TStrandlauf im Regen: Jonas Kötz und die Kunst des Lebens mit der Elbe
Surfer, Segler, Künstler und Krautsander aus vollem Herzen: Jonas Kötz. Foto: Richter
Die Klamotten werden nicht trocken. Krautsand begrüßt TAGEBLATT-Reporterin Anping Richter auch am zweiten Tag mit Regen. Zum Glück lenkt sie jemand ab, der extrem wetterfest ist.
Krautsand. Mein Hüttennachbar Carsten, der Radfahrer aus Frankfurt, sieht am Montagmorgen unglücklich aus. Es regnet schon wieder. „Nachmittags soll noch Wind dazukommen, hoffentlich von der richtigen Seite“, sagt er betrübt, als wir uns verabschieden.
In regenfester Jacke ziehe ich los, denn ich bin auf Empfehlung der Crew vom Ewer Catharina mit einem Krautsander Künstler verabredet. „Ich bin gerade von einer Ausstellung zurück und packe noch aus, aber ich muss noch mit dem Hund gehen. Komm doch einfach mit“, hat Jonas Kötz am Telefon gesagt.
Der Künstler ist auch Segler und Surfer
Sein Werk muss ich wohl nicht mehr vorstellen: Fast jeder Norddeutsche kennt die charakteristischen knollennasigen Figuren aus seiner Werkstatt, die in vielen Orten als Kunst im öffentlichen Raum zu sehen sind. Jonas Kötz ist auch Kinderbuchillustrator, Segler, Surfer - und seit 31 Jahren von Herzen Krautsander.

Massives Eisen: Der Mann mit der dicken Nase vorn wiegt 60 Kilo, die kleine Katze immerhin auch schon 20. Foto: Richter
„Hier bleiben wir“, sagte seine Frau Ami, als sie damals durch einen Zufall auf den Hof kamen. Wer auf dem Deich auf das allein liegende Anwesen zuläuft, spürt sofort, warum: Links liegen unter hohen Bäumen das alte Fachwerkhaus, die reetgedeckte Durchfahrtsscheune mit dem Atelier, das Backhaus und der große Garten, rechts die Elbe und der breite Sandstrand.
Damals wohnte hier die Schauspielerin Angela Winkler. Sie wollte aber lieber nach Südfrankreich auswandern, was ich ihr an diesem kühlen, verregneten Julitag nicht verdenken kann.
Fisch wird erst Kunst und dann Mahlzeit
Jonas Kötz muss nicht mehr viel auspacken, denn die Ausstellung war ziemlich erfolgreich: Vier Wochen bei der „Kunst Schaffen 2026“ in Flensburg haben er und seine Frau Ami Kötz gerade hinter sich. Er mit seinen Figuren, sie mit ihren Fischdrucken, die durch ästhetischen Minimalismus und Detailreichtum zugleich bestechen. Sie verewigt beim Segeln gefangene Fische, die sie mit Tinte auf Seidenpapier abdruckt. Gyotaku heißt diese anspruchsvolle japanische Technik.

Er kennt sich aus: Jonas Kötz streift mit Hund Fritzi täglich durch die Vegetation zwischen Deich und Elbstrand. Foto: Richter
Fritzi, der Hund, muss dringend raus. Ich verlasse das wunderschöne - und trockene - Atelier voller Kunstwerke nur ungern. Jonas Kötz dagegen verschwendet offenbar keinen Gedanken an das Wetter und schlüpft in kurzen Hosen und Socken in seine Crocs.
Versteckte Pfade zum Strand
Oft gehe er einfach barfuß: „Dann bekomme ich am Strand wenigstens keine nassen Schuhe.“ Mit Fritzi geht er voran und scheint in Reet und Gestrüpp zu verschwinden. Dort liegt die sogenannte Alubrücke, eine Leitplanke, die mal jemand über den Graben am Deichweg geworfen hat. Durch Weiden und Weißdorn führt ein schmaler Pfad zum Strand.
Der Strand ist weit, menschenleer und voller Schwalben, von denen es hier auf Krautsand viele gibt. Sie sind wie verrückte Kunstflieger unterwegs und schrammen fast mit ihrem Bauch über den Boden, wenn sie über dem Strand umhersausen.
T D/A in Saisonvorbereitung: Konkurrenzkampf fördert Trainingsniveau
Am Wasser entlang gehen wir in Richtung Ortsmitte und Strandbuden, während Jonas Kötz erzählt, wie er zum eingefleischten Insulaner wurde. Er und Ami kennen sich schon seit der Schulzeit in Blankenese und sind an der Elbe aufgewachsen. Als er zwölf war, griff die Wasserschutzpolizei ihn und seinen Kumpel vor den Hamburger Landungsbrücken auf, wo sie mit einem Optimisten unterwegs waren.
Manche sammeln Autos - er bevorzugt Boote
Seine Frau segelt besser als er und übernimmt bei Regatten das Steuer, sagt Kötz. Dass jemand auf Krautsand wohnt und kein Boot hat, verstehe er nicht. Er hat mehrere: eine Jolle vor Ort, ein Segelboot in Dänemark und die 120 Jahre alte Schleppbarkasse Paulina, die im Ruthenstrom liegt - das ist der Nebenfluss der Elbe, in den die Krautsander Binnenelbe mündet.
T So geht es weiter auf der Elbhalbinsel Krautsand
„Die Strandzeit ist richtig cool, da gehen wir oft hin“, sagt Kötz, als wir am Elbanleger angekommen sind. Er meint die Strandbar hinter den Körben, die bei diesem Wetter verschlossen bleiben. Auch früher, als es das Elbstrand-Resort noch nicht gab, kamen schon Touristen nach Krautsand. Aber nicht so viele wie heute.

