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TSternenkinder: Vom kleinen Gräpel aus wird großer Trost verschickt

Behutsam packt Melanie Hesse-Völkner das Set aus winzigem Cape, Moon und Erinnerungsstücken zusammen.

Behutsam packt Melanie Hesse-Völkner das Set aus winzigem Cape, Moon und Erinnerungsstücken zusammen. Foto: Klempow

Wenn ein Kind vorzeitig zur Welt kommt, wird aus größter Freude tiefster Schmerz. Ein Verein in Gräpel verhilft trauernden Eltern von Sternenkindern zu einem würdevollen Abschied.

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Von Grit Klempow
Sonntag, 28.12.2025, 07:50 Uhr

Gräpel. Behutsam legt Melanie Hesse-Völkner ein Stückchen Trost zusammen. Die winzige Decke liegt vor ihr auf dem Tisch, sie legt noch einen Stoff-Schmetterling dazu. Ihre Bewegungen sind so sachte, als würde sie eine sanfte Berührung gleich miteinpacken. Der kuschelige Stoff wird ein Sternenkind einhüllen.

Ein Kind, das so früh geboren wurde, dass es nie die Chance auf ein Leben hatte. Ein Kind, das von den Eltern geliebt wurde und betrauert und vermisst werden wird - egal, wie wenige Schwangerschaftswochen es im Bauch gelebt hat. Der Verein Sternenzauber & Frühchenwunder will die Eltern in dieser schweren Stunde unterstützen und ihnen einen würdevollen Abschied ermöglichen.

Ein kleines Wunder zu früh auf der Welt

Deshalb nähen überall in Deutschland Freiwillige winzige Babysets in zehn verschiedenen Größen, die so nicht hergestellt werden. Aus bunten, flauschigen Stoffen, um die winzigen Kinder einhüllen und bestatten zu können. „Wenn eine Schwangerschaft nicht 40 Wochen dauert, sondern sich das kleine Wunder viel zu früh auf die Reise ins Leben begibt, beginnt unsere Arbeit“, so der Verein.

Kuscheliger Stoff und kleine Teddys.

Kuscheliger Stoff und kleine Teddys. Foto: klempow

Melanie Hesse-Völkner kennt die Schwere, die trotz der fröhlichen Farben und der Leichtigkeit der Stoffe immer bei der Arbeit mitschwingt. Die Gräpelerin ist aus vollem Herzen dabei. Dass eine der Logistikzentralen und die Geschäftsstelle des Vereins in einer ehemaligen Gräpeler Bäckerei untergebracht ist, hat sie vermittelt.

Schmetterlinge und Deckchen aus Kuschelstoff

Der Tisch mit den Deckchen, gehäkelt oder gestrickt, mit den Sternenbeuteln aus Kuschelstoff, mit Hunderten genähten Schmetterlingen steht mitten im Raum. Er ist umgeben von Regalen. Stoffe lagern hier, Pakete und Kartons mit Material.

Hier in Gräpel kommen Erinnerungsstücke wie gehäkelte Schlüsselanhänger oder Perlenengel an, ebenso wie die Sternenbeutel, Stoffschiffchen oder Mützchen. Und von hier aus wird auch Stoff verschickt, den die Näher und Näherinnen zu Hause zu weichen Trostspendern verarbeiten. Der Verein kann inzwischen auf fast 1500 Helfer zählen, die sich an die Nähmaschinen setzen, zu Strick- oder Häkelnadeln greifen oder Anhänger basteln.

Kleine Wolken als Erinnerungsstücke - eine behalten die Eltern, eine wird mit ihrem Kind begraben.

Kleine Wolken als Erinnerungsstücke - eine behalten die Eltern, eine wird mit ihrem Kind begraben. Foto: Klempow

Melanie Hesse-Völkner ist das Herz in dieser Logistikzentrale des Trosts. Sie packt und verschickt die bestellten Spenden. Mittlerweile unterstützt der Verein mehr als 450 Kliniken, Hebammen, Arztpraxen und Bestatter in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg.

Zusammenarbeit mit 450 Krankenhäusern

Sie weiß: „Wir tun etwas Gutes, und die Eltern sind dafür dankbar.“ Umsichtig packt sie das nächste Set zusammen. Trauer, Verlust und Schmerz, aber auch Hoffnung und Trost sind Teil ihres Alltags. Halt gibt der Austausch der Freiwilligen untereinander. Melanie Hesse-Völkner schätzt die Zusammenarbeit mit dem Vorstand des Vereins und genießt die Näh-Wochenenden. „Zum Seele-Auftanken“, sagt sie.

