TMit vergessenen Namen fing es an: Bianka Langes Kampf mit Long Covid
Über die Jahre hat Bianka Lange gelernt, mit ihrer Diagnose zu leben. Foto: Buchmann
Die Selbstzweifel der Dollernerin wuchsen, die Gedächtnisprobleme schob sie auf Stress. Als sie die Diagnose Long Covid bekam, war Bianka Lange vor allem eines: erleichtert.
Dollern. Es gibt sie in jedem Betrieb: Arbeitskollegen, die gefühlt nie krank sind. Bianka Lange war eine von ihnen, fast 40 Jahre lang. 2021 erkrankte die Erzieherin das erste Mal an Covid, trotz Dreifach-Impfung.
Zwei weitere Infektionen folgten, fesselten die Dollernerin mit Fieber ans Bett. 2023 musste sie schweren Herzens das gemeinsame Weihnachten mit dem Enkelkind absagen. Welche Spuren die Krankheit in ihrem Leben hinterlassen würde, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt nicht.
Ein voller Terminkalender und ein Herz für Pinguine
Bianka Lange hat ein Händchen fürs Organisieren. Das brauchte die gebürtige Lübeckerin auch: Zwei Töchter großziehen, eine Kita in Jork leiten und sich über Jahrzehnte in der Kommunalpolitik oder als Vorsitzende im Dollerner Bürgerverein zu engagieren, stemmt man nicht einfach mal nebenbei.
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Dazwischen fand Lange trotzdem noch Zeit, um in Krimis zu versinken oder Ausschau nach neuen Pinguin-Sammelstücken zu halten. Für die hat sie nämlich eine Schwäche.
Vergessene Namen sorgen für Selbstzweifel
Seit der letzten Covid-Erkrankung veränderte sich ihr Leben merklich. „Ich hatte Defizite am Arbeitsplatz“, sagt Bianka Lange. Es habe ihr Sorgen bereitet, dass sie immer wieder Dinge oder Namen vergaß. „Das kann doch nicht sein, dass du das nicht mehr weißt“, habe sie sich oft gedacht.

Zu Hause auf dem Sofa: Im April 2025 ahnte Bianka Lange noch nicht, dass sie nach dem Neustart bald ihren Lieblingsberuf als Erzieherin aufgeben muss. Foto: Buchmann/Archiv
Die Selbstzweifel wuchsen, die Krankheitstage häuften sich. Um ein Buch zu lesen, brauchte sie „unheimlich lange“. Bianka Lange fand keine Erklärung dafür. Sie habe versucht, die Probleme zu ignorieren, schob es auf den alltäglichen Stress. Doch das half nicht.
Nach Monaten die Diagnose: Long Covid
Ihr Hausarzt unterstützte Bianka Lange. So fand sie schnell einen Reha-Platz, um ihren Körper wieder fit zu machen und das Gedächtnis zu trainieren. Woran sie litt, erfuhr Lange erst aus dem Entlassungsbericht im Herbst 2024: Long Covid.
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Als sie die Diagnose bekam, sei ihr ein Stein vom Herzen gefallen. „Meine schlimmste Angst war, dass es Demenz sein könnte“, sagt sie. Mit dieser Diagnose konnte sie arbeiten. Klein beigeben war für Bianka Lange ohnehin keine Option: „Es bringt nichts, darüber zu jammern.“ Schließlich wolle sie ein Leben führen, das lebenswert ist.
Weitermachen im Lieblingsberuf nicht möglich
Im Januar 2025 wagte Bianka Lange einen beruflichen Neuanfang. „Nur zu Hause sitzen kann ich nicht“, gesteht sie. Mit reduzierten Stunden und ohne Leitungsaufgaben wechselte sie innerhalb des Kita-Trägers die Einrichtung. Anfangs sei sie noch motiviert gewesen, habe sich in Dienstbesprechungen eigene Protokolle geschrieben. Doch je weiter das Jahr voranschritt, desto schwerer fiel ihr die Arbeit.
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„Ich habe drei Monate gebraucht, um mir die Namen aller Kinder der Gruppe zu merken. Dabei waren es gerade mal 15 Kinder“, sagt Bianka Lange resigniert. Es habe sich abgezeichnet, dass sie so nicht mehr in diesem Beruf arbeiten könne, den sie so sehr liebe. Nach einem Jahr zog sie schweren Herzens die Reißleine. „Ich wollte meine Kollegen und die Kinder damit nicht mehr belasten“, gesteht Bianka Lange mit ruhiger Stimme.
Gedächtnistraining per App und kleine Witze
Trotz dieses Rückschlags kämpft die 62-Jährige weiter. Ihr Leben sei durch Long Covid nicht zusammengebrochen, „man organisiert sich nur anders“. Sie sei nur kognitiv beeinträchtigt, trainiert mit einer rezeptpflichtigen App zweimal wöchentlich ihr Gedächtnis.
Auch eine Selbsthilfegruppe habe Bianka Lange ausprobiert, sei nach einigen Besuchen jedoch nicht mehr hingegangen. „Danach ging es mir immer schlechter als vorher“, gesteht sie.
Long Covid gehört jetzt zu meinem Leben.
Bianka Lange aus Dollern
Vor ihr liege noch ein langer Weg, den sie optimistisch antritt: „Ich habe immer mitten im Leben gestanden, das wird sich nicht ändern.“ Ihre Familie stehe hinter ihr, ihre Töchter necken sie liebevoll mit kleinen Witzen, wenn ihre Mutter mal wieder etwas vergisst.
Ehrenämter und Familie geben Halt
„Nur so lässt es sich ertragen“, sagt sie. Ihre Krankheit totzuschweigen ergibt für Lange keinen Sinn. „Es gibt keine Impfung dagegen und es geht nicht mehr weg“, sagt Bianka Lange. „Long Covid gehört jetzt zu meinem Leben.“
In den Beruf zurückzugehen, plane sie nicht. Aktuell überlege sie, ob sie erneut in eine Reha oder früher in Rente geht. Langeweile fürchtet Bianka Lange nicht. Sie habe ihre Ehrenämter im Dollerner Gemeinderat und der Samtgemeinde sowie im Bürgerverein Dollern.
Außerdem hätten sie und ihr Ehemann sich zu Beginn der Corona-Pandemie ein Wohnmobil zugelegt. Ihre Lieblingsziele für spontane Ausfahrten: die Nordsee, die Ostsee oder nach Greifswald zu den Enkeln.
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