TSofa statt Disco: Warum junge Leute nicht mehr feiern gehen
So sieht es heutzutage nicht mehr auf vielen Partys aus. Immer öfter müssen Discos wegen fehlender Besucher schließen. Foto: Wenzel
Clubs bleiben leer, Diskotheken sterben: Hat Feiern gehen und Party machen heute keinen großen Stellenwert mehr? Das sagen junge Menschen aus der Region.
Kreis Rotenburg. Während des Gesprächs über seine Freizeitgestaltung stellt Till Dodenhoff aus Elsdorf fest, dass er vor ein paar Jahren öfter auf Partys gegangen ist. „Wenn ich jetzt darüber nachdenke, war ich wirklich lange nicht mehr in einer Disco“, reflektiert der 25-Jährige. Aber in eine Disco zieht ihn auch nichts mehr, stellt er weiter fest.
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„Ich gehe lieber auf private Partys wie Geburtstagsfeiern. Da kenne ich die Menschen“, sagt der Student. Für ihn spielt die Sicherheit eine große Rolle. Auf Zeltfeten hat er schon öfter Stress und Prügeleien mitbekommen. „In einer Disco kann man sich nicht so gut unterhalten“, führt er weiter aus.
Viele Termine, die wichtiger sind als Party machen
Den Hauptgrund, warum er kaum noch Discos und Clubs besucht, sieht er jedoch woanders. „Ich habe so viele andere Termine und bin manchmal froh, wenn am Wochenende nichts anliegt oder ich einfach nur mit meiner Freundin ganz entspannt ins Kino gehe“, sagt Till Dodenhoff.
Der Alkoholverzehr, der am nächsten Tag auch schon mal für Kopfschmerzen sorgen kann, hält ihn ebenfalls oft vom Partymachen ab. „Da bin ich lieber am nächsten Tag fit.“
Partys im eigenen Dorf sind beliebt und werden immer mehr
Wenn im eigenen Dorf oder in den umliegenden Orten Feiern organisiert werden, unterstützt der gelernte Anlagenmechaniker die Partys gern. Er ist selbst Teil der Landjugend Elsdorf und der Dorfjugend Groß Meckelsen und hilft, wo er kann.
„Seit kurzem werden die Veranstaltungen in unseren Dörfern wieder mehr, und das finde ich super. Hier war vor ein paar Jahren nichts los, aber jetzt werden endlich mal wieder Partys auf die Beine gestellt.“
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Dass er lieber die Veranstaltungen in der Nähe besucht, hat nicht nur damit zu tun, dass dort die Preise günstiger sind. Viel mehr spielt der umständliche Weg in die Stadt eine Rolle.
„Wir haben auf dem Dorf kaum öffentliche Verkehrsmittel, das heißt, man braucht immer einen Fahrer zum Zug. Dann muss ich die Uhrzeit im Blick haben, da die Züge nicht so häufig fahren“, sagt Till Dodenhoff.
Deshalb plant er das Feiern in der Stadt lange im Voraus und verbindet es meistens mit anderen Unternehmungen und Ausflügen mit Freunden.
Um neue Leute kennenzulernen, sind Partys eine gute Möglichkeit
Allerdings hält der 25-Jährige Veranstaltungen immer noch für eine gute Möglichkeit, um neue Leute kennenzulernen. Seiner jetzigen Freundin ist er zum ersten Mal bei einer großen Party begegnet. „Die Leute sind dort einfach lockerer und das Kennenlernen fällt leichter“, meint er.
Gemütliche und entspannte Abende sind beliebter als Partys
Der 27-jährige Steffen Nabert aus Zeven hat eine klare Haltung zu Partys. Ihn hat es noch nie gereizt, eine Disco oder Zeltparty zu besuchen. „Ich war ein- oder zweimal feiern, aber es hat mich nie begeistert. Mir ist die Musik zu laut, unterhalten kann man sich überhaupt nicht“, findet er.
Wohl fühlt sich der Fachangestellte für Bäderbetriebe unter den vielen Leuten ebenfalls nicht. „Ich verbringe die Zeit lieber mit meiner Familie, schaue gemütlich einen Film“, so Steffen Nabert weiter.
Am liebsten trifft er sich mit seinen Freunden aus dem Werder-Bremen-Fanclub. Dort ist eine überschaubare Anzahl von Leuten, mit denen er gern über Fußball fachsimpelt.
Mit Alkohol habe ich nichts am Hut.
Steffen Nabert (27) aus Zeven
„Ich bin schon immer ein ruhiger Typ gewesen. Auch mit Alkohol habe ich nichts am Hut“, so der 27-Jährige weiter, der in seiner Freizeit nicht nur regelmäßig das Fitnessstudio besucht, sondern auch als ehrenamtlicher Schiedsrichter unterwegs ist.
„Die Fußballspiele sind oft am Wochenende. Wenn ich pfeife, muss ich auch fit sein und keinen Kater haben oder müde sein“, findet er.
Belästigung und Grenzüberschreitungen auf Partys
Die 22-jährige Marie studiert Soziale Arbeit in Bremen. Wegen ihres Studiums ist sie aus dem Süden Niedersachsens in die Hansestadt gezogen. Oft feiern geht sie nicht, vielleicht zwei- oder dreimal im Monat, schätzt sie. Als sie noch zu jung für eine Disco war, hat sie sich das Partymachen schöner vorgestellt. Als sie dann das erste Mal unterwegs war, war sie enttäuscht.
„Feiern macht mir nicht so viel Spaß. Ich mag die Musik meistens nicht und unter den vielen Leuten fühle ich mich unwohl und unsicher“, sagt Marie.
Außerdem läuft sie nicht gern allein oder nur zu zweit spätabends durch die Stadt. „Meine Freundinnen sehen das genauso. Deshalb machen wir lieber zu Hause einen gemütlichen Abend zusammen oder treffen uns in einer Bar.“
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Hinzu kommt, dass sie auf Partys schlechte Erfahrungen gemacht und gefährliche Situationen erlebt hat. Sie berichtet von Belästigung, unangenehmen Berührungen und Grenzüberschreitungen.
„Ich habe mal auf einer Party mit einem Typen geknutscht. Als ich aufhören und weggehen wollte, hat er das nicht respektiert. Ich habe wirklich Angst bekommen. Zum Glück hat meine Freundin mich gefunden und gerettet“, erinnert sie sich.
Feiern, filmen, fotografieren: Alles landet sofort auf Social Media
Eine weitere Sache, die sie auf Partys immer mehr stört: die Handy-Nutzung der anderen Gäste. „In Discos fällt mir immer mehr auf, dass die Leute nur noch auf ihr Handy schauen oder fotografieren und filmen. Alles wird sofort auf Social Media geteilt. Einmal hat ein Mädchen auf der Tanzfläche sogar ihr Ringlicht herausgeholt“, erzählt sie. Dass sie auf Fotos oder Videos im Internet auftauchen könnte, stört Marie nicht nur, es ist sogar gefährlich für sie. Seit sie 17 ist, hat sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie.
„Zu Hause bin ich sicher“
Keiner ihrer Verwandten weiß, wo sie ist und Marie möchte, dass das so bleibt. Wenn jemand aus ihrer Familie sie auf einem Video oder Foto erkennt, könnte sie in Bremen gefunden werden.
Deshalb tanzt Marie lieber in der eigenen Wohnung als in einer Disco. „Zu Hause bin ich sicher und kann die Musik hören, die mir gefällt“, sagt sie.
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