziell machen wir beim Buschfahren eher Minus.“
Kurz vor 10 Uhr geht es schließlich los. „Passt aufeinander auf!“, gibt Paula Mahler mit auf den Weg. Wiebke und Wiebke übernehmen den Mädelstrupp mit zwei Treckern. „Der Mädelsanhänger hat sich über die Jahre etabliert“, sagt Wiebke. Souverän steigt sie in das Führerhaus. Landwirtin Wiebke Kühlcke übernimmt das Kommando auf dem zweiten Trecker - und los geht es.

Kampf mit der Natur: Buschholen am Elbdeich-West. Foto: Helfferich
Wiebke Junge ist 23 Jahre alt und in der Landwirtschaft groß geworden. „Mein Vater hatte mich gezwungen, den Treckerführerschein zu machen. Da war ich 15 und viel zu cool für so was.“ Jetzt ist sie froh, den Schlepper ihres Freundes mit Routine auf der schmalen Deichstraße lenken zu können. Landwirtin wurde sie dennoch nicht. Sie arbeitet bei der Stadt Stade in der Personalabteilung. „Das ist ein guter Kontrast zum Landleben“, sagt sie.
Haus für Haus wird die Deichstraße abgefahren und der Busch eingesammelt. Ohne Absprache reichen die einen den anderen den Schnitt nach oben in den Hänger. Paula wippt auf den Zweigen und Ästen hin und her, um sie zusammenzudrücken. Die Treckerfahrerin hakt auf der Exceltabelle ab, ob und wie viel Geld hinterlegt wurde. „Manche überweisen es auch im Vorwege oder reichen es nach. Schließlich ist es eine Spende“, erklärt sie. Und weiter geht’s.

Im Baljer Außendeich werden Zweige und Äste für das Osterfeuer zusammengeschoben. Foto: Helfferich
Schon bei der dritten Station ist der erste Hänger voll. Ab geht es durch den Außendeich zum Ort des Geschehens am Ostersamstag, wo um 20 Uhr das Osterfeuer der Landjugend entzündet werden soll. Die Fahrt durch die Nordkehdinger Weite wird durch das Wummern der Partyboxen auf dem Anhänger angetrieben. Aus den Pfützen spritzt das Regenwasser vom letzten Schauer hoch zum Trecker. Die Stimmung ist gut.
Warum Balje? Was ist das besondere an dem Ort kurz vor der Kreisgrenze? „Diese Weite, die unendliche Ruhe - und dennoch ist man nicht alleine. Wir haben Spaß und einen großen Zusammenhalt“, erklärt Wiebke. Selbst die Entfernung zur Arbeit scheut sie nicht. Und da ist sie auch nicht alleine, denn sie hat mit Paula eine Fahrgemeinschaft nach Stade. Paula arbeitet beim Landkreis.

Die Kolonne Wiebke im Einsatz: Wiebke Horwege, Wiebke Junge und Wiebke Kühlcke (von links). Foto: Helfferich
Weiter geht’s am Elbdeich-West. Das Kommando Wiebke - denn neben Wiebke J. und Wiebke K. gibt es noch Wiebke Horwege - stoppt vor dem Haus von Karin und Harry Kern, dem früheren Pastor. „Wir sind froh, dass uns die jungen Leute das abnehmen“, sagt Karin Kern, die schon einen Umschlag in der Hand hat. „Wir unterstützen die Landjugend gerne“, sagt sie.

Karin und Harry Kern freuen sich, dass die Landjugend den Busch direkt vor der Haustür abholt. Foto: Helfferich
So wird Anhänger um Anhänger gefüllt, geleert, und das Buschwerk türmt sich meterhoch in der Kehdinger Weite. Nach dem Buschfahren wird es bis zum Osterfeuer bewacht, „nicht dass es uns ein anderer abfackelt“, so Wiebke.
Um 13 Uhr ist Mittag. Die Traktoren parken auf dem Kirchplatz. Das Alte Schulhaus, das zuletzt Feuerwehrgerätehaus war, ist jetzt das Vereinsheim der Landjugend. Jeder findet einen Platz. Marie ist die Jüngste. „Ich bin zwar schon länger Mitglied, aber das erste Mal aktiv dabei“, erzählt die 15-Jährige. Was ihr gefällt? „Alle sind gut drauf. Ich will jetzt künftig öfter mitmachen.“

Thea (17) und Frieda (19, rechts): „Hier findet man immer jemanden, der was unternehmen will.“ Foto: Helfferich
Mit ihr am Tisch sitzen auch Frieda und Thea, 19 und 17 Jahre alt. Frieda wohnt in Hamburg und macht eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. Thea besucht noch das Gymnasium in Warstade. Für Frieda war es keine Frage, ob sie nach Hause kommt und beim Buschfahren mitmacht. „Ich fahre immer, wenn ich frei habe, nach Hause“, erzählt sie, „hier finde ich immer jemanden, der etwas unternehmen will.“

Lasse Beckmann (22), Landwirt aus Wischhafen: „Jeder kann sich auf den anderen verlassen.“ Foto: Helfferich
„Jeder kann sich auf den anderen verlassen.“ Lasse Beckmann, 22 Jahre alt und Landwirt in Wischhafen, lobt den Zusammenhalt, „egal was passiert“.

Wiebke Kühlcke (links) und Henrieke Horeis im Führerhaus. Foto: Helfferich

Buschholen am Elbdeich-West. Foto: Helfferich

35 Jungs und Mädels sammelten am Wochenende Gartenschnitt fürs Osterfeuer. Foto: Helfferich
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.