TKI im Kuhstall: So sorgen Landwirte für mehr Tierwohl
Sie wollen die digitale Unterstützung durch die Smaxtec-Boli nicht mehr missen: (v.l.) Landwirte Theo und Roel Ijkema und Berater Bernd Schwarting, der bei der Anwendung des Systems unterstützt. Foto: Vogt
Theo und Roel Ijkema setzen bei der Arbeit mit ihren 150 Milchkühen auf Sensoren, die Daten direkt im Inneren der Tiere erheben. Durch die Auswertung über eine künstliche Intelligenz können sie entstehende Krankheiten frühzeitig behandeln.
Waddens. Die 150 Milchkühe von Roel und Theo Ijkema in Waddens futtern friedlich vor sich hin. Genüssliches Kauen und Schmatzen ist im Stallgebäude an der Burhaver Straße zu hören, ab und zu scheppert das Fressgitter, wenn von hinten eine weitere Kuh dazukommt und die Nachbarin Platz am Futtertisch machen muss.
Nichts deutet darauf hin, dass von jedem einzelnen Tier pro Sekunde 150 Messpunkte in eine Cloud gesendet werden.
Man muss schon wissen, wonach man sucht, um die Basisstation zu finden, die in fast vier Meter Höhe an einem Holzpfeiler im Stall montiert ist.
Der weiße Plastikkasten, so groß wie ein üblicher WLAN-Router, hält den Kontakt zu den Boli - kleine weiße, kaum zehn Zentimeter lange Röhrchen, in denen sich eine Batterie, ein Sender, ein Bewegungsmelder und ein Thermometer befindet, das die Körpertemperatur der Kuh auf 0,01 Grad genau misst.
Aus dem Inneren der Kuh werden Daten in die Cloud gesendet
„Die Konstruktion ist so simpel, dass die Firma Smaxtec darauf noch nicht mal ein Patent anmelden kann“, sagt Bernd Schwarting, der für das Unternehmen als Berater im gesamten Nordwesten unterwegs ist und mittlerweile 300 Kunden betreut, bei denen das System im Einsatz ist.
Der Clou daran: Der Bolus befindet sich im Inneren der Kuh, wo er dauerhaft am tiefsten Punkt ihres Netzmagens liegt. Von dort werden täglich 13 Millionen Datenpunkte zu ihrer Körpertemperatur, ihren Bewegungen und ihrer Wasseraufnahme gemessen und über die Basisstation in eine Datencloud übertragen.
Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz werden sie mit Daten von einer Million weiteren Milchkühen weltweit abgeglichen und ausgewertet. „Und wenn meine Kuh Fieber bekommt, dann bekomme ich eine Meldung aufs Handy“, sagt Landwirt Theo Ijkema.
Durch die auf 0,01 Grad genaue Messung, die direkt im Körperinneren der Kuh erhoben wird, können sich anbahnende Entzündungen und Stoffwechselerkrankungen wie eine Euterentzündung oder Milchfieber so frühzeitig entdeckt werden, dass die Krankheiten oft gar nicht erst ausbrechen - im frühen Stadium können sie noch mit einfachen Mitteln wie Kalziumgaben behandelt werden.
„Man darf sich aber nicht von der Technik verrückt machen lassen“, schränkt Roel Ijkema ein. Denn die Daten sind das eine - die Interpretation das andere. Eine Temperaturerhöhung kann viele Ursachen haben. Es muss nicht immer eine Krankheit sein: Die Ursachen können auch im Fruchtbarkeitszyklus der Kuh oder an der Sommerhitze liegen, oder die Kuh hat einfach einen schlechten Tag. „Bei uns hat es ein paar Monate gedauert, bis wir gelernt haben, mit dem System umzugehen“, berichtet der junge Landwirt.
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Die Kühe sind gesünder und brauchen weniger Medikamente
Trotzdem stehen sowohl Roel wie auch sein Vater Theo Ijkema voll hinter dem System, das sie seit gut drei Jahren nutzen. Ihre Kühe sind seitdem deutlich gesünder, müssen seltener mit Antibiotika behandelt werden, und sie können sehr viel genauer sehen, wann der ideale Zeitpunkt gekommen ist, um die Kuh zu besamen.
