Archiv

Der rote Weg zeigt die bisherige Radstrecke zum Sperrwerk, das nur wenige Stunden am Wochenende geöffnet ist. Der gelbe Weg führt zur geplanten Fahrradfähre nach Wischhafen über die Wischhafenersandstraße, dann rechts ab in den Kahlesand bis zum Hof Wetegrove. Von dort müsste die Gemeinde links ab eine etwa 800 Meter lange Strecke zum geplanten Anleger radfahrtauglich befestigen. Fotos: Google Maps/ Montage Finnern und

Der rote Weg zeigt die bisherige Radstrecke zum Sperrwerk, das nur wenige Stunden am Wochenende geöffnet ist. Der gelbe Weg führt zur geplanten Fahrradfähre nach Wischhafen über die Wischhafenersandstraße, dann rechts ab in den Kahlesand bis zum Hof Wetegrove. Von dort müsste die Gemeinde links ab eine etwa 800 Meter lange Strecke zum geplanten Anleger radfahrtauglich befestigen. Fotos: Google Maps/ Montage Finnern und

Seit dreieinhalb Jahren plant der Krautsander Künstler Jonas Kötz eine Fahrradfähre über die Süderelbe. Am Anfang herrschte große Euphorie über die Initiative. Doch mit dem neuen Standort gibt es Widerstand aus der Landwirtschaft - und damit auch in der Politik.

Von Susanne Helfferich 27.05.2018, 11:30 Uhr

Jonas Kötz ist ein über die Grenzen Deutschlands hinaus angesagter Holzbildhauer und Illustrator. Die Nachfrage nach seinen dicken Männern mit Knollennase ist auch nach 20 Jahren ungebrochen. Er hat genug zu tun. In der wenigen freien Zeit, die er hat, könnte er segeln oder andere schöne Dinge machen. Doch seit dreieinhalb Jahren steckt Jonas Kötz viel Zeit in die Entwicklung einer Fahrradfähre von Krautsand nach Wischhafen. Vor einem halben Jahr sah es so aus, als wäre er kurz vorm Ziel. Doch jetzt gibt es Widerstand aus der Drochterser Politik.

Zur Erinnerung: Jonas Kötz lebt seit 1997 mit seiner Familie auf Krautsand. Sein Haus ist das letzte am Elberadweg – und das erste, auf das enttäuschte Radtouristen treffen, nachdem sie auf dem Weg elbabwärts am Wischhafener Sperrwerk wieder umkehren mussten. Unzählige Male haben der Künstler und seine Frau Amy Radlern erklärt, dass das Sperrwerk nur am Wochenende passierbar ist und sie auf den Umweg über Dornbusch geführt. Irgendwann hatte Kötz die Nase voll und entwickelte die Idee einer Fahrradfähre.

Als der Künstler die Idee vor dreieinhalb Jahren erstmals dem Verwaltungsausschuss des Drochterser Gemeinderates präsentierte, seien alle begeistert gewesen, erinnert sich Kötz. Alle Fraktionsvorsitzenden hätten ihm ihre Unterstützung zugesagt. „Das war der Grund, warum ich mich überhaupt dahinter geklemmt habe“, erzählt der 53-Jährige. Er schrieb ein Konzept und gründete einen Förderverein, um Spendengelder und Zuschüsse einzuwerben. 50 000 Euro Sponsorengelder und 75 000 Euro EU-Förderung kamen so zusammen. Weitere 25 000 Euro sicherten jeweils zur Hälfte die Gemeinden Wischhafen und Drochtersen zu. Geld, das sie bisher für die zeitweise Öffnung des Sperrwerkes gezahlt hatten. Es ist ein knappes Budget. Aber durch geschicktes Verhandeln konnten Kosten gesenkt werden, allein für das Schiff von veranschlagten 95 000 auf 36 000 Euro. Auch könne ein Verein von niedrigen Lohnkosten ausgehen, so Kötz, da die meisten Fährleute ehrenamtlich arbeiteten.

Doch jetzt scheint die Basis, auf der der Initiator dreieinhalb Jahre gearbeitet und Geld eingeworben hat, brüchig. CDU und FWG äußern Bedenken. Für die Sitzung am Dienstag wurde ein umfangreicher Fragenkatalog eingereicht (19 Uhr im Ratssaal).

Knackpunkt ist der neue Standort“, sagt Kötz. Er hatte zunächst geplant, die Süderelbe in Nachbarschaft des Sperrwerks zu kreuzen. Doch die Realisierung an dieser Stelle wäre durch die hohen technischen Anforderungen und behördliche Auflagen zu hoch geworden. 325 000 Euro standen damals im Raum, 150 000 Euro aber nur zur Verfügung. Der Krautsander suchte einen neuen Standort und nahm eine Idee auf, die schon einmal zwischen den Gemeinden Wischhafen und Drochtersen im Rahmen der jeweiligen Dorferneuerung im Gespräch war: die 1964 eingestellte Fährverbindung zwischen dem Wischhafener Hafenpriel und Krautsand (Kahlesand). Sowohl das Naturschutzamt als auch das Wasser- und Schifffahrtsamt gaben ihr Okay. Und auch die Eigentümer der Flächenfür die Zuwegung willigten ein.

