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Autounfall

T„Mein Fuß lag anderthalb Meter neben mir“: Bennys Kampf zurück

Benjamin Schneider genießt einen sonnigen Tag zu Hause. Trotz Rollstuhls und zahlreicher Rückschläge versucht der 38-Jährige, seinen Humor nicht zu verlieren.

Benjamin Schneider genießt einen sonnigen Tag zu Hause. Trotz Rollstuhls und zahlreicher Rückschläge versucht der 38-Jährige, seinen Humor nicht zu verlieren. Foto: Willing

Mehr als 50 Operationen, zwei schwere Autounfälle, eine Querschnittslähmung: Für Benjamin Schneider aus Zeven geht es seit 18 Jahren immer wieder zurück auf Anfang. Hier will er seine Geschichte erzählen.

Von Pia Willing 23.08.2026, 14:55 Uhr

Zeven. Benjamin Schneider sitzt vor seinem Einfamilienhaus in Zeven. Die Sonne scheint, die Hunde laufen über den Hof, neben ihm steht ein Aschenbecher. Benny zieht an seinem Joint und erzählt mit einem Grinsen von seinem nächsten Faschingskostüm. Ein kräftiger, braun gebrannter Mann mit tätowierten Armen, mitten im Familienleben. Erst beim zweiten Hinsehen fällt auf: Er sitzt im Rollstuhl.

„Ich freue mich schon, als Captain Hook zu gehen“, sagt Benny. Dann schaut er auf seinen rechten Fuß. „Nur leider ist da noch ein Puls im großen Zeh.“ Er lacht. Bei Benny liegen schwarzer Humor und seine Krankheitsgeschichte ziemlich nah beieinander. „Man muss ja irgendwie damit umgehen.“

Mehr als 50 Operationen, zwei schwere Autounfälle, eine Querschnittslähmung, Jahre in Kliniken und Reha, eine massive Gewichtsabnahme und eine Sepsis liegen hinter ihm. Einige Eingriffe dauerten mehr als 30 Stunden.

Im Frühjahr wird ein kleiner Kratzer plötzlich lebensgefährlich

Eigentlich ist es nur eine kleine Stelle. Beim Gassigehen scheuert sein Schuh am Knöchel, die Haut ist aufgerieben. Doch sein rechter Fuß ist seit seinem ersten Unfall ein Schwachpunkt. Die Wundheilung macht immer wieder Probleme. Diesmal wird aus der kleinen Verletzung eine lebensgefährliche Infektion.

Ende Januar liegt Benny mit einer Sepsis im Krankenhaus. Drei Keime haben sich in seinem Körper ausgebreitet, der Knochen ist bereits betroffen. Eine Notoperation folgt, danach drei weitere Eingriffe innerhalb von zweieinhalb Wochen. Der Arzt sagt zu ihm: „Gut, dass du heute gekommen bist. Morgen wärst du nicht mehr gekommen.“

Im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide kämpfen die Mediziner darum, seinen Fuß zu erhalten. Der Chefarzt macht Benny Mut: „Wir retten das Ding.“

Heute wäre Benny den Fuß am liebsten los. Doch auch das ist nicht so einfach. Im großen Zeh ist noch ein Puls. Solange Blut durch den Fuß fließt, kommt eine Amputation nicht infrage. Denn Benny braucht die Nerven- und Muskelverbindungen seines Beins, um seine Knievollprothese anzusteuern. Eine Amputation weiter oben am Oberschenkel würde ihn deutlich stärker einschränken.

Ende Januar 2026 liegt Benjamin Schneider mit einer Sepsis im Krankenhaus – ausgelöst durch eine Wunde am rechten Sprunggelenk.

Ende Januar 2026 liegt Benjamin Schneider mit einer Sepsis im Krankenhaus – ausgelöst durch eine Wunde am rechten Sprunggelenk. Foto: privat

Sein rechter Fuß liegt anderthalb Meter neben ihm

Der erste große Einschnitt in Bennys Leben passiert 2008. Er ist 19 Jahre alt, liebt Autos, schraubt in seiner Freizeit und steht kurz davor, eine zweite Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker zu beginnen.

