TTrainer erklären: Darum setzen Amateurvereine auf Videoanalyse mit KI
„Die Ufos sind da“, sang Nina Hagen 1985. Hier handelt es sich jedoch nur um Veo-Cams im Abendhimmel, fotografiert beim Pokalspiel zwischen dem SV Blau-Weiß Bornreihe und dem Rotenburger SV. Beide Teams nutzen diese KI-gestützte Technik. Foto: Freese
Inzwischen ist die smarte Spielanalyse sogar im Amateurfußball angekommen und erlaubt neue Einblicke für Trainer und Teams. Aber nicht jedes System überzeugt.
Rotenburg. Ein wenig wirken sie wie Ufos, diese grün-futuristischen Kisten, die in einigen Metern Höhe an einem langen Stativ in der Nähe der Mittellinie das Spielfeld in ihren Fokus nehmen. Mittlerweile tauchen sie sogar paarweise auf. Doch grüne Männchen krabbeln da nicht raus, die Regie führt vielmehr die Künstliche Intelligenz.
KI-gestützte Videokameras sind keine günstige Investition
Auch im Amateurfußball wird der Gebrauch von KI-gestützten Videokameras immer mehr zu einem „Must-have“. Die Veo-Cam, inzwischen die dritte Generation, gehört bei vielen Clubs der Region ab der Bezirksliga aufwärts zur Standardausrüstung. Es ist keine günstige Investition, die sich die Vereine da für ihre Spielanalyse leisten. „Aber es hilft definitiv“, sagt Dennis Mandel, Trainer bei den Landesliga-Kickern des Rotenburger SV.
In Rotenburg haben sie mit Kameras durchaus ihre Erfahrungen gemacht. Nicht nur gute. Bis 2023 hatte die Firma Sporttotal im Stadion einen modernen „Starenkasten“ fest installiert. Vier Jahre lang übertrug er die Spiele live ins Internet mit einem 180-Grad-HD-System, bei dem das sogenannte Hawk-Eye (übersetzt: Falkenauge) wie von Geisterhand dem Spiel folgte.
Für eine Spielanalyse, die sich die Trainer wünschten, waren die Aufnahmen jedoch kaum zu gebrauchen. Zu oft verlor die „intelligente“ Kamera schlichtweg den Ball aus den Augen. Als dann eine massive Kostenerhöhung anstand, kündigte der RSV den Vertrag.
Mittlerweile ist Sporttotal aus dem Amateurfußball ziemlich verschwunden und der Kölner Streaming-Anbieter hat Anfang des Jahres die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung beantragt.
Systeme werden vor allem für Nachbetrachtung der Spiele genutzt
Viele Vereine nutzen mittlerweile andere Systeme für ihre Zwecke, insbesondere für die Nachbetrachtung ihrer Partien. Manche sind auf Staige umgestiegen, andere auf die Veo-Cam. „Die folgt besser dem Ball als früher Sporttotal“, bemerkt Mandel. Auch die beiden Bezirksligisten TV Sottrum und SG Unterstedt haben sich den grünen Kasten angeschafft. „Das kam auf Wunsch der ersten Herren“, erzählt Sottrums Spartenleiter Thomas Holzkamm.
Seit rund anderthalb Jahren diene der Trainingsdienstag nun auch der Spielanalyse. „Das wird schon richtig genutzt“, sieht Holzkamm das Geld für die Anschaffung der Kamera (1 600 Euro) sowie die monatliche Miete für die Software (im Sottrumer Fall 57 Euro) gut angelegt. Ähnlich ist es in Unterstedt, nur dass dort der Mittwoch der Analysetag ist. „Es sind immer drei Spieler eingeteilt, die dann drei, vier Szenen raussuchen sollen“, erklärt Trainer Patrick Werna.
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Er schätzt, dass in der Bezirksliga mittlerweile fast alle Mannschaften auf die Veo-Cam zurückgreifen. „Bei unseren Heimspielen standen da schon öfter zwei Kameras direkt nebeneinander“, erzählt auch Holzkamm von den Sottrumer Spielen. Mehrere Landesverbände, unter anderem der niedersächsische, haben mit dem aus Dänemark stammenden Sportkamera-Hersteller ebenfalls Verträge geschlossen.
Vereine rechnen mit 1000 Euro pro Jahr für die Software
Veo wirbt mit seiner „integrierten KI-gestützten Spielverfolgungs-Technologie“, ein Kameramann ist überflüssig. Dafür kostet das einfachste Paket monatlich laut Website 39 Euro, das teuerste das Vierfache – Extras wie eine Liveübertragung kommen zusätzlich hinzu. In Unterstedt kalkulieren sie „jährlich mit einem Tausender für die Software“, wie Werna verrät.
Für die Anschaffung der Veo-Cam hat sogar die Mannschaft ihren Obolus dazugeschmissen. „Aber nicht nur, um die schönen Tore anzugucken“, meint Werna schmunzelnd. „Du kannst sogar eine Coaching-Cam einstellen und sehen, wie die Trainer sich verhalten“, erzählt wiederum Mandel. „Und wenn du die große KI-Software nimmst, das ist schon geil, da geht schon einiges.“
KI-System schneidet Torschüsse, Eckbälle und Freistöße zusammen
In der Paket-Variante, für die sich der RSV entschieden hat, schneidet das System eigenständig Torschüsse, Eckbälle und Freistöße zusammen. „Das reicht völlig aus. Einige Sachen schneiden wir auch selbst noch zusammen“, erzählt Co-Trainer Timo Kanigowski. „Manche Szenen spielen wir gezielt der Mannschaft vor.“ Mandel ergänzt: „Wenn es gravierende Sachen sind, nehmen wir ein, zwei Szenen mit raus. Wenn die Jungs das sehen, können sie nicht sagen: ,Ja aber, Trainer ...‘“
Kanigowski findet: „Es ist eine gute Sache, wir haben die sogar schon ein-, zweimal im Training aufgestellt.“ Auch Werna outet sich als „Riesen-Fan“. Er ist überzeugt: „Das hat enorm was gebracht. Wenn du es den Jungs zeigst, machen sie nicht jeden Fehler zehnmal, sondern nur noch drei- oder viermal. Und du kannst viel mehr ins Detail gehen – Stellungsspiel, Standardsituationen. Das hat manche Spieler enorm weitergebracht.“