Gewalttat

TStiller Trauermarsch durch Stade endet mit berührenden Momenten am Hafen

350 Menschen kamen zum Trauermarsch im Gedenken an die sechs Opfer der Gewalttat vom 29. Juni.

350 Menschen kamen zum Trauermarsch im Gedenken an die sechs Opfer der Gewalttat vom 29. Juni. Foto: Klempow

Rund 350 Menschen kamen am Sonnabendnachmittag zum Trauermarsch in die Stader Innenstadt. Vorne weg ein merklich berührter Stefan Wiegner. Er hat den Marsch initiiert.

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Von Grit Klempow
05.07.2026, 01:53 Uhr

Stade. Unter der Überdachung am Sande suchen die Menschen am Sonnabend vor Beginn des Trauermarschs Schutz vor dem Dauerregen. Viele haben Blumen dabei. Ein Mann hält sechs weiße Rosen fest in seiner Hand. Für jedes Todesopfer der Gewalttat in der Dankersstraße eine.

Stefan Wiegner hält ein Megafon in der Hand. Der Stader bespricht sich als Organisator noch kurz mit der Polizei. Die Route steht fest. Vom Sande wird es in die Archivstraße und von dort über den Salztorswall zum Stadthafen gehen.

Das Wetter ist dem Anlass angemessen

Gabi Leichtweiß aus Kutenholz steht in der Menge. Der Regen macht ihr nichts aus. „Selbst der Himmel weint. Das Wetter ist dem bedrückenden Anlass angemessen. Es ist einfach nur traurig. Mit Sonnenschein hätte ich es mir nicht vorstellen können.“, sagt die Trauerrednerin. Sie wird später auf der Bühne am Stadthafen noch ein paar Worte sagen.

Jetzt hat Wiegner das Wort. Der Stader hatte selbst die Initiative ergriffen und den Trauermarsch organisiert. Warum? Wiegner sucht nach Worten, seine Betroffenheit ist ihm anzumerken.

Ein Trauermarsch in aller Stille

„Vielleicht habe ich selbst schon zu viele Abschiede erlebt, ich weiß, wie schwer das ist“, sagt er, bevor er sich an die Menge wendet und darum bittet, in aller Stille zusammen die kurze Strecke zu gehen. Er hat Ordner organisiert, das Kriseninterventionsteam der Johanniter ist in lila Warnwesten dabei, vorweg sichert die Polizei den Weg des Trauerzugs.

Stefan Wiegner ist zutiefst betroffen und hat den Trauermarsch initiiert.

Stefan Wiegner ist zutiefst betroffen und hat den Trauermarsch initiiert. Foto: Klempow

Wiegners Bitte wird erfüllt. Die Möwen und der Regen auf den aufgespannten Schirmen übertönen leise Worte. Mit einer Warnweste ist auch Lukas Weidner als Helfer dabei. Er wird gleich am Stadthafen wie immer in der Stader Hafenkante hinterm Tresen stehen. Aber heute wird er ebenso wie alle anderen Mitarbeitenden seinen Verdienst spenden. Dörte Brockelmann, die warmherzige Chefin in der Hafenkante, spendet den Tagesumsatz für die Hinterbliebenen der Opfer.

Dörte Brockelmann und Stefan Wiegner.

Dörte Brockelmann und Stefan Wiegner. Foto: Klempow

Appell für Mitgefühl und Zusammenhalt

Am Stadthafen wendet sich Stefan Wiegner noch einmal von der kleinen Bühne an die Menge. „Wir stehen hier, um den Angehörigen zu zeigen, dass sie mit dem Schmerz nicht alleine sind“, sagt er. Und: „Heute sind wir hier, weil uns Mitgefühl, Menschlichkeit und gemeinsame Trauer verbinden.“

Wiegners Appell: „Lassen wir nicht zu, dass Hass und Spaltung bestimmen, wie wir mit dieser Tragödie umgehen. Lasst uns Mitgefühl, Respekt und Zusammenhalt als Antwort zeigen.“

Der Trauermarsch endet am Stadthafen mit einer kurzen Kundgebung und einem Benefizkonzert.