Dann ist er mit einem Freund auf einer Landstraße unterwegs. Mehr als 160 Kilometer pro Stunde. In einer Kurve kommen ihnen elf Radfahrer entgegen. Der Fahrer reißt das Lenkrad herum. Das Auto gerät ins Schleudern. Zwei Eichen. Mehrere Überschläge. Feuer.

Ich bin damals dreimal gestorben.

Benjamin Schneider (38)

„Mein Fuß lag anderthalb Meter neben mir“, sagt Benny. Er wird aus dem Wagen gerissen und prallt gegen einen Baum. Sein Herz setzt aus. Nach Erzählungen aus dem Krankenhaus wird er rund 45 Minuten wiederbelebt. „Ich bin damals dreimal gestorben.“

Die Ärzte holen ihn zurück. Und sie nähen seinen Fuß wieder an. Er bleibt – bis heute.

Fünf Jahre Rollstuhl, neun Jahre bis zum ersten Schritt

Nach dem Unfall ist Benny querschnittsgelähmt. Er muss vieles neu lernen: laufen, schreiben, sprechen. Auch Teile seiner Erinnerung sind verschwunden. „Meine ganze Kindheit ist eigentlich weg. Ich kenne vieles nur aus Erzählungen“, sagt Benny.

Fünf Jahre verbringt er im Rollstuhl. Langsam kommen Bewegungen zurück. Aus der Querschnittslähmung wird eine Teillähmung. Ab der Mitte des Oberschenkels kann Benny Wärme und Kälte bis heute kaum noch wahrnehmen. Seit seinem 19. Lebensjahr gilt er deshalb als schwerbehindert und ist Frührentner. Neun Jahre nach dem Unfall schafft er es endlich wieder, selbstständig zu laufen.

Als Vater wollte er immer mehr sein als nur Zuschauer

Gerade scheint Benny dort angekommen zu sein, wo er immer hin wollte: mitten im Familienleben. Er ist verheiratet, seine Frau Sabrina erwartet ihr zweites Kind. Theo soll bald geboren werden. Dann passiert es wieder.

2020 ist Benny auf dem Rückweg von einem Freund, als ihn bei einem Überholmanöver ein anderes Auto schneidet. Wieder eine Landstraße. Wieder ein Baum. Sein Kopf prallt mehrfach gegen die Frontscheibe, Knie, Fuß und Arm werden zertrümmert. „Meine Frau hat jetzt immer Angst, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin“, sagt er.

Zwei Wochen später kommt Theo zur Welt. Benny ist zwar wieder zu Hause, doch vom Familienalltag ist er weit entfernt. Windeln wechseln, den Kleinen hochheben, ihn herumtragen – vieles, was für andere Eltern selbstverständlich ist, wird für ihn zur Herausforderung. „Ich habe zwei Jahre danebengesessen und anderen zugesehen, wie sie mit meinem Sohn spielen“, sagt Benny.

Dazu kommen die Medikamente und die fehlende Bewegung. Sein Gewicht steigt immer weiter. Bei der Einschulung seiner Tochter bringt Benny 230 Kilogramm auf die Waage. „Ich hatte keinen Hals mehr“, sagt Benny. Irgendwann macht sein Körper nicht mehr mit: Es kommt zum akuten Organversagen.

140 Kilo weniger – doch der Leidensweg geht weiter

2022 fasst Benny einen Entschluss: So soll es nicht weitergehen. Sein Leben soll nicht länger von Krankenhausaufenthalten und Schmerzen bestimmt werden. Er lässt sich einen Schlauchmagen anlegen und verliert mehr als 140 Kilogramm.