Dazu misst der Bolus unter anderem die Bewegungsaktivität der Kuh, die deutlich zunimmt, wenn sie bullig wird. Manchmal umfasst der ideale Zeitpunkt nur wenige Stunden, und es kann sein, dass er nachts erreicht wird. Nur durch Beobachtung der Tiere, wie es bei den Ijkemas früher üblich war, wurde er dann verpasst - die Besamung blieb erfolglos und musste teils mehrfach wiederholt werden.
Ein großer Nutzen ist für die Landwirte außerdem die Meldung einer bevorstehenden Abkalbung, die sie mit 15 bis 30 Stunden Vorlauf auf ihr Handy bekommen. „Wenn das Kalb nach 30 Stunden noch nicht da ist, wissen wir, dass etwas nicht in Ordnung ist“, sagt Theo Ijkema. Eine 100-prozentig genaue Vorhersage gebe es nicht - aber eine 90-prozentige.
Mit Hilfe der Daten nach der Krankheitsursache suchen
Die Landwirte nutzen die Krankheitsdaten ihrer Kühe aber nicht nur dazu, frühzeitig gegenzusteuern, sondern auch für die Suche nach möglichen Ursachen. Die können vielfältig sein - sei es die Futterzusammensetzung, sei es die Hygiene im Melkstand, sei es die Wasseraufnahme der Kuh. Besonders wertvoll ist für die Ijkemas daher der Austausch mit anderen Landwirten, bei denen das Smaxtec-System ebenfalls im Einsatz ist.
Regelmäßig fahren sie zu den Bestandskundentreffen, die oft auf dem Betrieb eines Anwenders stattfinden, und zu denen zusätzlich Tierärzte und Futtermittelberater eingeladen werden. Außerdem gibt es Webinare, digitale Fortbildungen und natürlich die persönliche Beratung durch Mitarbeiter wie Bernd Schwarting.
Der Esenshammer ist selbst gelernter Landwirt, hat seinen Betrieb aber mittlerweile an seinen Sohn Tammo übergeben und ist seit vier Jahren für Smaxtec unterwegs, ein österreichisches Unternehmen. Das ist nicht ganz unwichtig für die Sicherheit der erhobenen Daten. „Alle Daten werden innerhalb der EU gespeichert“, betont Bernd Schwarting.
„Smaxtec betreibt in Österreich einen der größten Cloud-Dienste.“ Die erhobenen Daten gehören dem Landwirt und werden nur mit Einwilligung an Dritte wie den Tierarzt oder Anbieter von anderen Herdenmanagementsystemen weitergegeben, mit denen sich die Anwendung koppeln lässt.
Auch Tierärzte können die Gesundheitsdaten der Tiere nutzen
Denn aus den erhobenen Daten kann nicht nur der Landwirt etwas über den Gesundheitszustand seiner Tiere herauslesen. „2024 hätte man in Echtzeit verfolgen können, wie sich die Blauzungenkrankheit in der Region ausgebreitet hat“, sagt Bernd Schwarting.
Er weiß von einem Tierarzt in Ostfriesland, der - mit Erlaubnis - Zugriff auf die Daten von 15 Betrieben hat, die Smaxtec nutzen. Solange sie verantwortungsvoll mit den Daten umgehen, könnten Tierärzte auf diese Weise Krankheitsausbrüchen vorbeugen und gerade durch den Vergleich der unterschiedlichen Betriebe zu mehr Tiergesundheit beitragen.
Auf dem Laptop kann Roel Ijkema die Daten, die der Smaxtec-Bolus in der Kuh gemessen hat, mit weiteren Informationen ergänzen oder mit anderen Anwendungen koppeln. Foto: Vogt
Hat sich für die Ijkemas durch den Einsatz von Technik und KI etwas im Umgang mit ihren Kühen verändert? „Nein“, sagt Theo und muss nicht lange überlegen. „Wir haben den gleichen Kontakt zu den Kühen - vielleicht sogar noch etwas enger als vorher.“
Nach wie vor haben sie alle Tiere zweimal täglich direkt vor Augen - beim Melken am Morgen und beim Melken am Abend. „Die ersten Kühe im Melkstand sind immer die gleichen, und die letzten auch“, erzählt er. „Wenn eine Kuh, die immer erste ist, plötzlich als letzte kommt, dann ist etwas los - und der Smaxtec hilft Dir zu sehen, was der Grund ist.“

Über die Smaxtec-App bekommen Landwirte eine Nachricht auf ihr Handy, wenn sich bei einer ihrer Kühe eine Krankheit anbahnt. Foto: Vogt
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