TNo-Buy-Month: Weniger ist mehr - oder doch nur weniger?
Diesen Monat wird auf allen überflüssigen Luxus verzichtet: Der Warenkorb bleibt - sowohl offline als auch online - vorerst leer. Foto: Willing
Ein Monat ohne neue Käufe - wie fühlt sich das an? Zwischen Versuchung, kleinen Freuden und neuen Gewohnheiten. Was passiert, wenn Konsum plötzlich keine Lösung mehr ist?
Zeven. Schade, dass Konsum in unserer Gesellschaft heute so wichtig ist. Menschen springen direkt auf SALE-Schilder an, markieren sich den Black Friday dick und fett im Kalender und behandeln den Sommerschlussverkauf wie eine fünfte Jahreszeit.
Und auch meine No-Buy-Month-Challenge beginnt - wie jede gute Challenge - mit einem Widerspruch. Eine Woche vor dem Start meines Experiments habe ich gekauft, was nicht niet- und nagelfest war.
Ein Coffeetable-Buch über japanische Architektur und Design (weil: „Inspiration ist auch ein Lebensgefühl“), zwei neue Pullover (weil: „Ich habe ja sonst nichts“) und eine Vase, die aussieht wie ein Koi-Karpfen in der Farbe Tuscan Sun. Kunst, denke ich. Ironie, sagt mein Gewissen.
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Zur Einordnung: Es geht hier nicht um den ewigen Konsumrausch oder wöchentliche Paketberge. Ich kaufe nicht übermäßig viel, aber ab und zu gönne ich mir etwas - für die Seele. Eigentlich eher Qualität vor Quantität.
Aber wer kennt es nicht: Einmal im Shoppingrausch schaltet sich das Gehirn aus. Dinge, die man nebenbei kauft, werden zum emotionalen Snack.
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Woche 1: Kaufentzug und Kerzenkoller
Ich wache auf und fühle mich stark. Minimalistisch. Kontrolliert. Mit meinem Jutebeutel gehe ich auf den Markt, ignoriere dekorative Trockengestecke und stelle mir vor, wie mein Konto vor Freude hüpft. Alles, was ich kaufe, ist erlaubt: Lebensmittel, Klopapier, Zahnpasta. Ich atme moralische Überlegenheit.
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Doch schon am dritten Tag bleibe ich zehn Minuten vor einem Schaufenster stehen. Ein Kerzenständer aus mattem Porzellan, weiß, mit einem feinen Relief - das stilisierte Gesicht einer Frau. Oben ragt eine bunt geringelte Stabkerze wie ein Gedankenfaden aus ihrem Kopf.
Er würde perfekt in meine Altbauwohnung passen. Der Gedanke an warmen Kerzenschein ist verlockend. Und doch bleibe ich prinzipientreu.
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Denn beim No-Buy-Month verzichtet man bewusst auf alle Käufe, die nicht wirklich nötig sind. Es geht darum, die Macht über den eigenen Konsum zurückzugewinnen und sich von überflüssigem Besitz zu lösen.
So wie ich zielstrebig mit meinem Jutebeutel auf den Markt gehe - standhaft wie ein Fels im Shopping-Sturm, auch wenn ein wunderschöner Kerzenständer verlockend im Schaufenster nach mir ruft.
Woche 2: Vermeidungstaktik und Blutorangenseife
Mein Browser weiß nicht, was los ist. Kein Zalando, kein Etsy, nicht mal ein kleiner dm-Ausflug. Stattdessen verweile ich auf Rezeptseiten und backe Bananenbrot, mit einem Ehrgeiz, den ich gelegentlich sonst nur für Sale-Events aufbringe. Ich lese die Zutatenliste auf der Hafermilch-Verpackung. Nicht aus Ernährungswahn, sondern weil ich gerade nichts anderes zum Analysieren habe.
Wo früher die Produktbeschreibung einer handgefertigten Espressotasse meine Aufmerksamkeit fesselte, betrachte ich nun den Ballaststoffgehalt wie einen Romananfang. Ich suche etwas zum Ablenken - und die Verpackungsliteratur von Pflanzenmilch kommt meiner Lage erschreckend entgegen.
Ich meide Drogerien wie emotionale Minenfelder, vollgepackt mit Angeboten, die sich als Selbstfürsorge tarnen: Pastellfarbene Cremetuben, limitierte Editionen von Badezusätzen, Lippenpflege mit Honig-Glitzer-Zauber - sie alle flüstern: Du brauchst mich.
Am Samstag möchte ich mich belohnen. Für … das Durchhalten, die Disziplin, das bloße Atmen. Ich streichle im Bioladen länger als gesellschaftlich akzeptiert über eine Naturseife mit Blutorangen-Kardamom-Duft.
Aber auch hier bleibe ich konsequent. Ich kaufe nur Datteln. Und eine Ökopostkarte, weil die gratis war - Werbung für ein Yoga-Event, auf Recyclingpapier mit einem Achtsamkeitsspruch in kursiver Schrift, der mich irgendwie berührt und gleichzeitig aggressiv anlächelt. „Alles, was du suchst, ist bereits in dir.“ Passt ja, wollte eh nichts mehr kaufen heute. Seufz.
