TPlattdeutsches Theater: In Hüll wachsen Kinder über sich hinaus
Noch liest Carlotta Schilling ihren Text ab. Zum Auftritt kann sie ihn auswendig. Foto: Wertgen
Manche verstehen kein Wort Plattdeutsch, andere sind in der dritten Generation dabei. Alle bleiben. Was die Bühne in Hüll mit Kindern macht, ist besonders.
Hüll. Carlotta Schilling hat ein strammes Programm. Montags tanzt sie, dienstags spielt sie Theater - und fährt danach noch zum Chor. Mittwochs wird voltigiert, donnerstags ist Kunstturnen. „Also, ich habe eine volle Woche“, sagt die Achtjährige und lacht.
Dass das Theater in Hüll dazugekommen ist, hat sie ihren Eltern zu verdanken. Ihre Mutter erkannte das schauspielerische Talent früh, ihr Vater las, dass es wieder eine Kindergruppe gibt - und meldete sie an.
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Corona bremste Kindergruppe aus
Wieder. Denn die Hüller Theoterspeeler hatten lange keine Kinder mehr auf der Bühne. Seit den 1990er Jahren gab es die Gruppe „Plitsch un Platt“, bis Corona sie stoppte. Die Auftritte wurden verboten, die Gruppe löste sich auf.
Nach der Pandemie waren die alten Mitglieder herausgewachsen oder hatten kein Interesse mehr. Sandra Schlobohm, die die Gruppe leitete, fand keine Mitstreiterin. Bis Petra Keßler kam und Hilfe anbot.
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„Plitsch un Platt“: 24 leuchtende Augen
Im Herbst 2025 verteilten die beiden einen humorvoll gestalteten Flyer in der Grundschule in Dornbusch. Die lockere Art schlug an. Direkt am ersten Tag kamen neun Kinder. Beim zweiten Mal waren es zwölf.
Alle sind geblieben: elf Mädchen, ein Junge, zwischen fünf und zwölf Jahren, aus Hüll, Oederquart, Dornbusch, Großenwörden. Und wenn sie ins Gemeindehaus kommen, die Bühne sehen und die Kostüme - dann leuchten ihre Augen.

Nach den Aufführungen im März geht die Gruppe in die Sommerpause und ab Herbst in die neue Saison. Foto: Wertgen
Carlotta versteht nichts
Carlotta gehört dazu - und ihre Geschichte ist die eines Neulings. Die Familie ist aus Hamburg nach Großenwörden gezogen, der Vater in Speyer aufgewachsen. Er spricht Pfälzisch. Plattdeutsch kennt in der Familie keiner.
Dass die Theatergruppe in Hüll auf Platt spielt, wusste Carlotta vor dem ersten Mal nicht so genau. „Hä? Was ist das?“, dachte sie, als sie die Regionalsprache zum ersten Mal hörte. „Ich habe manchmal gar nichts verstanden, was die dann gesabbelt haben.“
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Sie stellte sich vor, was gemeint sein könnte - und lag meistens falsch. Heute findet sie Platt „ein bisschen lustig“. Manchmal, gibt sie offen zu, denkt sie sich: „Okay, jetzt wäre ich doch lieber in einer Gruppe, in der Hochdeutsch gesprochen wird.“ Trotzdem ist sie geblieben. Wegen der netten Leute. Und wegen Schlubi, wie alle Sandra Schlobohm nennen.