Bei diesem Wetter bleiben die Strandkörbe zu. Foto: Richter
Das liegt vielleicht auch am Elberadweg. Hunderte, ja Tausende Radfahrer sind hier unterwegs. Es könnten noch sehr viel mehr sein, sagt Jonas Kötz - wenn da nicht ein Hindernis wäre: das Wischhafener Sperrwerk. Für eine alternative Querung hat er viele Jahre gekämpft.
Die Chance auf eine Fahrradfähre vertan
Sein Haus ist elbabwärts das letzte vor dem Wischhafener Sperrwerk. Das dürfen Radfahrer in Richtung Cuxhaven aber nur am Wochenende zwischen 10 und 12 Uhr und 17 und 19 Uhr passieren - ansonsten ist geschlossen.
T So geht es weiter auf der Elbhalbinsel Krautsand
Mein Hüttennachbar Carsten kann ein Lied davon singen: Als er kurz nach 19 Uhr im Regen von Cuxhaven kommend am Sperrwerk ankam, hoffte er noch auf die Dornbuscher Brücke, die zurzeit wegen Reparatur gesperrt ist. Schließlich musste er von Drochtersen nach Krautsand fahren.
Das sind sechs Kilometer Umweg, die nicht nötig wären, wenn es eine Fahrradfähre gäbe, sagt Kötz. Von dieser Idee hatte er schon viele Politiker vor Ort überzeugt. Er hatte Fördergelder aufgetan und schien kurz vor dem Ziel zu stehen. Doch das Vorhaben wurde doch noch gekippt: „Der Gemeinderat Drochtersen war zu blöd, das Potenzial dieses Wegs zu erkennen - und ist es immer noch.“

Schäfer Steffen erzählt, warum sie Ziegen zwischen Schafen weiden lassen: Sie fressen auch, was Schafe nicht so gerne mögen. Foto: Richter
Wir kehren wieder um und schauen auf dem Rückweg bei den Schäfern vorbei. Auf Krautsand grasen auch Ziegen, was ich ungewöhnlich finde. Es hat aber einen guten Grund, sagt Schäfer Steffen: „Die fressen vieles auf, was die Schafe stehen lassen.“

Deichschafe mit Spiralhörnern sind selten. Auf Krautsand gibt es sie - und Ziegen obendrein. Foto: Richter
Zurück auf dem Kötz-Hof bekomme ich noch eine Atelier-Führung und bewundere unter anderem einen knollennasigen Holzengel. Er ist das Modell eines Taufengels, der heute 100 Kilo schwer und 1,20 Meter groß in der Kirche in Osten schwebt.
Draußen im Garten fordert Kötz mich auf, eine Katzenfigur in die Hand zu nehmen. Sie ist kaum anzuheben. „Vollmaterial“, sagt Kötz strahlend. Die kleine Katze wiegt 20 Kilo. Massives Eisen hat es ihm angetan, seit ein Gießer ihm sagte, dass so eine Figur 300 oder 400 Jahre lang halte - oder für immer: „Seitdem bin ich Feuer und Flamme.“
Der Bildhauer steht auf ehrliches Eisen
In Steinkirchen steht so ein Eisentyp mit Knollennase vor der Kirche auf Zehenspitzen und sieht dabei ganz leicht aus. Doch Gerhard, so heißt er, wiegt locker 350 Kilo. Viele Künstler arbeiten in Bronze. Für Kötz kommt das nicht infrage: „Schickimicki. Bei Eisen kommt außerdem niemand auf die Idee, das wegen des Materialwerts abzusägen.“ Auf Friedhöfen werden Bronzeengel immer öfter deswegen gestohlen.
Den Unterbau für die Eisenfiguren macht übrigens die Schlosserei Lorenzen auf Krautsand. „Das ist mein Laden. Ich liebe das“, sagt Kötz, der dort häufig vorbeischaut.
Das klingt gut. Ulf Lorenzen habe ich auf dem Ewer Catharina kennengelernt, und er hat mich eingeladen. Aber Dienstag habe ich aber schon andere Termine: mit Beatrice Claus vom WWF und mit dem orts- und geschichtskundigen Hermann Oltmann. Ein Fahrrad für die Tour mit ihnen habe ich jetzt: Ami Kötz hat in Hamburg zu tun, und ich darf bis Freitag ihres benutzen. Krautsand ist bisher wirklich gut zu mir. Außer beim Wetter.
T Bier am Vormittag und die Frage: Ist Krautsand überhaupt eine Insel?
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