TReizgas-Attacke? Gäste und Disco-Betreiber sind schockiert
Martin (links) und Jannis Roes sind noch geschockt von den Ereignissen: „Wir müssen das erst einmal sacken lassen.“ Foto: Bliedtner
Das Erlebte steckt den Besuchern noch in den Knochen: Nach dem Reizgas-Vorfall in der Diskothek Roes in Lintig kehren sie zurück, um ihre Jacken abzuholen. Die Betreiber loben Helfer und Gäste.
Landkreis Cuxhaven. Gäste und Betreiber berichten, wie sie die Räumung erlebt haben – und warum es aus ihrer Sicht noch viel schlimmer hätte kommen können.
Am Tag danach ist es ruhig in der Diskothek Roes. Wo in der Nacht noch mehrere Hundert Menschen gefeiert haben, holen am Sonntag Besucher ihre zurückgelassenen Jacken ab. Viele von ihnen versuchen noch, zu verarbeiten, was wenige Stunden zuvor passiert ist.
Am Morgen hatten Landrat Thorsten Krüger und Niklas Grebe von der Stadt Geestland vorbeigeschaut, um sich zu erkundigen, wie die Lage ist. Grebe brachte auch Grüße von Geestlands Bürgermeisterin Gabi Kasten mit, die verhindert war. „Es ist toll, wenn die Rückendeckung da ist“, freut sich Familie Roes.
Gegen 2.25 Uhr war nach bisherigen Erkenntnissen in der Diskothek eine stark reizende Substanz versprüht worden. Zahlreiche Gäste klagten anschließend über Atemwegsreizungen und andere Beschwerden. Der Rettungsdienst löste wegen der zunächst unübersichtlichen Lage einen sogenannten Massenanfall an Verletzten aus. Sechs Menschen wurden nach bisherigen Angaben verletzt, zwei davon schwer. Die Polizei ermittelt. Ein 19-Jähriger aus Loxstedt war als Tatverdächtiger zunächst festgenommen worden, wurde aber später wieder freigelassen. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.
Sophia und Joris waren in dem Moment auf der Toilette, als die Situation eskalierte. „Wir haben nur gesehen, dass alle rausgelaufen sind und sind dann einfach mit rausgegangen“, erzählt Sophia. Für sie sei es „auf jeden Fall ein Schockmoment“ gewesen.
„Dann wussten wir, dass irgendwas nicht stimmt“
Zunächst hätten sie von dem Vorfall kaum etwas mitbekommen. Das änderte sich, als sie den Flur betraten. „Da hat man schon etwas gerochen“, sagt Joris. Beim Einatmen habe die Substanz sofort die Atemwege gereizt. „Es ging direkt in den Hals rein. Dann wussten wir, dass irgendwas nicht stimmt.“
Die Gruppe machte sich zusammen mit den anderen Gästen auf den Weg nach draußen. „Es war auf jeden Fall ein richtiger Panikmoment“, sagt Sophia. Niemand habe gewusst, wie er reagieren solle. Glücklicherweise seien ihre Freunde zu diesem Zeitpunkt alle zusammen gewesen. „Wir waren alle in Atemnot.“

Janne Wilkens (links) und Janina Roes kümmern sich um die Jacken, die die Gäste am Tag danach abholen. Foto: Bliedtner
Auch für das Personal kam der Vorfall völlig überraschend. Janina arbeitete in dieser Nacht an der Garderobe. Als sie aus der Küche in den Veranstaltungsbereich kam, habe sie die Wirkung der Substanz unmittelbar gespürt. „Man hat so schlecht Luft bekommen. Man hat nur noch gehustet.“
Sie zog sich zunächst in die Küche zurück, trank etwas und ging anschließend nach draußen. Dort habe das Personal versucht, den Gästen zu helfen und Wasser zu verteilen.
Gäste verlassen Diskothek über Notausgänge
Trotz der dramatischen Situation berichten Mitarbeiter und Betreiber davon, dass die Räumung insgesamt ruhig verlaufen sei. Niemand sei gestürzt oder zu Boden gegangen. Die Gäste hätten die Diskothek über die Notausgänge verlassen.