„Verlust und Tod werden in der Öffentlichkeit nicht gerne besprochen“, sagt Frank Göken-Stöver. Er ist stellvertretender Vereinsvorsitzender. „Wer Bedarf hat, meldet sich bei uns“, sagt er. Das gilt im Einzelfall genauso wie für Krankenhäuser. Alles wird als Spende abgegeben, damit die Eltern sich nicht auch noch um Kosten sorgen müssen.

So groß wie eine Hand ist das weiche Schiffchen, in dem ein Sternenkind begraben werden kann.

So groß wie eine Hand ist das weiche Schiffchen, in dem ein Sternenkind begraben werden kann. Foto: Klempow

Dass eine Schwangerschaft zu früh endet, kommt oft vor. Nur 67 Prozent der Schwangerschaften endeten tatsächlich mit der Geburt eines voll entwickelten Kindes, so der Verein. „Mehr als 300.000 Kinder ziehen im deutschsprachigen Raum jährlich zu den Sternen, weil sie während der Schwangerschaft, der Geburt oder kurze Zeit später versterben.“

Fotografen für Abschiedsbilder

Wenn für die Eltern aus der größten Hoffnung tiefster Schmerz wird, fehlt es in den Kliniken meist am Nötigsten - zum Beispiel an passender Kleidung. Deshalb beliefert der Verein Krankenhäuser oder auch Fotografen, die entsprechend ausgebildet sind und Abschiedsbilder machen.

Andere Kinder kommen zwar zu früh zur Welt, aber sie kämpfen sich mit medizinischer Unterstützung ins Leben - sie sind die „Frühchenwunder“. Schon mit einem Geburtsgewicht von 500 Gramm können sie es schaffen, schildert der Verein. Auch für diese Frühchen fehlt es oft an winziger Kleidung. Das zu ändern, ist der Vorsatz des Helferteams. Damit stützen sie Eltern und Kinder in einer herausfordernden Zeit, bis die Babys groß genug sind.

Sarah Ann Adam ist Schatzmeisterin des fast 500 Mitglieder zählenden Vereins Sternenzauber & Frühchenwunder. Sie zeigt eine Einschlagdecke für ein Sternenkind. Ab der 14. Schwangerschaftswoche können verstorbene Babys in eine Decke gelegt werden.

Sarah Ann Adam ist Schatzmeisterin des fast 500 Mitglieder zählenden Vereins Sternenzauber & Frühchenwunder. Sie zeigt eine Einschlagdecke für ein Sternenkind. Ab der 14. Schwangerschaftswoche können verstorbene Babys in eine Decke gelegt werden. Foto: Klempow

So ist auch Sarah Ann Adam zum Verein gestoßen. „Mein Patenkind ist ein Frühchen, und wir haben damals passende Kleidung bekommen, als er in der Klinik war. Ich wollte etwas zurückgeben.“ Sie ist über den Vorsatz, Söckchen zu stricken, zum Verein gestoßen. Seit dem Frühjahr ist die Staderin Schatzmeisterin des fast 500 Mitglieder starken Vereins.

Verlust auch für die Großeltern

Melanie Hesse-Völkner ist sich sehr bewusst, was Eltern und Großeltern, aber auch Geschwister verkraften müssen, wenn sie von einem Sternenkind Abschied nehmen müssen. Noch immer fehlt es an Verständnis, oft reißen unbedachte Worte emotionale Wunden wieder auf.

Aber die Familien trauern. „Ich glaube, es ist wichtig, die Gedanken loszuwerden, alle müssen wissen, wohin mit ihrer Trauer“, sagt sie. Deshalb hat der Verein ein Postfach eingerichtet.

Asche der Himmelspost fließt mit der Oste fort

Die Familie oder jeder für sich kann an „Himmelspost, Postfach 1131, 21707 Himmelpforten“ schreiben. Der Verein sammelt die Briefe. „Wir lesen sie nicht, sie werden verbrannt und die Asche mit dem Boot auf die Oste gebracht“, erzählt Melanie Hesse-Völkner. Eine Botschaft, „die mit dem Wasser weiterzieht, so wie die Liebe, die niemals vergeht“.

Der Verein nimmt Stoff-, Woll- und Bastelmaterialspenden an, freut sich aber auch über finanzielle Unterstützung. www.sternenzauber-fruehchenwunder.de

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