TMit Lampe, Decke und Kamera: Er ist den Lost Places auf der Spur
Jürgen Schütte beschäftigt sich schon länger mit sogenannten Lost Places. Dabei gilt für den Fotografen: Betritt er einen Lost Place, hinterlässt er ihn, wie er ihn vorgefunden hat. Foto: Katnic
Stillgelegte Fabriken, verlassene Villen und Bunkeranlagen faszinieren Jürgen Schütte. Viele Lost Places hat er schon erkundet – auch in Hamburg und Umgebung.
Hamburg. Sie nennen sich Urban Explorer oder kurz Urbexer. Der Reisejournalist und Fotograf Jürgen Schütte ist einer von ihnen. Eines der Objekte, die er gut kennt, steht in Hamburg auf dem Ohlsdorfer Friedhof: das Mausoleum der Hamburger Kaufmannsfamilie Schröder. Es wurde 1906 für 111.000 Reichsmark errichtet. Heute steht es unter Denkmalschutz - und ist einsturzgefährdet.
Das Mausoleum steht auf dem Ohlsdorfer Friedhof und verfällt seit Jahren. Dabei steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Foto: Katnic
Ein Zaun und ein gelbes Hinweisschild sollen dafür sorgen, dass es niemand betrifft. Aus einem zerbrochenen Fenster ragt die Spitze eines Baumes, der im Inneren gewachsen ist. Solche Anblicke sind für Schütte keine Seltenheit.
Ehemalige Gummifabrik in Harburg hat Schütte auch schon erkundet
„Oft gehen die Dächer bei stillgelegten Gebäuden als erstes kaputt, dann dringt Feuchtigkeit ein und es beginnen Pflanzen im Innenraum zu wachsen“, erzählt Schütte. Der 61-Jährige beschäftigt sich seit rund drei Jahren intensiv mit Lost Places, hält Vorträge dazu und steht in Kontakt mit anderen Urbexern.
In Hamburg war der gebürtige Essener schon mehrfach unterwegs, um sich neben dem Mausoleum auch die ehemalige Gummifabrik in Harburg anzusehen. Sie ist seit 2009 stillgelegt, und die Hallen sind mittlerweile überall mit Graffitis beschmiert.
Lost Places sind immer wieder Zielscheibe von Vandalismus
Immer wieder übernachten dort auch Obdachlose oder Drogensüchtige. „Auch solche Situationen habe ich bei meinen Touren öfter erlebt“, erzählt Schütte. Manchmal würden die Besucher in den Lost Places auch vandalieren. In den vergangenen Jahren habe er dutzende Male gelesen, dass ein Lost Place abgebrannt ist, weil jemand dort ein Feuer gelegt oder unachtsam eine Zigarette weggeworfen hat.
So viele legale Lost Places gibt es in Hamburg
Wenn Schütte einen Lost Place betritt, hinterlässt er ihn, wie er ihn vorgefunden hat. „Die echten Urbexer halten sich an den Ehrencode. Sie gehen rein, machen ihre Fotos und hinterlassen nichts, außer ihren Fußabdrücken“, erzählt er. In Deutschland gebe es rund 100 und in Hamburg circa 30 legale Lost Places, die man besuchen kann.
Schütte übernachtet sogar in verlassenen Gebäuden
Schüttes Faszination für die Lost Places stammt aus seiner frühsten Kindheit: „Mit ungefähr zehn Jahren habe ich das verlassene Fabrikgebäude der Firma Krupp in meiner Heimatstadt Essen erkundet“, erzählt er. Die besondere Atmosphäre habe ihn schon damals gefesselt. Nach seiner Ausbildung zum Chemiefacharbeiter und zwei Semestern Studium, habe er angefangen zu reisen und im Zuge dessen die Neugier für neue Kulturen und spannende Orte entdeckt.
Lesen Sie auch
- Bunkerklinik im Stader Nachbarkreis
- Was sich in Harburgs geheimnisvollem Atombunker verbirgt
- Der Atomschutzbunker im S-Bahnhof Harburg-Rathaus
In seinem dunkelgrünen Bulli hat Jürgen Schütte immer Taschenlampen, Decken, ein Stativ und eine Spiegelreflexkamera dabei. Auf seinen Erkundungstouren macht der Fotojournalist viele Aufnahmen. Manchmal übernachtet er sogar nach Absprache mit den Besitzern in den Gebäuden, um die nächtliche Stimmung an den verlassenen Orten zu spüren. Das Fotografieren gehört für ihn beim Erkunden der Lost Places dazu.
Mit der Kamera wartet er auf das richtige Licht
An manchen Orten braucht er dafür Stunden. Daher sei er oft alleine unterwegs, um niemandem zuzumuten, lange auf ihn warten zu müssen. „Wenn ich fotografiere, achte ich zum Beispiel ganz genau auf das Licht“, schildert er. Wenn er zu Lost Places fahre, gehe es ihm aber nicht nur um ein paar schöne Motive, sondern auch um die Geschichte hinter den Gebäuden.
Darum recherchiert Schütte die Hintergründe zu den Lost Places. Manchmal hat er Glück und findet sogar die Besitzer oder Menschen, die wissen, wer dort mal gelebt hat. Seiner Erfahrung nach kommt es häufig dazu, dass Orte zu Ruinen werden, weil es in der Familie zu Erbstreitigkeiten gekommen ist und sich niemand mehr um das Gebäude kümmert.
Bei Firmen seien das oft Insolvenzen. „Meistens werden noch die Maschinen rausgeräumt, da sie einen Wert haben, aber der Rest bleibt einfach stehen“, schildert Jürgen Schütte.
Tipp für Einsteiger: Nicht alleine gehen – Lost Place im Kreis Stade
Neuen Urban-Explorern empfiehlt Schütte, zum Einstieg in die Thematik zunächst öffentliche Lost-Places zu besuchen. Und: Immer zu zweit losgehen. „Wenn man alleine in einem Gebäude ist und es passiert etwas, ist niemand da, der Hilfe rufen kann“, betont er.
Ein ebenfalls sehenswerter Lost Place liegt im Kreis Stade: die Festung Grauerort in Abbenfleth. Das Fort wurde 1869 bis 1879 von den Preußen errichtet.
In der denkmalgeschützten Anlage werden Führungen angeboten. Mehr Infos gibt es unter www.grauerort.com Weitere Lost Places in ganz Deutschland findet man im Internet unter www.go2know.de.
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.