Zähl Pixel
Eis und Emotionen

TTrumps Politik: Studentin erlebt Medienhype um Grönland

Besonders schätzt Norja Walther die Nähe zur Natur – Fjorde, Berge und die Ruhe der Arktis.

Besonders schätzt Norja Walther die Nähe zur Natur – Fjorde, Berge und die Ruhe der Arktis. Foto: privat

Norja Walther aus dem Kreis Rotenburg startet ihr Auslandssemester in Nuuk. Plötzlich prägen politischer Druck, deutsche Presseanfragen und eine ungewöhnliche Nähe zur Arktis ihren Alltag.

Von Pia Willing Samstag, 14.03.2026, 11:00 Uhr

Wenn man den Nachrichten glauben darf, verstecken sich derzeit manche Deutsche in Nuuk, der Hauptstadt Grönlands, auf ihren Dachböden, um den Journalisten zu entkommen. Für Norja Walther klingt das erst einmal nach einem Witz und doch weiß sie, wie sich plötzlicher Medienrummel anfühlt: „Zum Anfang des Jahres habe ich wirklich von vielen deutschen Pressevertretern Anfragen bekommen“, erzählt sie lachend. Gejagt fühlt sie sich trotzdem nicht – zumal sie zu diesem Zeitpunkt gerade in Deutschland bei ihrer Familie war.

Von norddeutschen Feldern zu grönländischen Fjorden

Die Reise von Norddeutschland in die Arktis begann in einem kleinen Dorf zwischen Wiesen und Wald. „Was sich hier vertraut anfühlt, ist die Nähe zur Natur“, sagt Norja. In Stapel, im Landkreis Rotenburg, blickte sie aus ihrem Küchenfenster auf Felder, in Nuuk auf einen Fjord und dahinter schneebedeckte Berge – alles anders, aber auf seltsame Weise vertraut.

Jagen gehört in Grönland zur Kultur – wie bei der Schneehuhnjagd im tiefsten Winter, die Norja Walther gemeinsam mit ihren Freunden erlebt.

Jagen gehört in Grönland zur Kultur – wie bei der Schneehuhnjagd im tiefsten Winter, die Norja Walther gemeinsam mit ihren Freunden erlebt. Foto: privat

Schon als Jugendliche interessierte sie sich für den Norden Europas. Mit 17 verbrachte sie ein Austauschjahr in Norwegen, lernte die Kultur der Sami kennen und entwickelte eine Faszination für die Arktis. Später studierte sie Europäische Kulturen und Gesellschaft in Flensburg.

Jetzt lesen

Als das verpflichtende Auslandssemester näher rückte, suchte sie nach einem ungewöhnlichen Ziel – und stieß auf die Universität in Nuuk. „Ich habe eine lange E-Mail geschrieben und gefragt, ob ich kommen darf, obwohl es keine Partnerschaft zwischen den Universitäten gibt“, sagt die 26-Jährige. Die Antwort kam nur wenige Minuten später: Ja – einfach das Formular ausfüllen.

Der Blick aus Norja Walthers Studierendenwohnheim in Nuuk: bunte Holzhäuser, das weite Meer und schneebedeckte Berge im arktischen Licht.

Der Blick aus Norja Walthers Studierendenwohnheim in Nuuk: bunte Holzhäuser, das weite Meer und schneebedeckte Berge im arktischen Licht. Foto: Norja Walther

Im August 2022 kam sie nach Nuuk. Schon wenige Wochen später merkte sie, dass sie bleiben wollte. Im Oktober rief sie ihre Eltern an: „Ich habe ihnen gesagt: Ich würde hier gern bleiben.“ Einen Rückflug hatte sie ohnehin nie gebucht. Was ursprünglich als Auslandssemester gedacht war, ist längst zu mehr geworden: zur Wahlheimat.