Bei dieser Lösung würden die Elberadwanderer wie bisher zunächst parallel zum Strand auf der Elbstraße fahren, dann in die Wischhafenersandstraße einbiegen, nach ein paar hundert Metern in den Kahlesand, der dann zur ehemaligen und künftigen Anlegestelle führt; die letzten 800 Meter unbefestigter Weg. Ein anderer Weg vom Sperrwerk entlang der Wischhafener Süderelbe ist aus naturschutzrechtlichen Gründen nicht möglich.

95 Prozent der potenziellen Radfahrstrecke führe über öffentliche Wege, ein kleines Stück über ungeklärtes Eigentum. „Es geht um 800 Meter, die radfahrtauglich befestigt werden müssten“ sagt Kötz.

Das war der Stand, den er im Dezember vergangenen Jahres in einem TAGEBLATT-Interview präsentierte. Wenige Wochen danach gab es im Januar ein Treffen mit Gemeindevertretern und Krautsander Landwirten. Damit setzte der Widerstand ein: Landwirte hätten die Route abgelehnt, weil die Radfahrer den landwirtschaftlichen Verkehr auf dieser Strecke behindern könnten, erzählt Kötz. Ein Landwirt habe behauptet, er verliere pro Stunde 500 Euro, wenn dort Radfahrer unterwegs wären. „In der Tat ist der Weg an seiner schmalsten Stelle so eng, dass ein Güllewagen kaum durchkommt“, hat Kötz beobachtet, „wenn dann tatsächlich 30 000 Radfahrer im Jahr über Krautsand radeln, kann das zu einem Problem werden. Aber es ist ein lösbares“ – etwa durch Ausweichbuchten. Dafür aber müsste die Gemeinde Drochtersen Geld in die Hand nehmen.

Kurz nach dem Gespräch mit den Landwirten sei die CDU zurückgerudert und habe eine neue Kostenberechnung gefordert – die inzwischen vorliegt und sich weitestgehend mit der von Kötz deckt. Auch die FWG stehe nicht mehr zu der vor dreieinhalb Jahren zugesagten Unterstützung. Sie lehne die Fähre nun ab, so Kötz.

Jonas Kötz ist ratlos. „Ich bin überrascht, wie wenig Zuspruch dieses Projekt in der Politik erhält. Ich dachte, es sei ein Selbstgänger“, sagt er. Wahrscheinlich habe niemand damit gerechnet, dass er als spinnerter Künstler eines Tages tatsächlich mit einem fertigen Projekt um die Ecke komme, mutmaßt der gebürtige Hamburger. Jetzt sei die Gemeinde am Zug. „Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, dieses Projekt politisch durchzusetzen.“ Er glaubt, dass die handelnden Personen vor Ort die Leuchtkraft des Projektes und die Auswirkungen auf den Tourismus völlig unterschätzen. „Soll ich jetzt den Sponsoren, die an dieses Projekt geglaubt haben, ihr Geld zurückgeben?“, fragt er. Das wäre sicher ein schlechtes Zeichen nach außen. Aber Jonas Kötz hätte mal wieder Zeit zum Segeln. Doch aufgeben will er noch lange nicht.

Die Zusatzkosten: Die Gemeinde Drochtersen hat die Kosten für die Zuwegung über Wischhafenersand und Kahlesand errechnet. Die Ertüchtigung des Stückes zwischen Gemeindestraßen und Anleger würde 55 000 Euro kosten. Eine Reparatur der gemeindeeigenen Straße Kahlesand wird mit 221 000 Euro beziffert. Die Kosten für den Bau von Ausweichbuchten mit 1770 Euro pro Stück für Pkw und 7000 Euro pro Stück für Traktoren mit Anhängern.

Karin Mietzner, Geschäftsführerin der Tourist-Info in Kehdingen setzt große Hoffnung in die Fahrradfähre. „Wo immer es eine Fähre gibt, fahren die Leute hin, um sie zu benutzen, egal wie klein sie ist“, weiß sie aus dem Austausch mit anderen Touristikern. Die Fahrradfähre wäre ein Highlight für Kehdingen, sagt sie. Ganz oft kritisierten die Radfahrer, dass sie am Sperrwerk umkehren und einen Umweg fahren müssten.

Edgar Goedecke, Samtgemeindebürgermeister in Nordkehdingen, hofft auf die Realisierung der Fähre. „Sie würde Kehdingen touristisch aufwerten“, sagt er. Die touristische Entwicklung auf Krautsand mache sich auch in Nordkehdingen bemerkbar. „Es gibt viel mehr Bewegung von dort zu uns, besonders viele Radfahrer sind unterwegs.“

Rigo Gooßen, Hotelier auf Krautsand, wünscht sich die Realisierung der Fähre so schnell wie möglich. Viele seiner Gäste seien Radtouristen und sie bedauerten die Situation am Sperrwerk. Die Fähre sei „eine fantastische Idee von Jonas Kötz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Drochterser Politik mehrheitlich eine Gegnerschaft zur Fähre gibt.“ Für den Tourismus auf Krautsand würde sie einen unheimlichen Aufwind bringen, so Gooßen.

Bianca Zydek, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes im Landkreis Stade, macht deutlich, dass der Radtourismus im Landkreis eine sehr große Rolle spielt. „Der Elberadweg ist zum 16. Mal zum beliebtesten Fernradweg gekürt worden. Das ist nicht zu unterschätzen“, sagt sie. Die Radfahrer ließen eine Menge Geld in der Region. Da passe die Fähre gut hierher und auch gut zu Krautsand.

 

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.