Der Trauermarsch endet am Stadthafen mit einer kurzen Kundgebung und einem Benefizkonzert. Foto: Klempow

Die bedrückende Schwere der unfassbaren Tat vom Montag scheint sich in der Schweigeminute noch einmal auf die Menge zu legen. Die Stader Liedermacherin und Sängerin Inga Wehnert stimmt auf der Bühne eine berührende Version von Helene Fischers „Luftballon“ an. Es geht um Abschied, Erinnern und Loslassen - und Text und Musik gehen vielen zu Herzen.

Spontanes Benefizkonzert am Stadthafen

In ihrem Impuls zu helfen und die Traurigkeit gemeinsam zu begleiten haben sich Inga Wehnert, Hafenkanten-Chefin Dörte Brockelmann, Stefan Wiegner und Annelies Schnoor und ihre Tochter Nicky Emeljanov vom Harsefelder Verein „Abend fürs Leben“ spontan zusammengefunden, zu Trauermarsch und Benefizkonzert am Hafen.

Annelies Schnoor vom Verein Abend fürs Leben.

Annelies Schnoor vom Verein Abend fürs Leben. Foto: Klempow

„Als wir von dem tragischen Ereignis erfahren haben, waren wir alle tief erschüttert“, sagt Annelies Schnoor. Hinter den Nachrichten stünden Menschen, Familien und Angehörige, deren Leben von einem Moment auf den anderen aus den Fugen geraten ist.

Viele halten Blumen in den Händen.

Viele halten Blumen in den Händen. Foto: Klempow

„Deshalb haben wir aus dem ursprünglich geplanten Wohnzimmerkonzert ein Benefizkonzert hier in Stade gemacht“, so Schnoor. Alle Einnahmen und Spenden gehen an die Hinterbliebenen der Opfer.

Die Stader Liedermacherin und Sängerin Inga Wehnert spielte eine berührende Version von Helene Fischers Lied „Luftballon“.

Die Stader Liedermacherin und Sängerin Inga Wehnert spielte eine berührende Version von Helene Fischers Lied „Luftballon“. Foto: Klempow

Enrico Bergmann (FDP), Kai Koeser (SPD) und Daniel Friedl (CDU) richten sich aus den Reihen der Politik mit ihren Reden an die Menge, beschwören den Zusammenhalt. „Wir müssen wieder genauer hinsehen und miteinander den Austausch finden“, so Bergmann. „Zusammenhalt zeigt sich, wenn das Leben uns herausfordert, wenn Trauer größer ist als Worte und Menschen füreinander einstehen“, sagt Koeser.

Blumen und Kerzen am improvisierten Gedenkort am Hafen.

Blumen und Kerzen am improvisierten Gedenkort am Hafen. Foto: Klempow

Inga Wehnert greift zur Gitarre und stimmt „Halleluja“ von Leonard Cohen an. Sie fordert zum Mitsingen auf. Die Menschen vor der Bühne stimmen in den Refrain ein - und singen zusammen mit fester Stimme.

Gedenkveranstaltung auch in Garbsen

Bereits am Vormittag hatte die Stadt Garbsen zu einer interreligiösen Gedenkfeier in der Aula eines Schulzentrums eingeladen. Zum Hintergrund: Drei der sechs getöteten Menschen arbeiteten für das Jugendamt der Region Hannover.

Niedersachsens Ministerpräsident erinnerte in einer Rede an die drei Mitarbeiter des Jugendamtes, die sich auf den Weg nach Stade zu dem Gespräch in die Jugendhilfeeinrichtung gemacht hatten, um ihre Aufgabe zu erfüllen – und dann getötet wurden. „Es ist unerträglich, und es schmerzt uns alle“, sagte Lies laut Redemanuskript. „Wir sind im ganzen Land vereint“, sagte der SPD-Politiker. „In unserer Trauer, in unserer Fassungslosigkeit – und auch in der Wut darüber, dass ein solches Verbrechen geschehen kann.“ Er sagte weiter, man denke heute auch an Kollegen der Getöteten – etwa in Einrichtungen der Jugendhilfe, in Jugendämtern und in sozialen Diensten. Viele seien verunsichert. „Es ist jetzt unser aller Aufgabe, dafür zu sorgen, dass diejenigen, die für andere Menschen da sind, mit dieser Verunsicherung nicht allein gelassen werden.“ (gh, dh, dpa)

Die Stader Hafensänger tragen Trauerbinden.

Die Stader Hafensänger tragen Trauerbinden. Foto: Klempow

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