Zwischen Stadt und Wildnis: Leben in Nuuk

Nuuk zählt knapp 20.000 Einwohner und ist das politische Zentrum Grönlands, das insgesamt nur etwa 57.000 Menschen beheimatet. Für Norja ist die Stadt ein Ort voller Gegensätze: „Hier hat man alle Bequemlichkeiten des modernen Lebens“, sagt sie. Doch nur wenige Schritte außerhalb beginnt eine völlig andere Welt. „Wenn man über den Berg wandert oder mit dem Boot in den Fjord fährt, ist man plötzlich weg von allem. Kein Internet, keine Straßen – nur Natur. Selbst an einem schönen Sonntagnachmittag merkt man dann schnell, dass die Arktis ihre eigenen Regeln hat – hier geht es ruckzuck ums Überleben“, erzählt die Studentin.

An der Ilisimatusarfik – der Universität Grönlands – wird Norja Walther bald ihren Master in Arktischen Gesellschaftswissenschaften abschließen.

An der Ilisimatusarfik – der Universität Grönlands – wird Norja Walther bald ihren Master in Arktischen Gesellschaftswissenschaften abschließen. Foto: Norja Walther

Das spürt man auch im Alltag: Fast alles wird importiert und wenn die Schiffe wegen Packeises nicht in den Hafen kommen, bleibt das Obst- und Gemüse-Regal im Supermarkt oft leer. Nicht umsonst hat fast jeder eine extra große Kühltruhe zu Hause. Traditionell wird viel gejagt, und Fisch wird für schlechtere Zeiten eingefroren. Außerdem sind die Wege lang, spontane Wochenendbesuche wie in Deutschland? Kaum möglich. „Entweder man ist hier zusammen in Nuuk – oder man ist weit voneinander entfernt“, sagt die Stapelerin.

Ein Stück Heimat holt sie sich manchmal über das Radio: „Ich höre Bremen Eins, wenn ich unterwegs bin. Plötzlich sitze ich bei Minus 16 Grad im Auto, draußen Schneegestöber, und höre Nachrichten aus Deutschland. Es ist ein absoluter Kontrast – und trotzdem fühlt es sich in dem Moment ein bisschen wie Zuhause an.“

Tradition, Wandel – und ein koloniales Erbe

Grönland gehört formal zum Königreich Dänemark, ist aber weitgehend autonom – und diese Geschichte prägt das Land bis heute. Nuuk war einst Ausgangspunkt der dänischen Kolonisierung, bei der versucht wurde, die grönländische Kultur an dänische Vorstellungen anzupassen. Dabei kam es zu schweren Menschenrechtsverletzungen: Zwangsverhütungen an grönländischen Mädchen und Frauen, die sogenannte „Umerziehung“ von Kindern in dänischen Internaten – bis heute ein traumatisches Kapitel für viele. Trotzdem nähert sich Grönland heute zunehmend europäischer Politik und Wirtschaft an.

Norja Walther beim Eismeersaibling-Fischen. In der grönländischen Tundra werden Mücken bei Windstille schnell zur Plage – ein engmaschiges Kopfnetz gehört deshalb oft zur Standardausrüstung.

Norja Walther beim Eismeersaibling-Fischen. In der grönländischen Tundra werden Mücken bei Windstille schnell zur Plage – ein engmaschiges Kopfnetz gehört deshalb oft zur Standardausrüstung. Foto: privat

„Die Gesellschaft ist modern“, sagt Norja. „Und gleichzeitig ist die Verbindung zur Inuit-Kultur sehr stark.“ Immer wieder gebe es Phasen, in denen Fragen von Identität und Dekolonisierung besonders intensiv diskutiert würden. Auch unter Jugendlichen sei das Interesse an den Traditionen der Inuit groß, und viele engagierten sich, um Kultur und Werte lebendig zu halten.

Medienrummel und Trumps Pläne belasten Einwohner

Seitdem sich Donald Trump erneut für Grönland interessiert, ist die Insel stärker denn je im Fokus der Öffentlichkeit. In Nuuk spürt man das unmittelbar: Plötzlich stehen Massen von Journalisten in der Stadt. Einige Reporter seien unsensibel vorgegangen, hätten Kinder auf der Straße zu Themen wie Krieg befragt. „Das hat viele Menschen hier wirklich belastet“, sagt Norja.

