TSchiff gesunken, Ladung ramponiert? Dann rücken diese Spezialisten an
Dieter Reichelt in seinem Revier: In den Häfen dieser Welt prüft der Sachverständige unter anderem Container, Hafenanlagen und Schiffe. Foto: KMR Survey
Brasilien oder Spanien: Dieter Reichelt und sein Team von KMR Survey aus Bremerhaven sind weltweit im Einsatz, wenn es in der Schifffahrt schon zu spät ist. Sie kämpfen gegen Versicherungsbetrug.
Bremerhaven. Einen Gesprächstermin bei Dieter Reichelt und seiner Firma KMR Marine Surveyors, kurz KMR Survey, zu bekommen, ist nicht leicht. „Der ist gerade aus Polen wiedergekommen, muss gleich zu einer Havarie-Ermittlung nach Wilhelmshaven“, sagt einer seiner Angestellten am Telefon.
Die Nummer der Firma ist rund um die Uhr besetzt, zu jeder Tages- und Nachtzeit nimmt jemand ab. Unter anderem, weil es viele Kunden aus dem Ausland gibt - und damit auch Zeitverschiebung. Am Ende klappt es aber doch mit einem Interviewtermin, auch wenn Reichelts Handy während unseres Gesprächs das ein oder andere Mal vibriert.
Im Team sind Ingenieure, Nautiker, Kapitäne und Quereinsteiger
„Marine Surveyor“ heißt frei übersetzt so viel wie „Gutachter für den maritimen Bereich“. Bedeutet: Wenn irgendwo auf der Welt ein Schiff sinkt, eine Hafenanlage geprüft oder eine Ladung begutachtet werden muss, kommen Dieter Reichelt und seine Kollegen zum Einsatz. Da kann es auch mal passieren, dass sie mitten in der Nacht in ein Flugzeug nach Brasilien oder ein Auto Richtung Rotterdamer Hafen steigen müssen.

Dieter Reichelt ist Diplom-Wirtschaftsingenieur. Schiffe, Hafenanlagen und Offshore sind das täglich Brot des Sachverständigen. Foto: Polgesek
Das kleine Team von KMR Survey besteht aus Ingenieuren, Nautikern, Kapitänen und Quereinsteigern. Reichelt selbst ist Diplom-Wirtschaftsingenieur und bestellter und vereidigter Sachverständiger für Ursachen und Feststellung von Güterschäden bei Seetransport.
Angefordert von Versicherungen, Transportunternehmen und Werften
Reichelts Arbeit ist ähnlich der eines Kfz-Sachverständigen, der bei Autounfällen zurate gezogen wird. Nur, dass bei ihm vom kleinen Segelboot bis zum Containerriesen alles dabei ist. „Früher haben wir mehr Schadensaufnahmen gemacht, heute sind die Leute vorsichtiger und wir arbeiten auch viel präventiv“, erzählt er. Reichelt und sein Team prüfen zum Beispiel, ob Teile richtig verbaut oder Ladung sicher befestigt wurde. Als unabhängige Sachverständige werden sie von Terminalbetreibern, Werften, Logistikunternehmen, Versicherungen, Reedereien und Privatpersonen in der ganzen Welt angefordert.
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„Manchmal gibt es keine Unternehmen vor Ort, oft ist es aber einfach so, dass die Auftraggeber auf die deutsche Sorgfalt setzen und dann lieber einen Gutachter aus Deutschland anfordern“, erklärt der 52-Jährige. Aber auch in heimischen Häfen, sei es in Bremerhaven, Wilhelmshaven oder Hamburg, sind er und sein Team im Einsatz. „Wir kommen, wenn Container oder Kajen beschädigt werden, ein Schiff sinkt oder die Entladung von Rotorblättern für Windkraftanlagen beaufsichtigt werden muss“, nennt Reichelt einige Beispiele.
Bei einigen Fällen sind mehrere Gutachter und weitere Experten im Einsatz
Bei Schiffsschäden können die Gutachter aber nur bis zu einem gewissen Maß handeln. „Dann kommt manchmal noch der Klasse-Besichtiger dazu. Eine Klassifizierung ist quasi der Schiffs-TÜV“, erklärt er. Dieser Besichtiger entscheidet dann, ob ein Schiff weiterfahren darf oder zur Reparatur in die Werft kommt.