Eine weitere Erkenntnis: Besitz ist nicht nur Freude, sondern verlangt auch Pflege, Platz und zieht manchmal schlechtes Gewissen nach sich - wie die nie benutzte Brotbackmaschine, die im Schrank verstaubt.
Andererseits: Die romantische Vorstellung, nur Dinge zu behalten, die wirklich glücklich machen, klingt zwar gut - scheitert aber spätestens am Nagelknipser. Ganz ehrlich: Der war noch nie ein Glücksbringer.
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Woche 3: Die große Versuchung und das kreative Comeback
Ich bin auf Instagram. Großer Fehler. Meine Timeline ist ein Laufsteg aus Dingen, die ich nicht brauche, aber jetzt will. Eine Influencerin hält ein „minimalistisches Ordnungssystem“ in die Kamera - drei stapelbare Boxen aus geöltem Nussbaumholz mit goldenen Metallschildern zur Beschriftung. Ich spüre ein Ziehen in der Seele. Mein Gewissen ruft: „Du hast Kisten!“ Ich flüstere: „Aber nicht mit Etiketten.“
Am Abend ertappe ich mich dabei, wie ich in der Küche stehe, einen Marmeladenglasdeckel abschraube und murmele: „Könnte man bemalen.“ Und plötzlich wird aus dem Deckel ein Teelichthalter, aus dem alten Stoffrest ein Wandbehang.
Ich fange an zu basteln - aus dem, was andere wegwerfen würden - ja, aber mit Charakter. Ich spüre, wie mein Kopf sich entwirrt, während meine Hände falten, wickeln, kleben. Kreativität, die sonst im Warenkorb verpufft, darf sich jetzt auf Küchentisch und Fensterbrett ausbreiten.
Ich fühle mich wie eine Mischung aus DIY-Queen und stiller Rebellin gegen das Kaufen-müssen. Später schneide ich sogar die Shampooflasche auf, um den letzten Klecks rauszulöffeln, verwende Lippenstift als Rouge und recherchiere im Internet, welche Hausmittel sich zweckentfremden lassen.
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Woche 4: Gelernte Routinen und der stille Widerstand
Der No-Buy-Month neigt sich dem Ende zu. Ich spüre ihn wie eine Diät, bei der man langsam vergisst, wie Schokokuchen schmeckt. Stattdessen entstehen leise Alternativen: Ich gehe spazieren.
Ich trinke Leitungswasser aus Weingläsern - nicht, weil es edler schmeckt, sondern weil ich mir einrede, dass Stil den Mangel kaschiert. Ich führe Gespräche, die nicht bei „Und das hab ich übrigens auch neu“ enden, sondern bei „wann ein T-Shirt offiziell als Vintage gilt“.
Am letzten Tag setze ich mich vor den Laptop. Ich atme tief durch. Ich öffne meinen Lieblingsshop. Mein Finger schwebt über „In den Warenkorb“. Doch ich schließe das Fenster. Nicht aus eiserner Disziplin. Sondern weil ich ehrlich gesagt vergessen habe, was ich kaufen wollte.
Und ich frage mich: War das gerade wirklich ein Verzicht oder nur der Verlust einer gelernten Routine? Ein Reflex, der nicht mehr zündet? Und wenn ich es nicht mehr weiß, kann es ja wohl kaum wichtig gewesen sein. Oder etwa doch? Ich lehne mich zurück. Zum ersten Mal fühlt sich das Nicht-Kaufen nicht nach Einschränkung an, sondern nach Freiheit.
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Fazit: Zwischen Konto und Kopf
Ein No-Buy-Month ist keine Erleuchtung. Es ist ein stilles Hinterfragen, manchmal auch ein Durchhalten. Und die Überraschung, wie viel Zeit frei wird, wenn man nicht ständig an Versandbestätigungen denkt - und entdeckt, was man alles zum Putzen nutzen kann, zum Beispiel Backpulver.
Mein Konto sieht besser aus. Mein Bad wirkt leerer. Und mein Kopf? Der hat gelernt: Nicht jeder Wunsch muss in Bubblewrap geliefert werden. Was katastrophal mit Panikkäufen begann, endete in Erfahrung. Das Schönste daran? Der Genuss, sich später wieder ganz bewusst etwas zu gönnen - nicht aus Impuls, sondern aus echtem Wunsch.
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Ich blicke auf die Postkarte aus dem Bioladen, die inzwischen über meinem Schreibtisch hängt: „Alles, was du suchst, ist bereits in dir.“ Schmunzelnd philosophiere ich weiter: Verzicht ist keine Strafe, sondern die Kunst, das nächste „Brauchen“ erst einmal auf die Warteliste zu setzen.
„No-Buy-Month“: TikTok entdeckt den Konsumverzicht
Beim No-Buy-Month - oder dem radikaleren No Buy Year - wird für einen festgelegten Zeitraum nur das Nötigste gekauft. Neue Kleidung, Deko und Coffee-to-go bleiben außen vor, stattdessen nutzt man, was vorhanden ist.
Auf TikTok zeigen vor allem junge Nutzer in kurzen Clips, wie sie Versuchungen widerstehen. Der Trend steht für Sparsamkeit, Nachhaltigkeit und den Wunsch, dem Kaufimpuls zu entkommen - oft mit einem Augenzwinkern.