Wie angespannt die Stimmung zeitweise war, zeigte ein Stromausfall in der Stadt. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Doch diesmal reagierten manche Bewohner anders. „Eine Freundin erzählte, ihre Tochter habe Angst bekommen, dass jetzt die Amerikaner kommen“, sagt die 26-Jährige.

Frisch aus dem Fjord: Der Eismeersaibling wird direkt vor Ort in der Natur ausgenommen und filetiert.

Frisch aus dem Fjord: Der Eismeersaibling wird direkt vor Ort in der Natur ausgenommen und filetiert. Foto: privat

Manche Schlagzeilen wirken trotzdem fast absurd. Als Trump ankündigte, ein Lazarettschiff nach Grönland schicken zu wollen, reagierten Norja und ihre Freunde zunächst mit Kopfschütteln. „Wir haben uns das angeschaut und gedacht: Was ist das denn jetzt?“, erzählt sie. Später stellte sich heraus: Das Schiff wäre ohnehin zu groß für den Hafen von Nuuk gewesen. Trotz solcher Momente bleibt ein mulmiges Gefühl. „Man weiß, dass Trump unberechenbar ist“, sagt Norja.

Grönland: Wir sind offen – aber nicht zu verkaufen

Viele Grönländer nehmen die neue Aufmerksamkeit zwiegespalten wahr. Einerseits besteht die Gefahr, geopolitisch zum Spielball großer Mächte zu werden. Andererseits eröffnet die Situation neue Möglichkeiten. „Grönland bekommt plötzlich eine Bühne. Viele Geschichten und Perspektiven aus dem Land erreichen ein weltweites Publikum“, sagt Norja. Ein Satz, den man hier immer wieder hört: „We are open for trade, but we are not for sale.“ („Wir sind offen für Handel, aber wir stehen nicht zum Verkauf.“)

Besonders gut gefällt Norja Walther auch der Osten Grönlands. In Tiniteqilaaq ist sie weit weg von allem – und gleichzeitig ganz bei sich.

Besonders gut gefällt Norja Walther auch der Osten Grönlands. In Tiniteqilaaq ist sie weit weg von allem – und gleichzeitig ganz bei sich. Foto: privat

Langfristig ist Norja überzeugt, dass Grönland unabhängig sein wird. „Unabhängigkeit bedeutet nicht, alle Beziehungen abzubrechen“, betont sie. Vielmehr gehe es darum, die eigene Zukunft selbst zu gestalten. Dabei könnten Partnerschaften im Nordatlantik wichtiger werden – etwa mit Island, Kanada oder den Färöern.

Was sie von Grönland gelernt hat

Trotz aller großen politischen Themen sind es oft die kleinen Dinge, die Norja am meisten prägen. Die Nähe zur Natur etwa – Fjorde, Berge und Schnee statt norddeutscher Wiesen. Oder die Ruhe einer kleinen Gemeinschaft, in der man sich ständig begegnet.

Proteste gegen die US-Politik: Grönland will keine Schachfigur im Machtkampf zwischen Dänemark und den USA sein.

Proteste gegen die US-Politik: Grönland will keine Schachfigur im Machtkampf zwischen Dänemark und den USA sein. Foto: Norja Walther

Und auch eine andere Art des Umgangs miteinander. „In Deutschland hat man oft das Gefühl, man muss laut sein, um Raum zu bekommen“, sagt sie. „Hier gibt man einander Raum. Man unterbricht nicht, man hört zu.“ Diese Haltung hat sie verändert. Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion aus ihrem Leben in der Arktis: „Wenn Menschen anders leben als wir, sollten wir erst versuchen zu verstehen – bevor wir urteilen.“

Zusammen mit ihren Freunden zieht Norja Walther durch die Tundra – bei der Rentierjagd mitten in der unberührten Wildnis.

Zusammen mit ihren Freunden zieht Norja Walther durch die Tundra – bei der Rentierjagd mitten in der unberührten Wildnis. Foto: privat

Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel