Richter auf Krautsand

TKrautsands Insulaner und ihr Traum von der Unabhängigkeit

Als Hausmeister im Elbstrand Resort ist Götz Warneke auch am Strand unterwegs - zum Beispiel, wenn ein Strandkorb kaputtgeht.

Als Hausmeister im Elbstrand Resort ist Götz Warneke auch am Strand unterwegs - zum Beispiel, wenn ein Strandkorb kaputtgeht. Foto: Richter

„Unabhängigkeit für Krautsand“ - diese Flagge hat Anping Richter auf Krautsand vor einigen Häusern flattern sehen. An ihrem vierten Tag auf der Elbinsel erfährt sie: Das ist kein Scherz.

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Von Anping Richter
10.07.2026, 05:45 Uhr

Krautsand. Die Insulaner haben eine ganz eigene Identität. Wie tief das geht, habe ich per Zufall erfahren, und zwar wegen Olli Oltmanns Pullover. Bei unserer Insel-Radtour und windigem, nassem Wetter sah sein Hoodie nicht nur sehr gemütlich aus, sondern trug auch eine attraktive Aufschrift: Elbinsel Krautsand. Dazu die Koordinaten und den Slogan „nordisch unabhängig“. „Wo kriegt man so was?“, wollte ich wissen. Bei seinem Freund Svend-Jörk Sobolewski.

Hermann "Olli" Oltmann trägt einen der kultigen Krautsand-Hoodies.

Hermann "Olli" Oltmann trägt einen der kultigen Krautsand-Hoodies. Foto: Richter

Svend-Jörk - na klar, wir duzen uns - hat mir nicht nur den Hoodie verkauft, sondern auch die Geschichte dazu erzählt. Die war so spannend, dass ich zu spät zur nächsten Verabredung kam und am nächsten Tag trotzdem noch mal zu ihm musste.

Rallyefahrer von Krautsand bis China

Svend-Jörk ist aus mehreren Gründen in der Region ziemlich bekannt: Am Wochenende werden viele seine Stimme hören, wenn er bei den Niederelbe Classics in der Stader Altstadt als Sprecher am Mikrofon steht. Er ist selbst Oldtimer-Rallyefahrer und hat als Guide schon mehrere Touren über Sibirien bis nach China geführt. Mit dem Motorrad ist er auch schon in China gewesen, zusammen mit seiner Frau.

Außerdem betreibt Svend-Jörk das Krematorium in Stade, ist Autor des 2025 erschienenen Buchs „Das Zeitalter der Krematisten“ und hat ein Versicherungskontor auf Krautsand, vor dem die Unabhängigkeitsflagge weht. Nicht zuletzt war er im Jahr 2000 mal Weltmeister im Rasenmähertreckerfahren.

Krautsands Rasenmäher-WM hat internationale Folgen

Diese WM wurde viele Jahre auf Krautsand ausgetragen. 2001 kamen die Krautsander im WM-Rausch auf die Idee, sie könnten als Insel ihre Unabhängigkeit erklären. Brücken absperren, Zollstationen einrichten, fertig. Und warum sollte Krautsand nicht auch zum Steuerparadies werden? Was die Cayman-Islands können, können wir schon lange, dachten sich die Krautsander - zumindest an jenem Abend.

Dass zufällig ein Journalist vom Spiegel mithörte, bescherte der Idee unerwartete Wirkmacht. Vielleicht lag es auch daran, dass der Inselname für amerikanische Ohren sprechend ist, wegen des Rufnamens „Krauts“ für Deutsche. Wie auch immer: Jemand von der New York Times las den Spiegel-Artikel und begann zu recherchieren.

Der damalige (Drochterser) Bürgermeister Hans-Wilhelm Bösch, dessen Frau Krautsanderin war, spielte gerne mit und zeigte sich auskunftsfreudig. Und so kam es, dass die New York Times zur Feier der 225-jährigen Unabhängigkeit der USA eine Geschichte über eine kleine deutsche Insel brachte, die ebenfalls nach Unabhängigkeit strebte.

Die Kult-Hoodies gibt’s im Postladen in Drochtersen

Die Hoodies mit der Krautsand-Aufschrift gab es da schon. Sie wurden eigentlich für die Auftritte des Männer-Gesangvereins hergestellt, aber nun wurden sie Kult - und sind es bis heute. Zu kaufen sind sie übrigens im Postladen in Drochtersen.

Spaß beiseite: Die Krautsander fühlen sich nicht nur als besondere Gemeinschaft, sie handeln auch so, sagt Svend-Jörk. Zum Beispiel haben sie zusammen in sehr viel Eigenarbeit das Dorfgemeinschaftshaus gebaut.

„Wenn du die Krautsander brauchst, sind sie da“, sagt auch Götz Warneke, der Hausmeister des Elbstrand Resorts. Zu seinem Job kam er so, wie es hier oft läuft: Ein Freund empfahl ihn. Götz berichtet, wie im letzten Winter, der ungewöhnlich kalt war, ungefragt jemand aus dem Ort vorbeikam, um mit seinen Maschinen zu räumen. Wenn der Strand im September oder Oktober mal unerwartet überflutet wird, kommen viele Krautsander außerdem ungefragt, um beim Wegräumen der Strandkörbe und Beach-Bar-Möbel anzupacken.

„Wir sind gut vernetzt, so funktioniert das hier auch mit den Handwerkern richtig gut“, sagt Götz. Er und seine zwei Kollegen haben vielseitige Aufgaben, die weit über das Übliche hinausgehen.
So wird die Strandbar immer nach dem Drachenfest im Oktober pünktlich zur Sturmflutsaison per Kran entfernt und hinter der Ferienanlage abgestellt. Dort stellen sie im Winter eine Eisstockbahn auf. Die Punschbude dazu haben Götz und seine Kollegen kurzerhand selbst gebaut.

Typisch Krautsand: Ruhig und unbekümmert

„Die Leute von Krautsand haben immer so eine gewisse Ruhe und Unbekümmertheit“, findet Chantal Laskowski. Die Leiterin des Fitness- und Wellnessbereichs im Elbstrand Resort kommt aus Drochtersen, hat seit ihrer Schulzeit aber viele Krautsander in ihrem Freundeskreis.

Chantal und Götz sind schon lange Kollegen und seit den Anfängen des Elbstrand Resorts dabei. An der Elbstraße 1, wo jetzt Hotel und Ferienwohnungen stehen, gab es früher den legendären Gasthof Buhrfeind. Nah am Strand und am Schiffsanleger für die Dampfer aus Hamburg gelegen, bot Burfeind vor 150 Jahren ein ideales Ziel für die ersten Wellen des Krautsander Fremdenverkehrs.

Kollegen im Elbstrand Resort: Götz Warneke und Chantal Laskowski.

Kollegen im Elbstrand Resort: Götz Warneke und Chantal Laskowski. Foto: Richter

Das Hotel Buhrfeind stand schon lange leer, als sein Abriss und der Bau einer neuen Ferienanlage ab 2014 einen neuen Tourismusboom einläutete. An dieser Stelle müssen wir auf jemanden zu sprechen kommen, von dem ich auf Krautsand sehr oft gehört habe. Wie üblich ohne seinen Nachnamen: Rigo.

Das Elbstrand Resort wird immer größer

Die Rede ist von Rigo Gooßen. Der direkte Vorgesetzte und Ansprechpartner von Chantal und Götz ist zwar Geschäftsführer Timo Engelbrecht. Doch der Steuerberater und Präsident von D/A spielt beim Elbstrand Resort als Investor eine wichtige Rolle und ist natürlich auch Chef. Die Kapitäns-Suite, die die südliche Ecke des obersten Stockwerks einnimmt, wird von Insidern auch die Gooßen-Suite genannt.

Patricia von der Fischbude am Strand findet, die Suite ist nicht die schönste. Ihr gefällt eine andere am besten - in dem Hotel-Gebäudeteil, der in der Corona-Zeit aufgestockt wurde. In einem noch neueren Gebäude, das direkt am Außenpool liegt, gibt es drei Maisonette-Suiten, in denen die Gäste auf drei Etagen wohnen und schlafen können. Mit Privatsauna.

Sport- und Fitnessfachfrau Chantal Laskowski leitet den Fitness- und Wellnessbereich im Elbstrand Resort.

Sport- und Fitnessfachfrau Chantal Laskowski leitet den Fitness- und Wellnessbereich im Elbstrand Resort. Foto: Richter

Chantal Laskowski ist Sport- und Fitnesskauffrau und hat den Fitness- und Wellnessbereich im Elbstrand Resort mit aufgebaut. Der spielt für viele Krautsander eine wichtige Rolle. Der Fitness- und Wellness-Club hat 500 feste Mitglieder - und das bei einer Einwohnerstärke von 500 Menschen auf der ganzen Insel. Aber es kommen eben auch viele aus der Gegend zwischen Cuxhaven und Stade dazu.

Fitness und Spa - aber kein Einkaufsladen

Sie gäben sich Mühe mit Ausstattung, Instandhaltung und Sauberkeit, sagt Chantal: „Das wissen viele zu schätzen, auch wenn wir preislich etwas höher liegen. Außerdem kennen wir fast jeden mit Namen.“ Dann führt sie durch das blitzblanke Fitnessstudio mit 30 Grad warmem Innenpool, Sauna mit Innengarten, einem grünen Außengarten mit Pool und einer weiteren Außensauna. Es gibt auch ein breites Kursangebot von Power-Workout über Yoga bis Zumba.

Für Krautsands Infrastruktur ist das ein Gewinn. Essen gehen kann man im Restaurant Sandbank im Hotel, in den Strandbars und -buden am Strand und im Restaurant Krutsander im früheren Hotel Müller gegenüber der Kirche, wo Hermann Oltmann seine Hochzeit einst mit 180 Personen feierte. All diese Einrichtungen gehören zum Elbstrand Resort.

Zum Einkaufen müssen die Ortsansässigen allerdings nach Drochtersen fahren. Einen Einkaufsladen für Dinge des täglichen Bedarfs, zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen, hätten viele Krautsander gerne. Vielleicht sollten sie ihrem Ruf gerecht werden und sich zusammentun. Eine Inselladen-Genossenschaft - das wäre doch was.

Er liebt das Motorradfahren und fordert Freiheit für Krautsand: Svend-Jörk Sobolewski.

Er liebt das Motorradfahren und fordert Freiheit für Krautsand: Svend-Jörk Sobolewski. Foto: Richter

Bei Patricia Willomat in der Fischbude am Strand gibt es zum Fischbrötchen einen freundlichen Schnack.

Bei Patricia Willomat in der Fischbude am Strand gibt es zum Fischbrötchen einen freundlichen Schnack. Foto: Richter

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