230 Kilogramm wiegt Benjamin Schneider im Oktober 2022, kurz bevor die Magenoperation sein Leben verändern soll.

230 Kilogramm wiegt Benjamin Schneider im Oktober 2022, kurz bevor die Magenoperation sein Leben verändern soll. Foto: privat

Plötzlich geht wieder mehr. Benny beginnt Sport zu treiben, steigt aufs Fahrrad und fährt bis zu 70 Kilometer am Tag. 2024 bekommt er eine Knievollprothese. Ein Jahr später lässt er überschüssige Haut abnehmen. Bei der Bauchdeckenstraffung werden 11,5 Kilogramm entfernt, kurz darauf folgt ein Eingriff an der Brust.

Für Benny ist das mehr als eine optische Veränderung. „Ich konnte das erste Mal wieder im Stehen pinkeln“, sagt er und grinst. Anfang 2026 fühlt er sich schließlich so gut wie lange nicht. „Ich hatte endlich meine Bikinifigur“, sagt Benny. Dann kommt die Sepsis.

Doch auch nach der akuten Lebensgefahr ist keine Besserung in Sicht. Der Fuß soll versteift werden, das Hauttransplantat macht weiterhin Probleme. Und auch die massive Gewichtsabnahme hat Spuren hinterlassen. Benny kämpft inzwischen mit Bulimie. Er muss sich häufig übergeben und ist manchmal schon froh, wenn seine Medikamente überhaupt im Körper bleiben.

Anfang 2025 zeigt die Waage fast 130 Kilogramm weniger an. Für Benjamin Schneider beginnt ein völlig neues Körpergefühl.

Anfang 2025 zeigt die Waage fast 130 Kilogramm weniger an. Für Benjamin Schneider beginnt ein völlig neues Körpergefühl. Foto: privat

Warum auf einmal Millionen Menschen mitlesen

Während seiner Krankenhausaufenthalte beginnt Benny, seine Gedanken auf Facebook und Instagram zu teilen. „Ich habe angefangen, über meinen Scheiß einfach mal zu schreiben.“ Über das, was seit 2008 passiert ist. Über Schmerzen, Angst und die Tage, an denen ihm selbst die Kraft fehlt. „Über meine Psyche kann ich nicht sprechen. Nur schreiben.“

Dann passiert etwas, womit er nicht gerechnet hat. Innerhalb weniger Wochen werden seine Beiträge mehr als 1,6 Millionen Mal aufgerufen. Menschen sprechen ihn auf der Straße an, schreiben ihm und erzählen ihm ihre eigenen Geschichten. Inzwischen melden sich Menschen aus ganz Deutschland bei ihm.

Sein Arbeitstitel für ein mögliches Buch über sein Leben steht deshalb längst fest: „Gemeinsam gegen einsam“, sagt Benny. Denn er möchte mit seinen Texten nicht zeigen, wie stark er ist. Er möchte zeigen, dass niemand jeden Tag stark sein muss – und dass es manchmal schon hilft, wenn jemand da ist, der zuhört.

Vielleicht passt der Titel auch deshalb so gut. Der 38-Jährige kämpft längst nicht alleine. Da ist seine Familie. Und vor allem Sabrina. „Meine Frau sieht, was ich brauche, obwohl ich es gar nicht sage“, sagt Benny.

Er braucht Hilfe – seine Kinder sehen einen Helden

Theo bringt seinem Papa die Schuhe. Einfach so. Damit Mama das nicht auch noch machen muss. Für den Jungen ist das keine große Sache. Helfen gehört für ihn einfach dazu. Benny schaut seinem Sohn hinterher. „Ich möchte kein Influencer sein. Ich bin Familienpapa“, sagt er.

Sein größter Wunsch klingt dabei erstaunlich einfach: „Ich möchte wieder Vater und Ehemann sein. Der Fels in der Brandung. Nicht der Lauch, der von seiner Familie gestützt werden muss“, sagt Benny.

Sabrina hört ihm zu. Dann laufen ihr Tränen über die Wangen. „Für die Kinder bist du immer Held gewesen“, sagt sie. Sie macht eine kurze Pause. „Und das wirst du auch immer sein.“

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