Die jüngeren Schauspielerinnen sind erst fünf und die älteren bereits 12 Jahre alt. Foto: Wertgen
Plattdeutsch in der dritten Generation
Stine Büther ist ein anderes Kind der Gruppe - und ihr Weg dorthin könnte kaum unterschiedlicher sein. Ihre Mutter spielte einst selbst bei „Plitsch un Platt“ und später bei den Erwachsenen. Ihr Opa steht ebenfalls auf der Bühne, setzt in diesem Jahr jedoch aus. Die Oma spricht Plattdeutsch.
Die 9-Jährige ist die dritte Generation, die auf diese Bühne tritt. Richtig Platt sprechen kann sie nicht - aber ihren Sketch kann sie auswendig.
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Den Zettel mit dem Text trägt sie zwar in der Tasche, braucht ihn auf der Bühne aber nicht. Vorher einmal drüberlesen reicht. Einen Lieblingssatz hat sie: „Na dat mutt ik woll uk als selbstständige Geschäftsfru“ - weil sie sich dabei eitel durchs Haar streicht. Warum sie mitmacht? „Es ist einfach cool, auf einer Bühne zu stehen, wenn einem die Leute zugucken.“

Johanna Weber hat in ihrer Rolle als Lina nur ein Eis abbekommen, ihre Schwester Lilli dafür zwei. Foto: Wertgen
Kinder dürfen kreativ sein
Vor den Proben ist Gewusel. Die Kinder verkleiden sich, wollen Aufgaben übernehmen, haben tausend Fragen. Sobald die Probe für einen Sketch beginnt, kehrt Stille ein. Schlobohm muss nicht darum bitten. Das Gespür dafür haben die Kinder selbst.
Die verschiedenen Sketche sind vorgegeben, ihre Rollen durften sie sich selbst aussuchen. Wie sie ihren Charakter spielen, was sie anziehen - das entscheiden die Kinder mit. „Sie werden bei allem einbezogen“, sagt Schlobohm.
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Ab April ist Pause
In der ersten Runde spielen die Kinder frei, in der zweiten Probe folgen Tipps - auch dazu, wie sie auf Applaus reagieren: kurze Pause, nicht einfach weiterreden.
Im März spielen die Kinder vor dem Bühnenstück der Erwachsenen - danach Pause, Sommer, andere Hobbys stehen im Vordergrund. Ob im Herbst alle wiederkommen? „Ich glaube nicht, dass jemand abspringt“, sagt Schlobohm. „Die haben echt Bock.“
„Obwohl ich das gefühlt schon 100 Mal gemacht habe“
Carlotta hat für ihren Sketch einen langen Sprechanteil. Das sei gar nicht so leicht. Sie spielt ein raffiniertes Mädchen, das es schafft, gleich zwei Eiskugeln umsonst zu bekommen.
Sie ist vor dem ersten Auftritt aufgeregt - „obwohl ich das gefühlt schon 100 Mal gemacht habe“. Sie zählt Turn- und Voltigier-Auftritte dazu, die vielen Stunden Probe. Und doch: Diese Bühne hier ist neu.
Was auf ihr passiert, ist für die Erwachsenen immer wieder magisch. Schlobohm erinnert sich an ein Mädchen aus einer früheren Gruppe. Es hatte Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben, war deshalb schüchtern. „Das wusste ich gar nicht. Ich habe sie spielen sehen und das war ihr gar nicht anzumerken“, ist Vorsitzender Wilfried Mahler beeindruckt.
Schlobohm und Keßler erleben das heute wieder. Bereits vor dem ersten Auftritt hätten die Kinder mehr Selbstbewusstsein entwickelt. Im Gemeinschaftshaus in Hüll kann man eben Kindern beim Wachsen zuschauen.
Termine der De Hüller Theoterspeeler
- Samstag, 7.3.2026 - 14 und 20 Uhr
- Sonntag, 8.3.2026 - 14 Uhr
- Freitag, 13.3.2026 - 20 Uhr
- Samstag, 14.3.2026 - 14 und 20 Uhr
- Samstag, 21.3.2026 - 14 und 20 Uhr
- Sonntag, 22.3.2026 - 14 Uhr
- Freitag, 27.3.2026 - 20 Uhr
- Samstag, 28.3.2026 - 14 und 20 Uhr
Es gibt nur noch wenige Restkarten bei Annika Raspe unter 04775/ 222763 oder annikaraspe839@gmail.com.
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