Auch Betreiber Martin Roes und sein Sohn Jannis zeigen sich am Tag danach erleichtert darüber. Kurz zuvor sei die Stimmung im Saal noch ausgelassen gewesen. „Die jungen Leute haben wirklich gut gefeiert“, sagt er. Umso schwerer sei zu begreifen, was anschließend vorgefallen sei.
Vor allem eines beschäftigt ihn: dass offenbar jemand bewusst in Kauf genommen habe, Menschen zu verletzen. „Für mich ist unfassbar, wie eine Person oder eine kleine Gruppe den ganzen Abend zerstören kann und dabei in Kauf nimmt, dass junge Leute verletzt werden.“ Einen vergleichbaren Vorfall habe es in der Diskothek bislang nicht gegeben.
Sein Sohn Jannis Roes war zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Versprühens nicht direkt auf der Tanzfläche. Er hatte Wechselgeld geholt. Als er zurückkam, seien ihm bereits viele Menschen entgegengekommen.

Reporter Dirk Bliedtner von der Nordsee-Zeitung im Gespräch mit Gästen der Disco. Foto: Kul
Was ihn dabei überraschte: Trotz der Lage hätten die Besucher die Diskothek vergleichsweise ruhig verlassen. Kurz darauf habe auch er den beißenden Geruch wahrgenommen.
Betreiber: „Ruckzuck waren alle draußen“
Das Personal habe sofort reagiert. „Wir haben alle Notausgänge geöffnet“, sagt Jannis Roes. Anschließend seien die Räume kontrolliert worden, um sicherzustellen, dass niemand zurückgeblieben war. „Wir sind alle Ecken und alle Räume abgegangen.“
Die Räumung sei sehr schnell erfolgt. „Ruckzuck waren alle draußen. Das ist das Wichtigste.“ Niemand habe aus dem Gebäude geborgen werden müssen.
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Auch Martin Roes lobt das Verhalten der Gäste und den Einsatz der Rettungskräfte. Es habe viele Rückmeldungen gegeben, dass Besucher sich gegenseitig geholfen hätten. Dass trotz der Situation keine unkontrollierte Massenpanik entstanden sei, sei aus seiner Sicht entscheidend gewesen.
Draußen zeigte sich dennoch, wie sehr der Vorfall viele Gäste mitgenommen hatte. Einige mussten sich übergeben, andere klagten über Atemwegs- oder Augenreizungen. Jannis Roes vermutet, dass bei manchen Betroffenen mehrere Faktoren zusammengekommen seien – die Reizung durch die Substanz, der Schock und teilweise auch Alkoholkonsum.
Können strengere Kontrollen einen solchen Vorfall verhindern?
Bereits wenige Stunden später wird in sozialen Netzwerken darüber diskutiert, ob die Sicherheitskontrollen in Diskotheken verschärft werden müssten.
Jannis Roes sagt, dass Taschen bereits kontrolliert würden. Eine hundertprozentige Sicherheit lasse sich damit allerdings kaum erreichen. Kleine Spraydosen könnten leicht verborgen werden. „Das ist fast unmöglich, da eine hundertprozentige Garantie zu geben.“
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Auch Martin Roes schließt nicht aus, die bestehenden Abläufe noch einmal zu überprüfen. Gleichzeitig warnt er vor der Vorstellung, jedes Risiko vollständig ausschließen zu können.
Für die Betreiber steht zunächst die Aufarbeitung der Nacht im Vordergrund. „Wir müssen das erst einmal sacken lassen“, sagt Martin Roes. Auch sie selbst seien noch geschockt.
Familie Roes erhofft sich Klarheit durch Ermittlungen
Von den Ermittlungen erhoffen sie sich nun vor allem Klarheit darüber, wer für den Vorfall verantwortlich ist. Ob eine einzelne Person oder mehrere Menschen dahinterstecken, können sie nach eigenen Angaben nicht beurteilen.
Am Tag danach überwog bei ihnen deshalb zunächst die Erleichterung darüber, dass die Räumung funktioniert hat und die Folgen nicht noch schwerwiegender waren. Martin Roes sagt: „Wir hätten uns den Abend wesentlich besser vorgestellt.“ Gleichzeitig sei allen bewusst, dass die Nacht noch sehr viel dramatischer hätte enden können.
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