Wenn Ware in einem Container beschädigt ist, muss oft der gesamte Inhalt überprüft werden. Foto: KMR Survey
Neben KMR Survey gibt es in Bremerhaven noch weitere Firmen mit maritimen Gutachtern. „Jeder hat aber so seine eigenen Spezialgebiete, sodass man sich nicht ins Gehege kommt - manchmal trifft man sich auch bei Einsätzen“, berichtet er.
Denn ab und zu kommen auch mehrere Sachverständige von verschiedenen Firmen an einem Ort zusammen. „Einer wird vom Eigner der Ware bestellt, einer vom Terminalvertreter, einer vom Transportversicherer und so weiter.“
Einfuhrbestimmungen nicht eingehalten - besonderer Fall in Brasilien
Ein Fall ist Dieter Reichelt besonders im Kopf geblieben. „Coca-Cola hat in Rio de Janeiro eine Abfüllanlage gebaut und die Maschinen dafür in Deutschland bestellt. Auch da setzen viele Firmen auf made in Germany“, so Reichelt. „Die Maschinen wurden also in Deutschland verpackt, zur Ladungssicherung wurden Holzbalken verwendet, das ist üblich“. Problem: Für Holz gelten in vielen Ländern strenge Einfuhrbestimmungen, da das Risiko groß ist, Ungeziefer einzuschleppen. Behandeltes Holz erhält ein Gütesiegel. „Beim Entladen der ersten Container wurde festgestellt, dass das Siegel fehlt und die Ware durfte den Hafen nicht verlassen.“
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Der Liegeplatz kostet Gebühren. „Das Verpackungsunternehmen hat mich angefordert und ich musste jeden einzelnen Container prüfen. Es gab die Vermutung, dass das Siegel mutmaßlich entfernt wurde, um Gebühren für die Lagerfläche zu kassieren.“ Denn: je länger Container im Hafen liegen, desto teurer wird es. Der Maschinenbauer forderte vom Verpackungsunternehmen Schadensersatz in Millionenhöhe. Wer letztlich schuld war, darüber schweigt Reichelt. „Am Ende konnte ich jedenfalls erreichen, dass das Holz an Ort und Stelle verbrannt wird und die Container den Hafen verlassen durften. Bis es aber soweit war, sind vier Wochen vergangen“, berichtet er. „Die erste Woche habe ich nur am Strand gesessen und Caipirinha getrunken“, sagt er und lacht. „Bis die Verantwortlichkeiten geklärt sind, kann es manchmal dauern.“
Werften auf die Finger schauen und Versicherungsbetrug vermeiden
„Manchmal werden wir auch von Versicherungen angefordert, um den Reparaturfortschritt zu beobachten und zu prüfen, ob die Werftkosten wirklich so hoch sind, wie von einem anderen Gutachter errechnet. Leider wird da auch viel Schmu gemacht und Leute machen sich mit Versicherungsbetrug die Taschen richtig voll“, erläutert er.

Transportschäden sind sein täglich Brot: Dieter Reichelt muss als Sachverständiger oft den Schuldigen ermitteln. Foto: KMR Survey
Die Einsatzdauer variiert – von einigen Stunden bis zu mehreren Wochen. Wenn das Telefon klingelt, muss es schnell gehen. „Neulich habe ich an einem Donnerstagvormittag einen Anruf aus Spanien bekommen und war am Freitagnachmittag da“, sagt er. „Dann werden Flüge gebucht, Hotel und Mietwagen gebucht und los geht‘s“. Manchmal geht KMR in Vorkasse, oft wird aber erst im Nachhinein eine Rechnung gestellt. „Und da ist das Problem - manche haben Zahlungsfristen von 90 bis 120 Tagen, bei einigen warten wir seit Monaten auf das Geld“, bedauert er. „Seit Corona ist das ganz schlimm geworden. Das betrifft nicht nur Firmen aus dem Ausland“, sagt er. „Viele deutsche Unternehmen müssen jetzt die Corona-Hilfen zurückzahlen und da kann es dauern, bis wir unser Geld haben.“
Jeder Tag ist anders - und kaum mit einem Familienleben zu vereinbaren
Neben den „normalen“ Einsätzen erstellt Reichelt außerdem Gerichtsgutachten. „Wir haben etwa 50 Fälle im Monat, davon rund 70 Prozent in Deutschland und 30 Prozent im Ausland“, berichtet er. Manchmal verbringt er auch den Heiligabend oder Silvester auf einem Schiff oder Containerterminal. Der gebürtige Düsseldorfer weiß eigentlich nie, was der Tag bringt und was ihn bei einem Einsatz genau erwartet. Der Job ist anstrengend, erfordert viel Flexibilität und ist kaum mit einem normalen Familienleben vereinbar. „Ich bin froh, dass ich hier Leute im Backoffice habe, auf die ich mich verlassen kann und alles regeln, wenn ich mal im Auslandseinsatz bin oder im Urlaub. Und dass ich seit 30 Jahren meine Katja habe, die das alles mitmacht“. Ehefrau Katja Reichelt betreibt im unteren Teil des KMR-Firmengebäudes im Fischereihafen das Bistro „Albert‘s am Platz“. Kinder hat das Paar keine.
Trotz aller Anstrengungen liebt Dieter Reichelt seinen Job. „Ich wollte immer was Abwechslungsreiches machen, wo ich viel unterwegs bin. Und ich bin froh, dass wir mit unserer Arbeit einen Teil zur maritimen Wirtschaft beitragen können“, sagt er.